Samstag, 26. Dezember 2009

Hail to the King Baby!

Eine Lobhudelei auf Stephen King

Hallo, es ist 3:53 Uhr als ich diesen Text beginne und ich muss einfach einiges loswerden. Die Menschen die mich persönlichen kennen, stöhnen jetzt wahrscheinlich auf und überfliegen das alles nur. Dennoch versuche ich auch denen etwas zu bieten.
Ich versuche im Folgenden eine Lobhudelei auf meinen Lieblingsautor zu schreiben. Auf jemanden, dessen man sich fast schämen muss Anhänger seiner Werke zu sein, weil er so stark verkannt wird wie kein zweiter (darauf komme ich noch zurück). Jemand der mich durch mein Leben begleitet, seit ich zwölf Jahre alt bin und dessen Werke mich stärker geprägt haben, als die der meisten Musiker, Filmemacher und im allgemeinen Künstler zusammen. Ich rede natürlich von Stephen King.

Nun bitte ich alle, die vorhaben das hier zu lesen und von King nicht viel mehr als seinen Namen und vielleicht zwei bis drei seiner Verfilmungen kennen, die bisherigen Assoziationen so gut es geht beiseite zu schieben.
Vergesst wie reißerisch der Heyneverlag Kings Buchtitel ins deutsche „interpretiert“ (Tommyknockers = Das Monstrum, Duma Key = Wahn, Blaze = Qual oder Everything’s Eventual = Im Kabinett des Todes, um nur mal ein paar Beispiele zu nennen), oder wie flach und 0815 seine Verfilmungen sind und den Eindruck vermitteln, Stephen King schreibe nur billige Slasher-Kost. Vergesst was amerikanische Kritiker sagen, wenn sie behaupten King wäre „Lese-Fastfood“ ohne Gehalt und nicht annähernd so „sättigend“ wie die Konkurrenz. Holt ihn weg aus der Ecke der Dan Browns, Wolfgang Hohlbeins und Dean Koontz (entschuldigt wenn ich jetzt jemanden diffamiert habe, den ihr mögt) und betrachtet ihn, allein mit Hilfe der Faktoren die nötig sind, um die Qualität eines Autors zu bemessen.
Auch wenn das so wirkt, als wäre ich ein verblendeter Fanboy, welcher jeden morgen mit feuchten Tröpfchen in der Shorts aufwacht, weil er von seinem Idol geträumt hat, kann ich viel der starken Kritik mit der sich King konfrontiert sieht verstehen und auch viele Lobeshymnen auf einige seiner Bücher nicht nachvollziehen.
King ist meiner Meinung nach ein ambivalenter und vor allem flexibeler Autor. Für dessen immens hohen Output (ich weiß, Anglizismen stinken), erstaunlich viel Qualität vorhanden ist, der aber auch schon viel Scheiße verzapft hat. Zeitverschwendungen wie „Der Buick“, „Desperation“ und „Tommyknockers“ lassen mich immer noch förmlich erzittern.
Nun, bevor ich zu den angekündigten Faktoren die nötig für die Qualität eines Autors sind komme, muss ich die persönliche Aktualität dieses Eintrags verdeutlichen.
Nach meinem einjährigen sehr amüsanten und mitreißendem Ausflug in die Ecke der Misanthropie, mit Hilfe der Autoren Faldbakken, Welsh und Palahniuk, von denen ich auch keinen mehr missen möchte, bekam ich am 6. Dezember „Die Arena“ (org: Under the Dome), den neuen Kingroman geschenkt. 1280 Seiten, welche ich just vor einer halben Stunde beendet habe.

Wieder King zu lesen, war wie nach dem Urlaub nach Hause zu kommen. Der Urlaub war total schön, aber irgendwie freut man sich auf Zuhause und kaum ist man da, genießt man jede ruhige Minute in seinem Lieblinssessel, obwohl der Strand wunderschön war. Vielleicht war es psychosomatisch, aber King hat mich sofort wieder gepackt. Ich hatte wenig Zeit, aber die die ich entbehren konnte, las ich und über die Feiertage hab ich bis eben einen 800 Seiten Marathon über drei Etappen gemacht. Ich war schon immer ein gieriger aber nicht zwingend ein schneller Leser.
Nun habe ich das neuste Werk Kings beendet, von dem ich wirklich Angst hatte, dass es schlecht wird, weil ich nicht wusste ob mich King noch über so eine Länge fesseln kann, nachdem ich bei Lisey´s Story schon beinah vor Langeweile einging. Er konnte es und wie.
Kommen wir zu der Bewertung Kings. Natürlich beziehe ich mich hier auf rein subjektive Faktoren, da man wie ich finde, selbst Literatur nicht auf die pure Technik reduzieren darf. Natürlich kann man anhand derer Urteile wie „gut“ oder „schlecht“ fällen. Ich habe davon aber nicht genügend Kenntnisse um das bei King zu beurteilen und ich lese ihn fast nur übersetzt, was mich sowieso disqualifiziert.
Es ist ähnlich wie bei allen anderen Kunstprodukten, man muss wissen worauf man sich bezieht. Will man alles von der technischen Seite betrachten und einen Autor nur anhand dessen bewerten wie gut er mit Sprache umgehen kann? Ich persönlich finde, dass man dabei nicht vergessen sollte was Zweck der Instrumente sind, welche die Sprachfähigkeiten eines Autors darstellen. Alles läuft darauf hinaus Geschichten zu erzählen. Und das ist meiner bescheidenen Meinung nach, der wichtigste Punkt an dem ein Autor zu bemessen ist. Natürlich gibt es Autoren die es schaffen beides in einer unfassbaren Synthese miteinander zu verknüpfen, überragende Technik und eine Geschichte die dir den Rucksack vom Rücken haut. Nicht umsonst sind die Orwells, Dickens und Goethes so unangreifbar, was die Qualität ihrer Werke angeht.
Also haben wir unseren Rahmen abgesteckt, in dem wir uns King ansehen wollen. Der rein Subjektive Rahmen meiner eigenen kleinen Weltsicht. Wie bei allem anderen ist es natürlich eine Frage des Geschmacks. Es gibt genügend Leute die wie ich, für ihren Autor eintreten und ihn auf Gedeih und Verderb verteidigen und diese Leute wollen eigentlich nicht mehr, als ich mit diesem Text erreichen will, dass dieser Autor eine echte Chance bekommt. Der Unterschied ist, dass King nicht zu unbekannt, sondern zu bekannt ist. King zu lesen ist wie Golf zu fahren, Die Ärzte zu hören oder Schokolade als Lieblingseissorte zu haben.
Jeder hat eine Meinung zu King, auch ohne sich selbst mit ihm befasst zu haben. Er ist der Horrortyp, dieser Blutrünstige, mit dem Monsterclown aus „Es“.
Das meine ich mit dem beinah schämen müssen. King ist für so gut wie alle die ihn nie gelesen haben Groschenroman Niveau. Einfach nur aufgrund der vielen Eindrücke, des wohl bekanntesten Autors der Welt, die so auf einen einprasseln. Viele davon stimmen auch, ich glaube King hat viele Leser, die nicht verstehen worauf er hinaus will und die blutigen Stellen in seinen Büchern am besten finden. Dennoch sollte jeder, der gerne Bücher liest Stephen King aus Maine zumindest eine Chance geben.
Ich versuche an einem Vergleich mit einem momentan extrem bekannten Autors, Kings vorteile deutlich zu machen. Vorhang auf für Danny-Boy.
Dan Brown und Stephen King weisen viele Ähnlichkeiten auf. Beide haben anscheinend das Talent, binnen kürzester Zeit immens viele Menschen für ihre Geschichten einzunehmen. Sie erzählen spektakuläre Geschichten, die dazu führen, dass man ihre Bücher verschlingt. Der große Knackpunkt sind die Charaktere und dort ist King meiner Meinung nach so gut wie einzigartig.
Was bleibt den Leuten von Robert Langdon (Protagonist in Browns „Illuminati, Sakrileg, Das verlorene Symbol) im Gedächtnis? Was denkt Robert Langdon? Warum handelt er so wie er handelt? Was zeichnet ihn aus, außer seiner Position innerhalb des Romans?
Langdon ist meiner Meinung nach austauschbar. Langdon ist einem auch im Grunde genommen Egal. Man will zwar wissen wie es weitergeht, aber würde es mich stören wenn ihm ein Fuß abgehackt wird? Wenn er gefoltert werden würde? Nein, kein Stück. Höchstens dadurch das die Geschichte nicht weiter geht. Dan Brown versucht Langdon Ecken und Kanten zu geben. Die Platzangst, die Micky Mouse Uhr. Aber er versagt.
Stephen King nimmt sich Zeit für seine Charaktere und schafft das meistens ohne den Leser zu langweilen. Die Protagonisten und Antagonisten haben eine Seele. Man lernt sie mit dem Buch kennen und viel wichtiger, verstehen. King ist unantastbar darin, fiktiven Personen Leben einzuhauchen und das ist wörtlich gemeint.
Die Menschen die King erschafft, kann sich der Leser in einer anderen Umgebung vorstellen und hat eine Idee davon, wie sie sich verhalten. Alles was sie tun, ergibt einen Sinn, es steht im direkten Bezug zu ihrer Persönlichkeit. King schafft es Wahnsinnige Gegenspieler zu schaffen (Randall Flagg, Norman Daniels, Die Rennies, George Stark) vor denen sich auch der Leser fürchtet, aber sie dennoch irgendwie versteht, was sie noch beängstigender macht und Sympathieträger zu skizzieren (Jonsey-Biber-Henry-Pete, Alan Pangborn, Dale Barbara) die mehr sind als Figuren in einem Roman. Es sind Charaktere die sich in der Vorstellung des Lesers materialisieren und dort existieren. Sie sind Menschen für die man etwas empfindet. Es ist schwer zu beschreiben bis man es erlebt, aber King schafft eine Mitleidigkeit mit seinen Figuren, die mir sonst nie unterkam.
Genau diese Figuren sind es, um die es bei King geht. Es geht selten wirklich um den alten Indianerfriedhof, das zum Leben erwachte Auto das beginnt zu morden oder den dämonischen Clown. Es handelt von Menschen die einen interessieren, und sie ein Stück durch ihr Leben zu begleiten. Zu erleben was sie erleben und noch mehr, zu fühlen was sie fühlen. Diese Nähe zu den Charakteren, schafft King meistens erst durch die Extremsituationen herzustellen in die diese geraten. Leider sind es die Extreme für die er bekannt ist, dafür das er nicht zimperlich mit Gewalt umgeht, dafür das er die abstrusesten und manchmal auch dämlichsten Einfälle hat. Aber das wofür King bekannt ist, ist nicht seine größte Stärke.
Ich gehe hier absichtlich nicht auf die „Dark Tower“ Reihe ein, welche quasi Kings stärken potenziert und somit ein unfassbar intensives literarisches Werk ist, sondern spreche hier nur von dem „Groschenroman King“ dessen Filme man kennt. Auch wenn die Filme teilweise Klassiker sein mögen, Brian de Palmas „Carrie“ zum Beispiel, ist es für sie unmöglich die unfassbare Nähe zu den Figuren zu transportieren, welche man beim Lesen hat.
Diese Nähe ist es auch, was bewirkt, dass ich restlos alles von King lese. Auch Bücher wie „Der Buick“, welches ich schon nach den ersten 100 Seiten als schrecklich lustlos und eintönig empfand, konnte ich nicht einfach aufhören zu lesen, weil mir das Schicksal der Protagonisten trotz aller Antipathie der Geschichte gegenüber, irgendwie am Herzen lag. Eine Geschichte ist immer nur so gut oder schlecht wie ihre Charaktere. Deshalb ist Stephen King in meinen Augen ein genialer Geschichtenerzähler, Autor und Künstler. Die Empathie, welche King erschafft, ist einzigartig und kann nur Kunst sein. Kein Fastfood, kein niveauloses Blutbad, kein schlichter Gruselroman, sondern wahrhaftige Kunst. Wenn Kings Bücher Lehm wären, wäre er niemand geringeres als Gott, weil er Menschen erschafft und nicht bloß Figuren.

So, am Ende wurde ich etwas schwammig, aber die Müdigkeit hat mich eingeholt. Auch wenn die Schleimspur die ich hinterlasse ziemlich dick ist, wird hoffentlich klar das sie ehrlich und einigermaßen differenziert (soweit möglich für einen Fanboy) ist.
Mfg KaZper

Dienstag, 22. Dezember 2009

Filmriss Teil 10 a)

Leppert

10


Nachdem Leppert seine extrem intime Beziehung mit dem Kaktus beendet hat und ihm jegliche sichtbaren Stacheln entfernt wurden, werde ich von hinten sanft in die Seite gepiekst. Mein Kopf hat jegliche Arbeit aufgrund des starken Alkoholeinflusses aufgegeben, weswegen ich mir gar keine Gedanken mache wer das sein könnte und mich einfach umdrehe.
Tanja steht mit einem angedeuteten Lächeln vor mir, ich hingegen trage als ich sie sehe ein fettes Betrunkenen-Grinsen zur Schau, das selbst Andrea Bocelli richtig interpretieren könnte.
Ihr Blick verfinstert sich einen kurzen Moment lang, dann ist er wieder freundlich, diesmal aber gespielt freundlich „Bist du schon voll? Es ist ja nicht einmal elf.“ „Joa, man könnte sagen ich bin…beeinträchtigt, ja. Hatten vorhin ne kleine Wodka-Session im Garten.“ „ Das ist aber schon ziemlich asozial. Also ich will dich nicht beleidigen aber schon so voll zu sein, bevor die Party richtig losgeht…“
Eine Diskussion darüber wie besoffen ich nun wirklich bin und inwiefern das gerechtfertigt sei entbrennt. Das ich verliere ist klar, der Alkohol hat mich zu einem rhetorisch Minderbemitteltem gemacht. Ich bin der Meinung das es prinzipiell doch keinen Unterschied macht wann ich betrunken bin und das es hirnlos sei, die Angemessenheit des volltrunken sein an der Tageszeit zu messen. „… und wenn ich bis um neun Uhr morgens saufe und dann vollstorno zum Bäcker gehe, ist es auch wieder assi. Also ist saufen nur in diesem kleinen scheiß Zeitfenster zwischen Zwölf und Sechs möglich oder wie?“ „Genau… oder findest du es nicht asozial wenn beim Bäcker einer neben dir, der sich aufgrund seiner drei Promille kaum noch auf den Beinen halten kann? Diese Party ist quasi der Bäcker und du der schwankende Typ den alle unheimlich peinlich finden…“

Ich schau in das Gesicht von Fabian. Seine dunklen mittellangen Haare rahmen es ein. Sie sind perfekt harmonisch gewellt. Seine hellblauen Augen sehen aufgeweckt aber auch irgendwie nachdenklich aus, ich kann mir gut vorstellen, dass viele Frauen diesen Blick als sexy interpretieren. Er trägt ein Poloshirt das seinen Körper betont, welcher mit seinen breiten Schultern und der ausgeprägten Oberkörpermuskulatur ungefähr das Gegenteil von meinem ist. Das Becks-Gold in seiner Hand, ist nahezu perfekt mit dem Etikett in meine Richtung gedreht, es fehlt nur noch der eingeblendete Slogan. Vor mir sitzt ein lebendes Werbeplakat. „Du hast was gesagt?!“. „ Das ich hoffe, dass sie behinderte Kinder bekommt und dabei stirbt.“.
„Oh, da kann man verstehen das sie sauer ist, dass hättest du auch anders sagen können.“ Obwohl ich nicht glaube, dass das wirklich ein Witz war, Fabian mag zwar nachdenklich aussehen, aber ich bezweifele das in seinem Hirn mehr Betrieb herrscht, als in dem Laden in dem wir uns gerade befinden, muss ich lächeln.

Fabian und ich kennen uns entfernt von Früher, es gab einen gewissen Konsens im Freundeskreis, so ist man sich ab und zu über den Weg gelaufen. Ich hatte ihn schon Jahre nicht mehr gesehen, weiß aber um mehrere Ecken, ohne das es mich je interessiert hätte, dass er mittlerweile modelt und irgendwo am Theater spielt. Als ich dann in diese Kneipe (die einzige die an einem Wochentag um drei Uhr morgens noch auf hat) gekommen bin, hat er mir hallo gesagt und mir angeboten mich zu ihm zu setzen.
Jetzt ist erneut eine Stunde vergangen, ich habe beinah in Rekordzeit vier Weißbier und drei doppelte Whisky in mich reingeschüttet. Der Alkohol umhüllt mich erneut mit der wohligen Watte des Rausches. Das schlechte Gewissen, sowie mein Hass und meine Wut (sowohl auf mich selbst, als auch auf Tanja), werden abgeschwächt und in den Hintergrund gerückt. Ich kann mir nicht erklären, warum ich ausgerechnet so einem dämlichen Schönling wie ihm erzähle was vorgefallen ist, aber auch die Erklärungsnot bremst mein Mitteilungsbedürfnis nicht.
„Und dann bin ich einfach gegangen, da gabs dann ja eh nichts mehr zu sagen. Ich mein, ich weiß das das nicht wirklich Gentlemanlike war, aber jetzt ist auch zu spät“ Fabian sammelt sich kurz und überlegt, dann sagt er: „Also Ben, das is halt echt n hartes Brot. So was kannste ja nicht einfach sagen…“ und fügt mit einem beinah genialen Einfall noch hinzu: „…das ist ja auch verletzend und so!“. Eine gesegnete Eingebung jagt die nächste: „Ey, du hast es aber halt echt nicht so einfach grade. Erst trennt ihr euch ne?“ er wartet auf meinen bestätigendes Nicken bevor er fortsetzt: „Dann der Autounfall von Hagen,…“ mein Magen verkrampft sich kurz „hab ich in der Zeitung gelesen, scheiß Alkohol am Steuer, echt heftig! Und jetzt das. Verstehste was ich sagen will? Das ist wie, wie heißt der eine noch...?“
Ich schaue ihn verständnislos an, bin aber tatsächlich ein bisschen davon überrascht das Fabian es geschafft hat, dass alles in einen Zusammenhang zu bringen. „Na man, der eine aus der Bibel, der dem immer sone Scheiße passiert. So als Prüfung oder so…“ „Meinst du Hiob?“ „Ja genau! Vielleicht ist das bei dir auch so eine Prüfung oder so? Musste mal so sehen, prositiv denken, immer prositiv denken“
Ich muss dem beinah unbezwingbaren Drang, die Augen zu rollen und mir mit der flachen Hand an die Stirn zu klatschen widerstehen. Obwohl es ein leichtes wäre Fabian für seine Ambivalenz von Aussehen und Intelligenz zu verachten, sammelt er gerade einen Pluspunkt nach dem anderen bei mir. Außerdem erinnert er mich momentan ein bisschen an meine persönliche Vorstellung von Zaphod Beeblebrox aus „Per Anhalter durch die Galaxis“ und Zaphod kann man einfach nicht böse sein.
Trotz der herrlichen Sinnlosigkeit seiner Aussagen, versucht er anscheinend wirklich mir zu helfen. Mir, dem der ihn immer verachtet hat, weil er nur ein Schönling ist, der nicht lesen kann ohne unter jedem einzelnen Wort mit dem Finger entlang zu fahren. Meine Gedanken springen von diesem Klischee des geläuterten Misanthropen den ich gerade abgebe, zu dem was Tanja sagte.
„Das ist echt wie in irgendeiner scheiß Soap, sie hatte tatsächlich recht, dass kann man sich ja kaum ausmalen so kitschig wie das alles ist!“ Ich habe den Gedanken, Alkohol sei dank, sofort ausgesprochen, genau wie mein Gegenüber vorhin, welcher mich nur fragend ansieht. Der nächste meiner Gedanken wird auch sofort artikuliert „Sag mal, ich quatsch dich hier jetzt seit einer Stunde voll, was machst du eigentlich hier?“ „Ja man, das hätte ich dir schon noch erzählt, ich habe heute nen fetten Vertrag abgeschlossen. Für eine Fernsehwerbung von Nivea man. Das gibt richtig Kohle und ich muss nichts dafür tun, außer mir oberkörperfrei vor nem Spiegel die Fresse mit sonem Zeug einzureiben…“ Es folgen Details darüber, wann und wo und was genau zu sehen sein wird, aber auch wenn er es verdient hätte, dass ich ihm jetzt zuhöre, kann ich einfach nicht. Meine Kopfschmerzen sind schlagartig wieder da, begleitet von ihrem neuen besten Kumpel dem Schwindelgefühl, außerdem hat sich mein Magen seit der Erwähnung von Lepperts Unfall nicht wieder entspannen können. Ich versuche mir nichts anmerken zu lassen, aber auf einmal unterbricht Fabian seine Erzählung. „Alter das seh ich ja jetzt erst. Hast du irgendwas geschmissen?“. Ich höre ihn so dumpf und metallisch als hätte ich einen Ritterhelm auf. Obwohl, besser noch als hätte er einen auf. „Ob ich was habe?“ bringe ich in einem schmerzerfüllten Stöhnen hervor. „Was geschmissen. Ne E oder besseres“ „Nein ?! Warum…“ „Alter das sieht man doch, brauchst mir nichts erzählen. Deine Pupillen sind total komisch und…“ er neigt seinen Kopf ein wenig um mir direkt in die Augen zu schauen, ganz schwach sehe ich die Silhouette meines eigenen Spiegelbildes auf seiner Iris „… du schielst glaube ich sogar ein bisschen“ Ein breites Grinsen schleicht sich auf sein Gesicht. „Du bist auf irgendwas drauf man, mir musste nichts erzählen, man lebt nur einmal richtig?“ Ich stehe vom Tisch auf, der Alkohol scheint extrem angeschlagen zu haben, ich habe Probleme gerade zu stehen und muss mich kurz auf einer Stuhllehne abstützen bevor ich Richtung Gäste WC torkele. Ich halte mich am Rande des Waschbeckens fest und erbreche ein bräunlichen Schwall, welcher meinen Hals gefühlt in Flammen stehen lässt. Als ich hochsehe, in mein eigenes Spiegelbild, blicke ich in ausgezehrte, rot angelaufene und tatsächlich leicht schielende Augen. Ich versuch mich zu erinnern ob ich schon immer so geschielt habe, aber der Alkohol knipst die Lichter in meinem Kopf nacheinander langsam aus.



Fortsetzung folgt...


Anm. d. Autors : Um mir selbst ein bisschen Druck zu machen und zu verhindern das ich diesen Teil erneut von vorne beginne wie schon zwei mal, habe ich jetzt erstmal ein Teil von Kapitel 10 veröffentlicht. Ich hoffe ich komme jetzt wieder in Fahrt.
Falls man sich bis dahin nicht liest, wünsch ich allen die hier mal vorbeigucken ein frohes Fest und den ganzen anderen Kram
Mfg KaZper

Montag, 7. Dezember 2009

Weitere Verzögerungen

Trotz der Wiederaufnahme der Arbeit komme ich momentan irgendwie mit meinem Zeitmanagment nicht so richtig hin. Denke das alles wird sich noch ein bisschen ziehen. Trotzdem werde ich bis vor Weihnachten auf jeden Fall wieder voll einsteigen...
KaZper

Mittwoch, 25. November 2009

Arbeit wieder aufgenommen

Ok, ich habe den Umzug und einigen anderen persönlichen Kram soweit hinter mir und beginne genau jetzt wieder mit der Arbeit am nächsten Teil. Hoffe das ich vielleicht noch diese Woche oder spätestens am Beginn der nächsten soweit bin.
Vielen dank für die Aufmerksamkeit

Donnerstag, 5. November 2009

Verzögerungen

Hallo zusammen.
Nur mal ne kurze Meldung. Aufgrund meines Umzuges als auch einer dicken Erkältung die ich mit mir rumschleppe, wird sich der nächste Teil leider etwas verschieben. Ich rechne so mit der dritten Novemberwoche.
So long.

Donnerstag, 29. Oktober 2009

Filmriss Teil 9

Ich, Prinz Porno

9


ob ich dir Glück wünsch oder nicht,
das weiß ich nicht.
allein nur der Gedanke daran
ist für mich einfach fürchterlich
No Exit – Ohne dich



Es nieselt ein wenig, als ich frisch geduscht und mit noch feuchten Haaren in mein Auto steige. Ich schaue in den Innenspiegel und fühle mich wieder ein bisschen wie ein Mensch. Ein paar Blessuren sind mir natürlich geblieben. Die Beule auf meiner Stirn kommt mir golfballgroß vor und meine Nase ist stark geschwollen. Außerdem plagen mich immer wieder stechende Kopfschmerzen. Meinen abgebrochenen Zahn vergesse ich so lang, bis ich mit der Zunge gegen ihn stoße.
Es ist 1:47 Uhr als ich den Motor starte und die Armaturen aufleuchten. Das Radio, welches das Tape ausspuckt, dass zu Ende gelaufen ist, springt zurück auf den voreingestellten Classic-Rock-Sender. Lou Reed singt „Walk on the Wildside“, bevor das Lied mit dem charakteristischen „doop, doo doo, doo doo, doop doo doo“ und dem Saxophonsolo ausklingt.
Während der Autofahrt kämpfe ich noch mit verschwommenen Erinnerungen an meinen Traum. Ich versuche mich zwanghaft an den großen Zusammenhang des ganzen, als auch an den Typen zu erinnern, dem der Fänger im Roggen abgenommen wurde. Keine Chance, wie gelöscht.
Meine Gedanken springen hin und her wie die Nadel in einer kaputten Schallplatte. Ich frage mich kurz was Tanja eigentlich jetzt genau will? Ich hab ihr gesagt wir könnten uns bei ihr treffen. Ich wollte nicht, dass sie sieht, dass ich es in vier Monaten nicht fertig gebracht habe richtig einzuziehen. Was könnte sie von mir wollen? Und warum klang sie so extrem ernst? Ich hab keinen blassen Schimmer und hätte eigentlich auch Anderes zu tun, ins Krankenhaus zu fahren, mich bei den Lepperts und Chris zu entschuldigen, fertig einzuziehen und Ähnliches, aber ich konnte ihr noch nie eine Bitte abschlagen. Ich bin halt doch nur ein abgerichtetes Schoßhündchen.
Der Radiomoderator, wie jeder seiner Gattung einzigartig unlustig, erzählt irgendeine Guns`n`Roses Anekdote und schon beginnt „Knocking on Heavens Door“. Viel zu abgedroschen jetzt. Ich höre lieber mein Tape weiter, drehe es um und drücke auf play.

Als ich vor Tanjas Wohnung ankomme, muss ich erst einmal ruhig im Auto sitzen bleiben. Ich schalte die Innenbeleuchtung an, klappe die Sonnenblende herunter, atme tief durch und betrachte mich im Spiegel. Ich binde mir meinen Zopf neu und bemerke dabei, dass meine Hände zittern. Als ich mir eine abhanden gekommene Haarsträhne wegwische, streiche ich über die kleine weiße Narbe, welche sich direkt zwischen meinen Augenbrauen befindet.


„So, du weißt jetzt wo meine Narbe her ist, jetzt will ich auch wissen wo die da herkommt.“ Sagt sie und tippt mit ihrer Fingerspitze genau zwischen meine Augenbrauen. „Nun gut, weil dus bist.“ Antworte ich und muss mich dabei stark anstrengen nicht zu sehr zu lallen. „Das war Leppert. Nein, wirklich! Wir warn am See, also alle zusammn. Wir hatten uns jede Menge dieser kleinen fünf Liter Fässer gekauft. Und nach dem zweiten oder drittn, kam jemand auf die grandiose Idee Football damit zu spielen. Also haben wir uns da auf die Wiese gestellt und mit nem Fass Football gespielt. Das ging auch alles noch ganz tutti, aber wir waren halt auch schon ziemlich abgedichtet. Irgendwann also, läuft Leppert so ein Soloding, obwohl er Tagesvollster ist, schmeißt sich hin und macht nen Punkt. Touchdown. Wie auch immer du das nennen willst. Er liegt da, neben mir und krallt sich an diesem Fass fest. Steht einfach nicht auf, liegt da immer weiter rum. Dann beug ich mich runter und will ihm gerade meine Hand hinhaltn um ihm aufzuhelfen, als er irgendwas brüllend, dass Ding zu Chris schmeißen will, welcher hinter mir steht, weil Leppert so voll ist, dass er nicht bemerkt das der Spielzug schon lange vorbei ist. Hat nicht so funktioniert der Pass, hat mir das Ding voll ins Gesicht geworfen. Natürlich gleich schön Platzwunde. Alle haben übelst die Panik geschoben und mir erzählt, wie schlimm das aussieht und dass ich auf jeden Fall genäht werden müsste. War natürlich Quatsch. Als ich dann total storno im Krankenhaus ankam, haben die das nur geklebt. Nun gut, die Narbe hab ich behalten.“ Im Laufe der Erzählung begann sie zu lachen und sieht mich jetzt schmunzelnd an. „Ihr seid ja ganz schöne Idioten. Selber schuld. Also tschuldige, aber das ist echt dämlich.“

Der Rest des Abends zieht schnell und zunehmend verschwommen an mir vorbei. Ich bin mittlerweile total voll, wie so oft von einem Moment auf den anderen und verliere die Kontrolle über mein Sprachzentrum und beginne ihr vorzubrabbeln wie sympathisch und hübsch sie ist. Ich meine, dass stimmt aber es ist dennoch alles andere als charmant wenn jemand der beim Pissen kaum noch das Klo trifft ihr das vorblubbert. Im Geiste bin ich noch ein wenig klar, nur leider nicht fähig das auf den Rest von mir zu transportieren. Alles was ich sage, hört sich vorher in meinem Kopf gut und interessant an, sobald ich es aber ausgesprochen habe kommt so was wie „ Deine Augen sind total groß“ dabei heraus. Ein großes Problem ist auch, dass sie eindeutig nüchterner ist als ich. Sie ist daran interessiert ein Gespräch aufzubauen, vielleicht eine richtige Diskussion, was weiß ich, aber ich bin zu nichts mehr zu gebrauchen. Sie beginnt über die Uhrzeit zu reden, darüber das es schon fast sechs sei und sie sich ein Taxi rufen müsse. Ich schlage ihr vor das sie bei mir pennen könne und dann morgen in aller Ruhe nachhause fahren könnte. Ich schaffe es noch, ihren misstrauischen Blick zu interpretieren und versichere ihr, dass ich in meinem Sessel penne und sie mein Bett haben kann. Sie lächelt wieder und willigt ein, unter Bedingung, dass wir morgen zusammen frühstücken und ich sie zum Bus bringe.
Wir bezahlen und gehen zu mir, beim Spaziergang schaffe ich es kaum die Spur zu halten und stoße immer wieder gegen sie. Sie lächelt nur, hakt sich bei mir unter um mich so zu stützen.
Wir sind bei mir, sie sagt sie geht ins Bad, ich setzte mich inklusive meiner Jacke in meinen Sessel und schlafe sofort ein.

Ich steige aus meinem Auto und gehe auf die Tür zu. Als ich auf den Taster für das Licht drücke, stehe ich noch einen Moment unter der Lampe mit den Klebeziffern 1 und 9 und sammele meine Gedanken, bevor ich mich traue den Klingelknopf zu betätigen.

Als ich die Treppen zu Tanjas Wohnung hochsteige, steht sie schon im Türrahmen. Im ganzen Haus ist es unheimlich still, man hört nur mein leichtes Atmen. Sie nickt mir mit einem traurigen aufgesetzten Lächeln zu und betritt ihre Wohnung. Ich säubere meine Schuhe mit Hilfe von Tweetys Gesicht auf einer Fußmatte und folge ihr. Als ich die Tür schließe sagt sie nur „Hi, setz dich schon mal ins Wohnzimmer, bin gleich da“. Ich überlege kurz ob ich die Schuhe ausziehen sollte, entscheide mich dann aber dagegen. Ich begebe mich in das liebevoll eingerichtete Wohnzimmer mit lauter Fotos von Freunden und sonstigem Nippes. Mit den Händen auf den Rücken, wie der Stereotype Museumsbesucher, nähere ich mich einer großen Glasvitrine in der Unmengen weiterer Fotos zu finden sind. Sowohl in Bilderrahmen ordentlich aufgestellt, als auch an die Rückwand gepinnt, oder an die Glasscheibe geklebt. Ich entdecke nur ein Foto auf dem ich zu sehen bin. Kein Wunder, ich bin auch immer jeglichen Fotos aus dem Weg gegangen, ich hasse die gestellten Posen und das aufgesetzte Lächeln das man auf solchen einnimmt. Auf dem Foto stehe ich mit hochrotem Kopf und einer Hand vor dem Mund neben Leppert, welcher rauchend in kurzer Hose auf einer Tischkante sitzt während ein Mädel, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnern kann, mit einer Pinzette vor ihm kniet.


Wir sind alle auf einer Party von einer Bekannten. Jessica ist ein Lehrerkind und ein ziemliches liebes Mädel, wir kennen uns zwar nicht ziemlich gut, aber sie ist ganz nett. Das Haus ihrer Familie ist etwas Außerhalb und in meinen Augen ein Palast. Ein riesiger Wintergarten, voll mit allerhand Pflanzen und der Rest des Hauses sehr modern eingerichtet. Ihre Eltern sind heute auf einen Wochenendtrip nach Paris aufgebrochen und da Jessi mit Chris auf dieselbe Schule geht, haben wir es alle irgendwie auf die Party geschafft.
Tanja kommt auch noch, ich hab sie seit unserer Duo-Tournee nicht mehr gesehen. Wir waren am nächsten morgen was essen und ich hab sie wie versprochen zum Bus gebracht. Dennoch war der Morgen danach komisch, sie war eigenartig. Ich fand sie immer noch hinreißend aber sie hat nur kurz angebunden geantwortet und quasi nichts von allein erzählt. Wir haben uns umarmt und ich hab mich nicht getraut nach ihrer Telefonnummer zu fragen. Das ist jetzt drei Wochen her und heute sehe ich sie wieder.
Es ist Freitag und eigentlich vermeide ich Freitagssauferein, erschöpft von der Arbeit und ermüdet dank meines üblichen sechsstündigen Schlafs, bin ich dann sehr anfällig für peinliche Abstürze. Heute bin ich eigentlich nur hier, weil ich erfahren habe, dass sie auch hier sein wird, aber mein Motiv ist natürlich unbekannt. Ich habe auch keinem erzählt das sie bei mir geschlafen hat, dann wären nur lauter blöde Fragen gekommen, auf die ich alle hätte mit „Nein“ antworten müssen, das wäre nicht gut für mein Ego.
Die Party kommt ziemlich schnell in Gang, ich stehe draußen und leiste Leppert während dieser raucht Gesellschaft.
„Ich war gerade am Kühlschrank“ nach einer bedeutungsschwangeren Pause und einem weiteren Zug fährt er grinsend fort: „Bier ist genug da, aber Ben, da sind nur noch drei Flaschen Wodka, deswegen sollten wir as soon as possible uns davon mindestens eine Bunkern.“. „Bunkern ist aber immer ziemlich assi, hab nicht so den Drang mich hier jetzt großartig unbeliebt zu machen.“ Antworte ich vor allem in Hinblick auf Tanjas späteres erscheinen.
Nach einem darauf folgendem halbstündigem Diskurs (Tanja ist immer noch nicht erschienen und in mir keimt der Verdacht, dass sie das auch nicht mehr wird), in dem wir uns letztendlich darauf einigen konnten, dass der Vorwurf des Bunkerns uns nicht gemacht werden könnte wenn wir nur mit einer Flasche nach draußen verschwinden würden und sie relativ zügig leeren würden, anstatt sie unter unserem Tisch oder ähnlichen zum verstecken, stehen Bollo, Leppert und ich mit einer Flasche Sprite und einer Wodka im Garten von Jessica. Ich bekomme gerade die Flaschen, um wie die Beiden vor mir, zwei Mal aus der Sprite und dazwischen einmal aus der Wodkaflasche zu trinken. Als ich ansetzen will, fährt mich Leppert an: „Bist du total bescheuert?!“. Er reißt mir beide Flaschen aus der Hand, tauscht sie und gibt sie mir wieder. „Es heißt links-rechts-links, nicht rechts-links-rechts.“. „Wo ist der verfickte Unterschied? Es ist doch jetzt wohl Scheißegal wie rum ich das trinke.“, antworte ich. „Der Unterschied ist, das rechts-links-rechts keinen Sinn macht und es Tradition ist links-rechts-links zu trinken.“. „Tradition?“, „Ja, es ist ne Bundeswehrverarsche, links-rechts-links, klingelts da nichts?“. „Ja, ja, ja, schon verstanden“.
Wir stehen vor einem kleinen Gartenteich welcher im dunklen aussieht, als wäre er mit Teer gefüllt. Die Flaschen kreisen und kreisen, immer wieder rinnt Wodka ummantelt mit zwei Schlücken viel zu warmer Zitronenlimonade meine Kehle hinunter. Ich fühle mich, als würde der Schnaps direkt in meinem Kopf explodieren. Nach den Bieren die davor bereits getrunken wurden, entwickelt sich das alles zu einem hoch gefährlichen Gemisch. Ich spüre förmlich wie ich von Schluck zu Schluck betrunkener werde, sehe aber keine Chance aus diesem Kreis auszubrechen. Schließlich will ich ja betrunken werden und wenn es heute mal schneller geht, was solls?
Als die beiden Flaschen geleert sind, betreten wir drei wieder die Party. Ich bin mittlerweile ziemlich betrunken und Leppert und Bollo sehen nicht unbedingt besser aus. Als wir durch die große Glastür treten, welche zurück ins Haus führt sehen wir, dass die Feier sich stark gefüllt hat. Überall stehen und sitzen Grüppchen herum die sich angeregt unterhalten und trinken. In einer Ecke des Wohnzimmers spielen sogar ein paar Leute Meiern. Die ganze Szenerie ist akustisch überschattet von Eagle Eye Cherrys „Save Tonight“.
Wir kämpfen uns den Weg an trinkenden Jugendlichen und jeder Menge Pflanzen vorbei in Richtung Wintergarten. Wir entdecken Chris an einem Tisch mit ein paar anderen Leuten und gesellen uns dazu.
Der Abend schreitet weiter fort. Wir sitzen unbemerkt in der Ecke des Wintergartens, ohne das jemandem auffällt, dass wir dank unseres Wodka Happenings mittlerweile die Tagensvollsten sein dürften, bis Leppert aufsteht und Richtung Badezimmer wankt. Er torkelt vorbei an einem sich unterhaltendem Pärchen und schafft es dabei nur schwer sein Gleichgewicht zu halten. Kaum ist er um die Ecke verschwunden erscheint Jessica. „Gehts eurem Freund gut? Ich mein, ich hab ein bisschen Angst, dass er hier was kaputt macht, also versehentlich.“, fragt sie Chris eindringlich. „Leppert? Wieso der ist doch topfit.“, antwortet er grinsend. Jessica setzt sich neben zu uns und beginnt ein paar Smalltalk-Gespräche, wie uns die Party so gefällt, ob wir wissen wer noch so kommt usw.
Ich lasse meinen Blick ein wenig wandern, und erblicke Leppert, welcher gerade aus der Richtung des Bads zurückkehrt. Das Pärchen steht immer noch an derselben Stelle und versperrt ihm leicht den Weg, er grinst mich debil an und versucht sich vorsichtig an einer Seite vorbeizudrücken.
Mit dem Rücken zu der Dame, quetscht er sich zwischen ihr und einem eineinhalb Meter großen Kaktus durch, als er auf einmal das Gleichgewicht verliert. In einem Reflex klammert er sich an das Gewächs und reißt es mit sich fallend auf den Boden.
Der Blumentopf zerspringt in tausend Teile und Leppert liegt einige Sekunden den Kaktus umarmend auf dem Boden bevor der Schmerz einsetzt. Dann drückt er die Pflanze so heftig von sich weg, dass diese über den ganzen Boden schlittert. Aufmerksam geworden durch das Klirren des Blumentopfs und mein lautes Gelächter, sehen nun alle zu ihm, während er aufspringt und schreiend auf einem Bein zum nächsten Tisch humpelt. Nun beginnen auch andere zu lachen, sein rechtes Bein (er trug nur khaki Shorts), ist übersät mit kleinen Stacheln, auch auf seinem T-Shirt und seinen Armen zeichnen sich überall kleine grünliche Punkte ab, welche man nur im richtigen Licht als Kakteennadeln identifizieren kann. Jessica ist irgendwann aufgesprungen und kommt nun mit Handfeger und Kehrblech zurück. Um das Unfallopfer scharen sich Kerle, welche ihn auslachen (inklusive mir) und ein Mädel, welche ihn Mitleidig anschaut und ihn bittet sich auf den Tisch zu setzten. Leppert der zwar noch Tränen in den Augen hat aber nicht mehr schreit wie am Spieß, greift fluchend in seine Hosentasche, findet seine Zigaretten und zündet sich eine an.
Als sich das Mädel vor ihn kniet, während sie eine Pinzette aus ihrer Handtasche kramt, ertönt von irgendwo aus der Menge (ich glaube es ist Bollo): „Jetzt übertreibst du aber, Lepperts Schwanz ist bestimmt klein aber eine Pinzette?“. Ich halte mir die Hand vor den Mund, weil ich erneut so laut lachen muss, drehe mich zur Seite und sehe Chris grinsend mit einem Fotoapparat in der Hand.

Der ganze Raum ist für ein Augenzwinkern lang in ein gleißend helles Licht getaucht. Ich drehe mich von der Glasvitrine weg, mir ist schlecht. Ich setzte mich leicht zitternd auf das Sofa und zucke zusammen als Laut der Donner ertönt. Das Prasseln des Regens wird lauter und lauter, die Soundkulisse ist die eines Weltuntergangs, der Apokalypse.
Mir wird schwindlig, ich sitze dort mit den Ellbogen auf meinen Knien gestützt, dem Gesicht in meinen Händen und spüre wie ich stark zu schwitzen beginne. Ich höre die Toilettenspülung und reiße mich zusammen. Wische mir übers Gesicht und konzentriere mich. Langsam aber sicher klingt das Schwindelgefühl ab. Ich schüttele meinen Kopf, was noch einmal stechende Schmerzen hervorruft und blicke zur Tür. Okay, von mir aus kann es losgehen.
Tanja kommt rein. Ihren Gesichtsausdruck kann ich nicht so recht deuten. Sie setzt sich neben mich und schaut mich an wie Magarethe Schreinemakers. Zum absurden abrunden des Bildes, fehlt nur noch ihre Hand auf meinem Knie, verbunden mit einer eindringlichen Frage.
„Ich weiß nicht wie ich das sagen soll Benny. “ sie war immer die einzige die mich Benny genannt hat, alle anderen nennen mich nur Ben und was soll diese Einleitung, will sie etwa? „Ich muss mit irgendwem reden und ich weiß das es unfair ist, gerade zu dir zu kommen, du hast gerade genug eigene Scheiße am Hals.“ Ich grinse nur bitter. Nein will sie nicht. “Aber du bist halt der einzige den ich hab verstehst du? Ich hab genug Freundinnen aber wirklich reden kann ich nur mit dir, also über ernste Sachen, über wichtige Sachen.“ Ein ganz ungutes Gefühl macht sich in meiner Magengegend breit. Das Schwindelgefühl kehrt zurück und ich versuche es mir nicht anmerken zu lassen. „Ich hab schon seit Tagen damit gekämpft dich anzurufen aber wirklich getraut hab ich mich erst vorhin, vielleicht auch weil wir uns ja gesehen haben. Mir ist da wieder eingefallen, dass du immer gesagt hast du wärst für mich da, auch wenn wir kein Paar mehr sind.“ Ihre Augen werden gläsern und feucht, ich blicke zwischen meinen Knien auf den Boden. So eine Schlampe. Dreckige kleine Fotze. Ich weiß nicht was sie will, aber ich ahne in welche Richtung es geht. „Und mit irgendwem muss ich einfach drüber reden, weißt du? Verstehst du das? Ich will dir nicht wehtun oder so, aber zu wem soll ich denn gehen, ich hab Angst“ Bei „muss“ bricht ihre Stimme und der Rest ist nur noch weinerliches Gejammer. Ich balle meine Hand zur Faust und drücke sie so fest zusammen das es weh tut. „Wie sagt man so was? Das ist ja hier keine Fernsehserie.“ „Am besten einfach so wie es ist.“ Flüstere ich kaum hörbar. Sie atmet tief durch und ich auch. Ich spann alles in mir an, wie so ein Shaolin seine Bauchmuskeln, bevor darauf ein Bambusstock zertrümmert wird. „Ich, ach kann man das nicht anders sagen? Das klingt dann doch wie in einer Fernsehserie.“ - „Ich bin schwanger.“

Mein Kopf ist leer, da ist gar nichts, kein Gedanke, keine Assoziation. Nur der eben gehörte Satz hallt noch nach. Alles was ich eben noch gedanklich angespannt habe, wurde zerstäubt in Millionen von Teilchen.
Sie interpretiert meinen Gesichtsausdruck so falsch wie es nur geht.
„Keine Angst, du hast damit nichts zu tun. Dann hätte ich ja schon ein richtiges Bäuchlein. Dürftest den Verantwortlichen nicht einmal kennen.“ Sagt sie mit einem nervösen Lächeln.
Tausend Beleidigungen für dieses egoistische Miststück vor mir rasen durch meinen Kopf, Bilder von erhitzten Kleiderbügeln, hohen Treppen, sonst nichts. Meine Migräne, dass Schwindelgefühl und die Übelkeit sind wieder da.. In meinem Kopf höre ich Prinz Porno, einen deutschen Rapper, den ich nach meiner Punk-Ära ein wenig gehört habe, welcher sich mit meinen Gedanken vermischt.
„Jetzt hast du was du willst Bitch…“
Wie kann sie es wagen? Unendlich viel Wut erfüllt mich.
„…willst du hören wie ich schreie?...“
Was gibt ihr das Recht ausgerechnet jetzt mit so einer Scheiße zu kommen.
„…oder zusehen wie ich mir Nägel in die Augen treibe?...“
Ich spüre wie meine Fingernägel sich leicht in die Haut meiner Handfläche graben.
„..dafür das ich so blind war…“-
„Hey, irgendwas musst du sagen. Am besten einfach was du gerade denkst, ganz ehrlich!?“.
„Ich bete du kriegst Kinder, stirbst bei der Geburt und die Bälger sind behindert.“
Ich höre mich das sagen. Völlig ton- und emotionslos, nicht wie einen Rapsong, nicht wie ein Gedicht, so als wäre ich ferngesteuert. Einfach Wort, für Wort in einem angemessenen, gleich bleibendem Tempo ohne dabei meinen Blick von meine Füssen zu nehmen. Klare Gedanken habe ich immer noch keine. Ich stehe auf und verlasse die Wohnung ohne sie noch einmal anzusehen, zu hören ist nur das starke Prasseln des Regens, sie sagt kein Wort.
Erst draußen denke ich, dass ich eigentlich genau das getan habe worum sie mich gebeten hat.


Fortsetzung folgt...

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Unruhe


---Warnung, extremes Gejammer folgt---


Ich liege seit einer Stunde und 50 Minuten in meinem Bett und verfolge, dank dem hereinbrechenden Mondlicht, ein Muster in meiner Raufasertapete bis an die Decke. Ich schließe die Augen. Ich konzentriere mich auf die Stimme von dem Synchronsprecher von Robin Williams, welcher mir aus Terry Pratchetts „Ab die Post“ vorliest.
Ich höre schon seit ich denken kann zum einschlafen Hörspiele. Von den Ampelmännchen, über He-Man, bis zu den alten John Sinclair Hörspielen. Mit zunehmendem Alter kamen auch Hörbücher dazu.
Der Synchronsprecher von Brad Pitt (Tobias Meister), Christian Ulmen oder der über jeden Zweifel erhabene Joachim Kerzel haben mir schon beim Einschlafen geholfen und mich trotzdem unterhalten. Ich versuche mir bildlich vorzustellen was mir vorgelesen wird, nach zwei bis drei Minuten schweif ich gedanklich ab. Die Katze schmiegt sich an meine Waden und ich verfluche sie dafür, dass sie problemlos schlafen kann.
Ich öffne wieder die Augen, ich nehme einen Schluck Wasser, drehe mich um und schaue auf die rot leuchtenden Zahlen meines Radioweckers. 2:32 Uhr. Ich mach erneut die Augen zu. Ich wühle mich in mein Laken in eine bequeme Liegeposition und versuche an nichts anderes zu denken als das Hörbuch zu verarbeiten. Mein Kopf möchte lieber über andere Dinge nachdenken. Den bevorstehenden Umzug, das Älterwerden, die Frage nach der Existenz einer Gottheit, was man noch so schreiben könnte, Frauen (sehr penetrant), Freunde, Sex, die persönliche Zukunft, den Tod, vor allem seine Unausweichlichkeit (ebenfalls extrem penetrant), Filme, Bücher, meine Faulheit, was man noch erledigen müsste, was ich nicht erledigt habe und auch nicht mehr kann usw. Der Kopf steht nicht still und ist unnachgiebig. Er bohrt immer tiefer und springt wie eine kaputte Schallplatte von Gedanke zu Gedanke.
Scheiße! Ich habe erneut den Faden verloren. Ich konzentriere mich wieder auf Robin Williams. Ich sehe ihn vor mir, mit seinem gutmütigen Gesicht, welches Grimassen zieht, wenn er die Stimme verstellt um andere Charaktere zu sprechen und mir weiterhin vorliest. Ich konzentriere mich. Ich konzentriere mich darauf mich zu konzentrieren. Genau hinhören -.
Ein Autoproll fährt, mit seinem getunten Golf 3 oder was auch immer, mit 70 durch die Dreißiger-Zone unter meinem Fenster. Jetzt habe ich die letzten zwei Sätze verpasst. Bin wieder raus. Die Augen gehen wie automatisch auf. 2:58 Uhr. Die Zeit rast, das Pensum was mir noch zum Schlafen bleibt schrumpft und schrumpft. Um 5:45 Uhr klingelt mein Wecker. Wenn ich in den nächsten zwanzig Minuten nicht einschlafe mach ich durch.

Das geht jetzt schon seit Tagen so. Von heute auf morgen. Ich habe eine Nacht durchgemacht, da hatte ich noch frei, damit ich wieder in den Schlafrhythmus eines Menschen komme, welcher in der Lage ist soziale Kontakte zu pflegen. Das ging richtig schief. Ich habe es zwar geschafft durchzuhalten, habe mich um 0 Uhr, nach einem ca. 37 stündigem Wachmarathon, ins Bett gelegt und war fest davon überzeugt mindestens bis 13 Uhr zu schlafen. In dem Moment als mein Kopf das Kissen berührte war ich schon eingeschlafen (ich wollte schon immer einen Satz von King klauen). Um 3 Uhr war ich wieder wach. Seitdem schlafe ich pro Tag drei bis vier Stunden. Meistens mittags, wenn ich mich kaum noch wach halten kann. Danach ist wieder für 25 Stunden Schluss. Heute mache ich die sieben Tage mit diesem seltsamen Rhythmus voll. Ich kann mir nicht helfen, auch wenn es typisches Gejammer ist, ich mach mir langsam sorgen. Normal, geschweige denn gesund, ist das ja wohl nicht.
Leute neigen dazu, wenn sie von ihren Schlafproblemen sprechen maßlos zu übertreiben. Mehr als mein Wort kann ich leider nicht geben, aber das sei hiermit getan, das ich weder über noch untertreibe. Ich schlafe seit sieben Tagen maximal 4 Stunden pro Tag/Nacht. Ich weiß nicht, ob das der schleichende Wahnsinn ist, welcher mich nun endlich erreicht und nicht mehr nur an meine Tür kratzt oder ob ich bei meinem 37 Stunden Marathon irgendwas kaputt gemacht habe. Auf jeden Fall, hänge ich jetzt mal wieder hier. Es ist 3:36 Uhr und ich habe mich entschlossen wach zu bleiben und diesen ganzen Kram mal runter zu schreiben. Wieso? Keinen Plan, keinen blassen Schimmer. Ich hab einfach das Bedürfnis zu Jammern denk ich. Außerdem habe ich ernsthafte Sorgen, ob das alles so tutti ist wie das läuft. Ein anderer Grund ist, dass ich mich mit was anderem als Filmriss „warmschreiben“ wollte, wenn man so will.

Ich sitze hier, mit meiner eisgekühlten Cola Light (deren Koffein mir hoffentlich hilft durch den Tag zu kommen) und der „schlechten Laune-Playlist“, welche gerade Burt Bacharach mit „What the World needs now“ spielt und frage mich was die Kacke soll. Ich hoffe und glaube, dass sich das irgendwann einfach wieder einrenkt und normalisiert.
Die Problematiken sind die Folgen des geringen Schlafes, welche gerade mich als Menschen der eigentlich lange und viel schläft, besonders hart treffen. Meine Konzentration ist jetzt völlig im Eimer, was dazu führt das ich weder einen Buch lesen, einen Film vernünftig schauen oder etwas schreiben kann, was ein wenig Struktur erfordert und nicht rein assoziativ ist wie dieser Müll.
3:47 Uhr. In zwei Stunden geh ich Duschen und fahre los. Jedes mal wenn ich gähne, überlege ich mich sofort ins Bett zu schmeißen, meinen Kopf in das Kissen zu drücken und mit aller Macht versuchen zu schlafen. Ich weiß aber, dass es Sinnlos ist. Es geht nichts mehr, wie man beim Roulett sagt. Heute gewinnt mal wieder die Bank. Danke Morpheus.

In diesem Sinne. Sorry fürs Jammern und guten Morgen

KaZper

Dienstag, 13. Oktober 2009

Filmriss Teil 8

Leben und Tod

8


Ich stehe vor einem Fußballstadion und das obwohl ich überhaupt kein Fußballfan bin und mir erstrecht kein Spiel live anschauen würde. Ich stehe in der Schlange zum Einlass, welche sich vor uns in zwei separate Eingänge aufteilt.
Nach links wird man von Tanja gefilzt, was zur Hölle macht die hier? Rechts steht Bollo und tastet gerade, in einer ihm viel zu großen Security Jacke, einen bärtigen Typen mit krausen grauen Haaren ab. Als dieser sich umdreht, damit Bollo ihn von hinten und seine Waden abklopfen kann, erkenne ich ihn aufgrund seiner Hakenkreuz Tätowierung auf der Stirn. Bollo durchsucht gerade wirklich Charles Manson.
Ach du Scheiße. Merkt hier das denn keiner? Ich versuche Bollo zuzurufen wer das ist, aber kein Wort dringt aus meinem Mund. Ich versuche aus der Schlange auszubrechen, keine Chance. Ich kann nur vor oder zurück, wenn die Schlange aus Menschen sich bewegt. Keiner dreht sich um, keiner scheint zu bemerken, wie panisch ich versuche hier raus zu kommen.
Ich beruhige mich ein bisschen, als Bollo bei Manson ein geschwungenes riesiges Messer findet. Er nimmt es an sich, schmeißt es in eine kleine Plastikkiste in der bereits unzählige Hieb- und Stichwaffen liegen, ich entdecke sogar so einen Küchenhammer zum Koteletts weich klopfen, gibt Manson dann einen freundlichen Klaps auf die Schulter und lässt ihn rein.
Tanja durchsucht gerade Christian Palweißer, fasst ihm kurz in den Schritt, grinst ihn an und lässt ihn durch.
Die Schlange rückt ein ganzes Stück vor. Bei der Teilung, werde ich nach rechts, in Richtung Bollo gedrückt, obwohl ich viel lieber zu Tanja will, um sie zu fragen was diese Scheiße soll, einfach meinen Freunden an die Eier zu packen. Aber keine Chance, schon stehe ich als dritter in Bollos Reihe. Ich schaue in den speckigen Nackens meines Vordermanns, welcher sich sofort umdreht und mich durch eine dunkel getönte Brille betrachtet. Es ist Mark David Chapman. Er grinst mich an, nickt mir zu und dreht sich wieder nach vorne. Bollo nimmt gerade jemandem, in dem ich glaube Lee Harvey Oswald zu erkennen, ein Rubinbesetztes Gewehr ab, welches er wie in einem Cartoon aus seinem Hosenbein zieht.
Ich bin völlig paralysiert, blicke noch mal zu Tanja, die gerade den Glatzköpfigen Polizisten auf die gleiche freundliche Art durchsucht.
Als ich wieder Richtung Einlass schaue, sehe ich, wie Bollo Chapman eine Ausgabe von „Der Fänger im Roggen“ abnimmt und sie angewidert in die Plastikkiste wirft. Er winkt Chapman durch und ich trete lächelnd vor.
Bollos Augen bleiben kalt und er sieht aus als würde er mich nicht erkennen. Ich sage „Bollo man, was geht?“. „Bitte Arme und Beine spreizen.“ Antwortet er teilnahmslos. Ich folge dem Befehl und Bollo zieht aus der Innenseite der Jacke welche ich trage, eine Lambruscoflasche. Sie ist zu einem Drittel mit roter schmieriger Flüssigkeit gefüllt, welche kaum an Wein erinnert. Noch bevor sie in die Plastikkiste fällt, entdecke ich, dass in ihr ein OB schwimmt, an dessen Bändchen ein Zettel mit der Aufschrift „Würde“ hängt.
Ich bin so angeekelt, dass ich kurz würgen muss, Bollo schlägt mir auf den Rücken, wie als hätte ich mich an etwas verschluckt und drückt mich so an sich vorbei.

Ich stolpere durch den Gang in die Kurven des Stadions. Es ist mäßig besucht. Als ich meinen Blick schweifen lasse, bemerke ich, dass die Stadiontribünen genau in der Mitte geteilt sind. In meine Hälfte kommen alle, die von Bollo kontrolliert worden und hinter dem riesigen Gitterzaun, sehe ich Christian und den Bullen zusammen am Bierstand stehen. Bedient werden sie von Vanessa, welche irgendwie immer noch sechzehn ist und beim Ausschenken nur einen Bikini trägt. So stehe ich, an das Gitter gepresst und frage mich zum tausendsten Mal, was das alles soll. Gerade als ich mich umschaue, ob es auf dieser Seite auch einen Getränkestand gibt, man muss ja immer das Beste aus seiner Situation machen, dröhnt aus den Boxen höllisch laute Musik. Green Day singen sanft aber bis zum Anschlag aufgedreht: „It's something unpredictable, but in the end it's right. I hope you had the time of your life…” Die Streicher setzen ein und erfüllen das gesamte Stadion mit ihrem melancholischen Klang, sie sind so laut, dass ich beide Hände auf die Ohren presse. Als ich wieder in die Mitte schaue, sehe ich, dass zu der Musik die beiden Fußballmannschaften einlaufen, angeführt vom Schiedsrichter. Ich blicke zur Videoleinwand und als der Refrain erneut ertönt, inklusive der Streicher, erkenne ich den Unparteiischen, es ist Leppert.
Er blickt von der Videoleinwand auf die Zuschauer hinab, er ist aschfahl und sieht unendlich traurig aus, trotzdem winkt er und seine Lippen formen die Worte des Green Day Songs. Tränen laufen meine Wangen hinab, ich lasse die Hände sinken, die Musik wird leiser und alle Zuschauer auf meiner Seite der Tribüne beginnen gleichzeitig zu grölen: „Leppert, wir wissen wo dein Auto stand, war voll getankt, hat gut gebrannt!“.

Ich schrecke aus meinem Sessel hoch. Es ist stockdunkel, nur das blinkende Licht, meines auf dem Tisch vibrierenden Handys erhellt wie ein Stroboskop für Augenblicke das Zimmer. Das Telefon zeigt, das mich Tanja anruft. Ich lasse es kurz in meiner Hand vibrieren und versuche klar zu kommen. Der Traum überschattet jegliches Gefühl, ich wundere mich warum meine Ohren nicht Taub sind, von dem eben gehörtem Lärm und komme langsam zur Besinnung. Einen Moment kämpfe ich noch mit dem Gedanken, ob das nicht auch wieder ein Traum ist. Das Handy summt jetzt schon zehn Sekunden vor sich hin. Ich räuspere mich und nehme ab.
Tanjas Stimme ist bemüht keinerlei Emotionen zu zeigen. „Hab ich dich geweckt?“ „Schon, aber ist okay, wie spät ist es?“. „Es ist kurz nach eins.“ Antwortet sie, als hätte sie gar nicht erst nachschauen müssen. „Was gibt es? Alles in Ordnung?“. Aus der Pause schließe ich, dass dem nicht so ist, ich glaube auch an ihrer Stimme zu erkennen, dass sie geweint hat. „Kannst du vorbeikommen? Oder wir treffen uns irgendwo?“


Fortsetzung folgt...

Montag, 12. Oktober 2009

Filmriss Teil 7 b)

Fortsetzung des Kapitels 7 "Schorf"

Nachdem sich alle verabschiedet hatten und ich einige noch lächelnd als Pussys und Memmen bezeichnet hatte, bin ich mit Tanja allein. Die Situation ist mir unangenehm. Ich kenne sie kaum und spüre das nahende Desaster des peinlichen Schweigens. Lange kann das hier nicht gut gehen.
„Und was machen wir jetzt? Hier noch was trinken oder weiter ziehen?“ fragt sie mich lächelnd. Dieses Lächeln ist anders, es ist kein Grease grinsen, es ist ein ehrliches Lächeln. Ich weiß zwar nicht genau was geschehen ist, allerdings glaube ich tatsächlich das sie nun um einiges besser gelaunt ist als davor. Sie sieht unfassbar anziehend aus, mit diesem ehrlichen Lächeln aber den Gedanken schiebe ich besser mal ganz weit weg.
„Hm, von mir aus können wir hier noch eins trinken und die Tour als Duo fortsetzen“ Antworte ich vermeintlich locker.
Als wir das Bier ausgetrunken haben, machen wir uns auf den Weg. Wir unterhalten uns ein bisschen und ich gebe mich so ehrlich wie nötig und so sympathisch wie möglich.
Das impliziert nicht einmal zwingend das ich lüge. Es ist mehr ein Abschwächen oder Betonen bestimmter Punkte, Meinungen und Charakterzüge. Ich merke wie viel mir daran liegt, dass sie mich mag. Während sie mir erzählt wie unausstehlich sie Jasmin findet seitdem diese wieder aus Amerika zurück ist, frage ich mich wo diese extreme Sympathie herkommt, die ich für dieses Mädchen habe. Es hat definitiv etwas mit ihrer Art zu sprechen zu tun. Ich meine sie ist hübsch, keine Frage aber so richtig interessant fand ich sie erst ab dem Zeitpunkt an dem ich begonnen habe mich mit ihr zu unterhalten.
Immer wieder wandert mein Blick in ihr Gesicht, sie erzählt mir das sie Chris und die anderen kennt aber mich nicht, ob ich nicht aufs Gymnasium ginge, was ich stattdessen tun würde. Ich erzähle ihr von meiner Ausbildung in dem schäbigen Handwerksbetrieb und analysiere immer noch, was daran so toll ist wie sie spricht. Während man mit ihr redet, hat man das Gefühl das sie zu einhundert Prozent ehrlich ist, unfassbar natürlich und einfach sagt was sie denkt.
Sie wirkt wie das Gegenteil von mir, anstatt jeden Satz, bevor man ihn ausspricht zu drehen und zu wenden und sich über jedes einzelne Wort und deren verschiedenen Bedeutungsebenen klar zu werden, um schon von vorneherein auf jedes mögliche Missverständnis vorbereitet zu sein, scheint sie einfach drauflos zu sprechen, ohne jegliche Scham, ohne die Befürchtung irgendwas dummes oder einfältiges zu sagen und das tut sie auch nicht.
Es stellt sich heraus, dass sie gerade erst sechzehn geworden ist. Meine Begeisterung für diese Person wächst, genauso wie mein Respekt. Sie ist fast zwei Jahre jünger als ich und ich war in ihrem Alter nicht annähernd so abgeklärt, aufgeweckt und intelligent und bekomme das Gefühl ich bin es jetzt auch noch nicht. Ein wenig deprimiert von den Erkenntnissen, dass ich dem faszinierenden Mädel neben mir wahrscheinlich nichts zu bieten habe und es keinen Grund für sie gäbe in mir mehr als einen Saufkumpanen zu sehen, beteilige ich mich wieder aktiver am Gespräch, um nicht in meiner Schwärmerei zu ertrinken (obwohl es dafür schon zu spät ist). Um mich auf andere Gedanken zu bringen, höre ich mit einem Ohr wieder Walkman…

„And I swear it’s the last time and I swear it’s my last try, and we’ll walk in circles around this whole block. Walk on the cracks on the same old sidewalks and we’ll talk about leaving town. Yeah we’ll talk about leaving” ertönen Less Than Jake aus den serienmäßigen Frontboxen meines Fiats, während ich den Motor starte und ausparke. Autofahren mag nach gerade Konsumiertem nicht die beste Idee sein, aber eine andere Wahl hab ich nicht wenn ich Nachhaus kommen will. Ich fahre vorbei an der Wohnung meiner Mutter, überlege aber nicht eine Sekunde ob ich anhalten soll. Ich fahre auch an dem Hause Palweißer vorbei, dann auf die Autobahn in Richtung meiner neuen Wohnung, welche ein wenig außerhalb liegt. Meine Heimatstadt völlig zu verlassen, geschweige denn das Bundesland ist mir nie wirklich gelungen.

Mittlerweile sind Tanja und ich ziemlich voll. Wir hocken in einer meiner Stammkneipen, einem Irish Pub, haben jeder einen Tequila und einen Jägermeister sowie ein großes Bier vor uns stehen. In der Kneipe gibt es die so genannten „Fensterplätze“, eine Reihe von jeweils einem Tisch und zwei Bänken. Wir sitzen uns an einem dieser Tische gegenüber. Ich erzähle ihr lauter lustige Geschichten, Gerüchte und ähnliches.
Nicht zwingend um mich beliebt zu machen, mehr um sie Lachen zu sehen. Mittlerweile bin ich, auch aufgrund meines Alkoholkonsums, fest davon überzeugt schrecklich in sie verliebt zu sein. Ich bin schwer begeistert von ihrem Lächeln und ihrem Lachen (nur von dem ehrlichen, das Grease-Lächeln wirkt mir zu Puppenhaft und gespielt), vielleicht weil sie sparsamer damit umgeht, als viele Frauen die ich bisher kannte. Während sie nun aufsteht und ins Bad geht, packen mich das erstmal niedere Gelüste.
Ich sehe ihre Beine, ihren Hintern und wäre gerade nirgendwo lieber als mit ihr hier. Ich trinke schnell meinen Jägermeister und den Tequila hinterher, habe kurz mit dem Würgereiz zu kämpfen, schaffe es aber genau mir noch schnell zwei neue zu holen bevor sie von der Toilette zurück ist. Das perfekte Verbrechen.
Nun passiert etwas, womit ich gar nicht umzugehen weiß. Sie setzt sich neben mich.
Wir haben uns seit einer Stunde gegenüber gesessen und ich kam super mit der Situation klar. Nun stellt sie sich neben die Bank auf der ich sitze und wartet darauf, dass ich weiter reinrutsche und ihr Platz mache. Zwei Leute sitzen sich immer gegenüber, wenn die Möglichkeit besteht, außer sie sind ein Paar und das sind wir auf keinen Fall, also was soll das? Mit einem leichten Unbehagen rutsche ich so nah an die Scheibe wie möglich. Sie setzt sich neben mich und zieht ihre Getränke zu sich ran. Ich sehe im Augenwinkel, dass sie mich anschaut, starre aber weiter auf mein Glas, da diese neue Konstellation mich mehr als nur überfordert.
„Dreh dich mal um bitte.“ Sagt sie und ich versteh überhaupt nicht, was das jetzt soll. Ich beginne leicht zu zittern und drehe mich zu ihr, schaue ihr einen Moment in die Augen und dann durch ihr Gesicht hindurch, indem ich einen Imaginären Punkt hinter ihr fixiere. „Nein“, sagt sie lächelnd „ich mein zum Fenster hin.“ Immer noch verwirrt, wende ich mich zum Fenster und schaue auf die Fußgängerzone und dem gegenüberliegenden CD-Laden hinaus. Sie packt mich sanft, mit einem gespielt genervtem Aufstöhnen und dreht mich so hin das sie meinen Rücken sehen kann. „Ach, das ist Pennywise.“ Ruft sie aus und erst da verstehe ich.
Ich trage einen Kapuzenpullover, der in der Front nur einen vermummten Autonomen zeigt, welcher in einer Sprechblase „Fuck Authority“ brüllt, der Name des neuen Albums und erst
hinten steht der Bandname. „Ich mag Pennywise, vor allem Straight Ahead.“ Ich glaube, sie hat das Gespräch über Pennywise begonnen, weil sie gemerkt hat, wie unwohl ich mich gefühlt habe und ich nehme das Angebot dankend an.
Wir reden über die Vor und Nachteile des Albums und dann zeige ich ihr auf meinem Walkman, die Singleauskopplung von Fuck Authority. Erst als das Lied vorbei ist, merke ich wie Kitschig das ist, dass wir hier nebeneinander sitzen und uns die Ohrhörer teilen. Das ist das Neuzeit-Pendant zu dem Milchshake mit den zwei Strohalmen oder den Susi und Strolch Spagetti.
Dennoch gefällt es mir, trotz allem Unbehagen, aufgrund meiner eignen Hilflosigkeit, so nah bei ihr zu sitzen. Als ich sie anstarre, während sie dem Beginn des nächsten Liedes zuhört, entdecke ich eine kleine vernarbte Stelle an ihrem Kinn. „Woher kommt die kleine Narbe?“ frage ich vorsichtig, in der Hoffnung, dass es nicht unhöflich klingt und vor allem, weil es mich wirklich interessiert.

Ich finde mal wieder keinen gescheiten Parkplatz und stelle daher mein Auto knapp fünf Minuten Fußweg weit von meiner neuen Wohnung ab. Das kurze Zusammentreffen mit Tanja, hat die alten Wunden viel stärker aufgerissen als ich gedacht hätte. Sie geht mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Bevor ich aber wieder in Selbstmitleid versinken kann, wie ich das denn hinbekommen hätte diese Beziehung zu zerstören usw., erreiche ich die Wohnungstür. Noch bis vor vier Monaten habe ich mit ihr zusammengewohnt, wir waren sogar verheiratet. Nur zwei Jahre, aber immerhin. Ich schlürfe an Kartons voller Bücher vorbei, welche ich immer noch nicht ausgepackt habe und lasse mich in meinen Sessel fallen. Nach kurzem Überlegen stehe ich wieder auf und hole eine Glasflasche voll Milch aus dem Kühlschrank. Während ich die kalte Milch genieße, muss ich immer noch an sie denken. Daran, dass sie kein schlechter Mensch ist, sie war immer ehrlich zu mir, hat nicht vor mir das bisschen Geld was ich verdiene aus der Tasche zu ziehen und wir haben unsere zusammen gekauften Besitztümer fair getrennt. Diese ganze Trennung ging ohne Geschrei, Streit oder Schlammschlacht von statten. Im Nachhinein glaube ich, war genau dies das Problem. Ich höre mich in einem Selbstgespräch (die führe ich seit unserer Trennung immer öfter) sagen: „Die Vergangenheit ist vorbei. Das weiß ich. Die Zukunft, ist noch nicht hier, wie sie auch sein wird. Also, ist alles was es gibt, dass hier. Die Gegenwart. Das ist alles.“. ein Zitat aus Broken Flowers, einem meiner Lieblingsfilme, nur leider bin ich so weit weg von Bill Murray wie nur irgend möglich. Bill Murray flennt auch nicht, wenn er an seine Exfreundin denkt und lacht nicht auf der Beerdigung seines Freundes.

Fortsetzung folgt...

Donnerstag, 1. Oktober 2009

Filmriss Teil 7 a)

Schorf

7

Es ist kurz nach neun Uhr Morgens, ich sitze während ich auf Bollo warte, auf den Stufen eines Bankgebäudes, über meinem Kopf in einem riesigen Fenster hängt ein Plakat.
Darauf zu sehen ist die typische Bilderbuchfamilie. Sie ist blond und wunderschön mit einnehmendem Lächeln, er dunkelhaarig mit blauen Augen, sie halten beide ein Kind umarmt, blond und blauäugig und so absurd niedlich, dass ich darüber nachdenke einen Pflasterstein aus dem Gehweg zu kratzen um ihn in die Fratze dieser kleine Werbehure zu werfen. Über der Familie des Jahres steht: „Sorgen sie für sich und die, die ihnen wirklich wichtig sind. Werden sie Schuldenfrei, noch heute. Günstige Kredite für ein sorgenfreies Leben.“. Angewidert drehe ich mich wieder nach vorne und starre die Straße entlang und halte Ausschau nach dem Auto meines Freundes.
Immer mehr Menschen gehen an mir vorbei und lassen es sich nicht nehmen mich detailliert zu begutachten, als wüssten sie ganz genau, dass ich gestern sagen wir mal, einen Totalausfall hatte. Die Gedanken an den vorherigen Tag und vor allem Abend, schiebe ich so weit weg von mir wie nur möglich, ich starre jetzt den Leuten die mich angaffen ebenfalls ins Gesicht und merke wieder wie ich sinnlos aggressiv werde. Ich bin kein gewalttätiger Mensch und komm mir jetzt nicht mit der Weinflasche und Chris, ich steigere mich nur gern in etwas rein, es befriedigt mich auf eine perverse Weise wenn ich mich über jemanden aufrege, weil das gleichzeitig bestätigt das ich anders und besser bin als das Ziel meines Hasses.
Warum gaffen die Vollhonks mich alle so an? Na gut, ich bin sehe vielleicht ein bisschen fertig und vergammelt aus, meine Haare sind fettig und mein Jackett dreckig und voller-… oh fuck.
Ich stehe von den Stufen auf und gehe so nah mit meinem Gesicht an die Jungenfratze, dass ich aussehen muss wie ein Pädophiler der grade sein Äquivalent zu Scarlett Johansson erblickt hat. Endlich erkenn ich mein Spiegelbild schwebend über dem Gesicht des Jungen in der Scheibe. Mein ganzes Kinn ist von Blut verkrustet, Blut klebt an meinen Wangen und auf meiner Stirn zeichnet sich eine riesige Beule ab. Verdammt. Ich hab vergessen mich im Revier zu waschen, kein Wunder das die ganzen Affen so glotzen, ich sehe aus, als hätte ich mein Gesicht heute Morgen in einen Ventilator gehalten.
Ich will gerade überlegen wie ich wohl an einen Wasserhahn und einen Spiegel komme, als mir jemand sanft mit den Fingern in die Seite sticht. „Hey, Benny, wie …“ beginnt Tanja die Höflichkeitsfloskel, als ich mich umdrehe und sie den Unfall entdeckt der mal mein Gesicht war. „Oh Gott, wie siehst du denn aus?“. Ich schaue sie genau an, nicht fähig ein Wort herauszubringen. Sie sieht umwerfend aus. Sie war nie die dünnste aber das steht ihr höllisch gut, sie hat lange gelockte fast schwarze Haare, ist sogar kleiner als ich, 1,65 m und hat wenn sie lächelt eine Ausstrahlung die mich um den Verstand bringt. Ich sehe ihre kleine Narbe am Kinn, die hat sie von einem Schwimmbadunfall, als ein Junge sie auf den Beckenrand geschubst hat, das hat sie mir bei unserer ersten Verabredung erzählt.
Bitte nicht sie und nicht jetzt. Ich blicke aus Selbstschutz auf den Boden.
Seit sie die Scheidung eingereicht hat ist sie meiner Meinung nach noch hübscher geworden. Ist das nur, weil ich sie nicht mehr haben kann? Oder ist sie einfach glücklicher seitdem sie mich nicht mehr am Hals hat und wirkt daher attraktiver, ich weiß es nicht, ich glaube beides.
„Hallo? Ist alles okay?“. „Hey, weißt du was“ sage ich mit zitternder Stimme und den Blick starr auf meine Schuhe fixiert, „das funktioniert gerade nicht. Lass uns wann anders sprechen.“. Ich stecke meine Hände in die Taschen meines Jacketts und gehe an ihr vorbei. „Warte doch mal, bleib doch mal stehen, was ist denn los?“. Sie hält mich sanft am Arm. Ich fange mich emotional ein wenig, atme tief durch und beschließe ehrlich zu sein, manchmal ist das der beste Weg, meistens eigentlich. „Tanja, dass ist gerade der denkbar schlechteste Zeitpunkt für mich um genau mit dir zu sprechen.“ Ich lächele ein wenig.
„Was ist denn passiert?“ fragt sie erneut, als wenn sie nicht gehört hätte was ich gerade sagte. „Ach, wir waren nach der Beerdigung noch was trinken und da gab es ein bisschen Zoff mit ein paar anderen Typen“ man kann nicht immer ehrlich sein „nichts Weltbewegendes. Aber danke für deine SMS, hat mich sehr gefreut“ ich lächele wieder. Sie beäugt mich mehr als kritisch, wenn jemand weiß wie gut ich lügen kann, dann sie. „Aha, du siehst aber echt schlimm aus, warst du im Krankenhaus?“. „Bin ich gerade auf dem Weg hin, Bollo holt mich ab und fährt mich hin.“ „Kommst du gerade erst aus der Kneipe oder was? Dir klebt immer noch überall Blut im Gesicht, ich würde mich an deiner Stelle eh erstmal waschen bevor ich ins Krankenhaus gehe.“
„Mach ich, mach ich, aber Hübsche, ich muss jetzt echt los“. Als ihre Augen größer werden realisiere ich, was ich gesagt habe. Jetzt ist es zu spät sich dazu noch zu äußern. Ich ziehe einen imaginären Hut und gehe die Straße runter, in die Richtung aus der Bollo kommen müsste. Sie bleibt hinter mir zurück und sagt nur leise „Machs gut“.


Es ist Samstag. Ich habe meine Ausbildung bereits begonnen und überstehe das ganze nur mit regelmäßigen Besäufnissen am Wochenende. Wir treffen uns alle bei Chris zum Start einer Kneipentour. Die Jungs haben alle schon gestern ordentlich getrunken und sind dementsprechend angeschlagen. Ich musste gestern bis 22 Uhr arbeiten und war daher nicht in der Lage zu feiern und bin umso heißer das alles heute nachzuholen.
Ich freue mich tierisch auf die Kneipentour. In unserer kleinen Stadt hat man keine Wahl wenn man etwas erleben will. Das Rock on hat mittlerweile geschlossen und niemand hat großartige Lust in die nächste größere Stadt zu fahren, also klappern wir alle Kneipen im Umkreis der Reihe nach ab.
Als ich bei Chris ankomme ist die Gruppe um einiges größer als erwartet. Ein amerikanischer Austauschschüler namens Henry, aus Christians und Davids Schule, soll die deutsche Saufkultur kennen lernen. Da Austauschschüler, vor allem Amerikaner, sich immer sehr großer Beliebtheit erfreuen, ist dadurch die Gruppe immens angewachsen. Aus geplanten sechs Leuten sind nun zwölf geworden. Unter den mir unbekannten Menschen sind auch zwei Frauen die sich intensiv um Henry kümmern, ihm alles übersetzen und erklären.
Ich schnappe die Namen der beiden Mädels auf, Tanja und Jasmin, allerdings weiß ich nicht, wer wer ist.
Ich setze mich mit einem frisch geöffneten Bier an den großen dunklen Holztisch im Palweißschen Esszimmer. Da ich mich nun ein bisschen Fremd fühle und nicht genau weiß was zu tun ist um das so genannte Eis mit den Fremden zu brechen, setzte ich mich neben Bollo und beginne mich mit ihm zu unterhalten. Wir sitzen am Ende des Tisches dem Rest der Gruppe gegenüber. Er und ich hatten immer ein Talent dazu uns abzukapseln und in dem Makrokosmos der Gruppe einen Mikrokosmos unserer eigenen Gesprächsrunde zu erschaffen.
Während ich genussvoll die ersten Schlücke Bier trinke, genau genommen die halbe Flasche, sehe ich mir die beiden Mädels genauer an. Eins der Mädels wirkt unglaublich sympathisch, sie lächelt viel und hat einfach eine offenherzige Ausstrahlung. Die andere Dame sieht nicht so glücklich aus.
Sie setzt sofort ein künstliches Lächeln auf wenn sie jemand anspricht, nickt und lacht an den richtigen Stellen, aber sobald ihr niemand mehr Aufmerksamkeit widmet, schaut sie aus als wäre sie jetzt am liebsten überall anders, nur nicht hier. Wie um sich selbst abzulenken schaltet sie sich immer wieder in das Gespräch mit dem Austauschschüler ein, auch da nicht ohne die gespielte gute Laune. Ich bin erstaunt davon, wie gut sie einfach umschalten kann. Es ist als würde man beim Fernseher den Sender wechseln, dort läuft gerade Grease und zack, auf dem anderen Sender Schindlers Liste.
Langsam wird mir mein Beobachten unangenehm und ich wende mich wieder voll dem Gespräch mit Bollo zu, welcher mir gerade sein Unverständnis darüber mitteilt, das ein Amerikaner so gottverdammt interessant sei. Tatsächlich hat sich jegliches Gespräch an dem länglichen Tisch kegelförmig auf Henry ausgerichtet. Alle außer Bollo und ich, welche ihm gegenübersitzen, folgen den Ausführungen Henrys und schauen in seine Richtung.

Als ich drei bis vier Biere geleert habe fassen alle den Entschluss, dass es jetzt an der Zeit sei loszuziehen und die Tour offiziell zu starten.
Wir gehen in mehreren dreier Reihen die Bürgersteine und Straßen in Richtung der ersten Kneipe entlang. Einige, welche schon früher bei Chris waren als ich, sind schon ziemlich angesoffen. Ich reihe mich ganz rechts bei Leppert und Chris ein und höre mit dem ihnen abgewandten Ohr Walkman. Während mir Me First and the Gimme Gimmes ihre Coverversion von Walking on Sunshine in Mono, ohne den charakteristischen Bass vorspielen, trinke ich immer wieder den Schaum von meiner halben Liter Flasche Wolters ab. Ich mag Bier, wirklich und vor allem Flaschenbier, aber es ist nicht dafür gemacht um es in Bewegung zu trinken.
Mal abgesehen davon, dass es sich bei uns eh gerade eingebürgert hat, dass man mit seinem Flaschenboden auf die Öffnungen der Flasche des Gegenübers schlägt, um ihn aufgrund des Übersprudelns zum Trinken zu animieren, ist es echt ätzend Flaschenbier als Wegproviant zu benutzen. Dafür sind Dosen um einiges besser geeignet.
Ich öffne meinen Mund und will gerade meine Gedanken verbalisieren, als Leppert auf die vor uns gehenden Mädels welche Henry in ihrer Mitte haben zeigt und sagt: „Ist jetzt eine von denen mit dem Ami zusammen?“ „Eine von denen?“ fragt Chris verständnislos. „Na ja, wie sagt man das, die sind doch beide-…ähm… spaltbares Material, da darf man sich doch mal erkundigen.“ „Nein, sind beide nicht mit ihm zusammen, obwohl sich angeblich was zwischen ihm und Jasmin anbahnt.“.
Ich lausche dem Gespräch und versuche mir immer noch klar zu machen, welches Mädchen welches ist. Fragen kann ich nicht, aus Angst mir würde vorgeworfen ich würde mich speziell für eine der Beiden interessieren. Und das ist natürlich Quatsch ich bin bei beiden gleich neugierig.
Hm, Jasmin klingt südländisch, dunkelhaarig sind beide aber keine sieht südländischer als die andere aus.
„Ich hasse diese Stadt, guckt euch das an, es ist Samstagabend und hier ist keine Sau!“ Leppert beginnt eine Rede zu halten, welche mich dezent an Mel Gibson in Braveheart erinnert. Er spricht davon wie unsere kleine Industriestadt aussterben wird, wie alle Studenten wegziehen, weil wir keine Uni haben, wie hier dann nur noch ungebildete Proleten rum rennen und das es jetzt an uns ist, noch ein paar Jahre Leben hierher zu bringen. Wir müssten im Jugendzentrum selbst lokale Bands einladen, unsere Freunde überreden nicht immer zum Feiern wegzufahren und vor allem regelmäßig herkommen, falls wir wegziehen. Das sei unsere Stadt, steigert er sich da ein bisschen rein und das solle, müsse sie auch bleiben. Er erkennt selber die Melodramatik in seiner Rede, springt unelegant auf eine Parkbank an welcher wir vorbei kommen und ruft „Und jetzt Säufer, saufen wir!“.


Ich sitze mit Bollo oben auf einem Aussichtshügel über unserem Ort, nachts wird das hier nicht ohne Grund Bumsparkplatz genannt. Auf der Fahrt hierher haben wir kaum gesprochen, Bollo sitzt neben mir auf der Bank und dreht gerade die Tüte fertig. Er hält mir den durch jahrelange Übung perfekt gedrehten Joint hin und ich zünde ihn an.
Ich ziehe kräftig, atme tief ein und wieder aus, der Luftzug erinnert mich wieder Schmerzhaft an den abgebrochenen Zahn. Rauch steigt vor uns auf. Ich bin Nichtraucher und schon allein der Tabak macht meinen Kopf schwer, die Wirkung des Ganjas tut ihr übriges. Als ich die Tüte an ihn weiterreiche schaut Bollo mich lächelnd an. „Alter, du siehst so fertig aus, hättest dich auch kurz bei mir waschen können“. „Ach, jetzt ist auch egal.“.
Wir sitzen wortkarg nebeneinander. Wir haben, wie für Männerfreundschaften üblich, nie über unsere Gefühle gesprochen oder ähnliches. Ich weiß, dass er sich um mich sorgt und das ist seit Tagen das beste was mit passiert ist, egal wie viel Scheiße ich baue, Bollo hat mich immer irgendwie verstanden.
Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen, meine Zunge ist nicht zuletzt durch das THC ein bisschen gelockert, außerdem erscheint mir die ganze Situation jetzt nicht mehr ganz so Katastrophal. „Hat Lepperts Familie noch irgendwas gesagt? Wegen meinem…“ ich suche das richtige Wort „… Malheur?“. Er beginnt zu grinsen, so wie jemand grinst, der zwar gleich auf den elektrischen Stuhl kommt aber noch einmal einen richtig guten Witz zu hören bekommt. So eine Art Galgenhumor.
„Malheur? Du bist gut, ich würde es ein Desaster nennen.“ Er gibt mir wieder den Joint. Ich atme tief ein und antworte mit gedrückter Stimme: „Was kann ich denn dafür, wenn der Pfarrer aussieht wie der letzte Idiot und dabei auch noch mit Filmzitaten um sich schmeißt“. Er schaut mich kurz verwirrt an und antwortet dann auf meine ursprüngliche Frage. „Begeistert waren sie verständlicher Weise nicht, am angepisstesten war aber mit Abstand Chris, die Familie und so, die waren mehr verwirrt und schockiert“. Das sitzt. Mein schlechtes Gewissen kommt wie eine Dampfwalze zurück und fährt durch meine Eingeweide. „Ja, das mit Chris hab ich mitbekommen“. Wieder schaut mich Bollo fragend an, aber diesmal auf eine Antwort wartend. „Was glaubst du denn warum ich so fertig aussehe?“. „Ich dachte du hast dich mit den Bullen in die Haare bekommen?!“. „Aber erst nachdem Chris und ich…-… aneinander geraten sind.“.
Ich erzähle Bollo, wie ich nach meinem Abgang von der Beerdigung zur Bank bin, 120 Euro abgehoben habe und dann anfing durch unsere alten Stammkneipen zu ziehen, wie mich Christian im Irish Pub fand und von der Prügelei.
Ich überlege kurz ob ich die Lambruscoflasche unter den Tisch fallen lasse, aber das erfährt er früher oder später sowieso. Seine Augen werden größer, als ich ihm erzähle wie ich vor hatte Chris die Flasche über den Kopf zu ziehen und er nimmt einen tiefen Zug, die Tüte ist nun fast aufgeraucht. Als ich mit dem Erwachen im Polizeirevier ende, schaut er mich leicht grinsend an, er hat leicht gerötete Augen von dem Joint und das erste Mal merke ich wie alt er geworden ist. „Was ist denn nur mit dir los?“ fragt er mich direkt. „Ich weiß es nicht, wirklich nicht. Die Ereignisse haben sich irgendwie überschlagen, die Sache mit Tanja, Lepperts Tod, die Beerdigung. Das ist mir alles außer Kontrolle geraten.“. Er sieht mich lange an, er weiß genauso wenig was er dazu sagen soll wie ich und sagt dann: „Ich glaub ich bau noch einen oder?“. Ich horche kurz in mich hinein, ich bin eigentlich schon viel zu dicht. „Ja, gute Idee.“



Der Abend rast an mir vorbei. Wir sind bereits im vierten Laden, es ist gerade eins geworden und die ersten Opfer sind zu beklagen. Der Amerikaner Henry, welcher übrigens auf alle außer Bollo einen netten Eindruck gemacht hat und dieser mag ihn nur nicht, weil er kaum ein
Wort Englisch spricht, geht zusammen mit einigen anderen der unbekannteren Gesichter nach Hause.
Wir haben ihn abgefüllt wie es sich gehört. Inklusive einiger Späße auf seine Kosten. Es ist einfach sau lustig wenn jemand mit amerikanischem Akzent eine Kellnerin fragt: „Haben sie einen dicken Schwanz?“. Vorpubertär? Ja, aber zum wegschmeißen komisch.
Zurückgeblieben ist nun meine geliebte Dreiergruppe inklusive der beiden Mädels, die ich mittlerweile auch namentlich zuordnen kann. Außerdem hab ich herausgefunden, dass Jasmin, die Dame die anfangs so sympathisch wirkte, ein ziemlich von sich selbst überzeugte Tante ist, mit der man nicht länger als vier Minuten sprechen kann, ohne danach den Drang unterdrücken zu müssen sie zu erwürgen.
Sie war ebenfalls Austauschschülerin, aber in Amerika und schmückt ihre Sätze mit englischen Wörtern um ihre Multilingualität zu unterstreichen. „Vor allem die ganzen Boys in Los Angeles sind mehr als nur cute, wirklich sexy Kerle da drüben, kein Vergleich zu deutschen Männern.“ . Oh Gott, ja so machst du dich bestimmt beliebt an einem Tisch mit vier Typen.
Ich schlage vor mal einen Kurzen dazwischen zu schieben, worauf mit einem dummer Kalauer und geeintem Kopfschütteln geantwortet wird. Nur Tanja, welche mir auf einmal gegenüber sitzt und bei der nur noch Schindlers Liste gezeigt wird, fragt mich was ich denn trinken wolle. „Jägermeister? Tequila? Mir egal.“. Sie entscheidet sich für Jägermeister und bestellt zwei. Ich bemerke, dass Chris ziemlich fertig aussieht, er nippt immer noch an seinem ersten Bier in diesem Laden und wirkt mehr als nur müde. David ist schon ziemlich voll, für seine Verhältnisse nichts besonderes, nur neigt er auch dazu gerne mal früher zu gehen. Selbst Bollo macht einen sehr angeschlagenen Eindruck und langsam erfasst mich die Angst, dass die vielleicht bald alle nach Hause wollen.
Ich haue Chris leicht meinen Ellbogen in die Seite und fordere ihn auf Schnaps zu trinken, damit der Motor auf Touren kommt. Er lehnt grunzend ab.
Pünktlich zum eintreffen des Jägermeisters, sagt Chris, dass das nun sein letztes Bier (immer noch sein erstes) sei, heute würde da nicht viel gehen. Und die Lawine geht los. David stimmt zu das er sich auch gleich auf den Weg machen würde und Bollo bekommt so noch seinen letzten Bus, welcher auch in Jasmins Richtung fährt (und hoffentlich bis durch in die Hölle). Ich versuche es mit einem letzten Appell: „Das ist doch jetzt nicht euer scheiß Ernst oder? Ich freu mich den ganzen Tag aufs Saufen und ihr macht um eins schlapp, während ich gerade mal angeschlagen bin. Komm bisschen geht doch noch. Bollo kannst auch bei mir pennen…“ er schüttelt sofort mit dem Kopf „… ich hab keine Lust alleine weiter zu trinken und aufhören will ich auch nicht.“.
„Zähle ich nicht? Ich will auch noch nicht nach Hause.“. Ich schaue blinzelnd Tanja an. „Dann lass doch die anderen People nach Hause gehen, wenn sie meinen, dass sie nicht mehr können.“ Hat sie gerade Jasmin verarscht? Ich traue meinen Ohren nicht. Ich lächele sie an und halte ihr meinen Jägermeister entgegen. „Ich bin dabei“. Wir stoßen an und während ich den pisswarmen Kräuterschnaps trinke, sehe ich den verwirrten Blick Jasmins, die zwar kapiert hat das sie gerade nachgeäfft wurde, aber keine Ahnung hat wie sie darauf reagieren soll.


Wir haben die zweite Tüte beinah ohne zu sprechen geraucht. Nachdem sie abgebrannt ist fragt mich Bollo was ich jetzt vorhätte. „Duschen steht ganz oben auf meiner Liste“. „Ich meine wegen den Lepperts und Chris“, sagt Bollo ernst. „Ich hab keine Ahnung man, nicht die geringste. Kann man sich für so etwas bei den Angehörigen entschuldigen?“. „Kann ich dir nicht sagen, ich wüsste nicht wie“ nimmt er mir die letzte Hoffnung. „Hast du Urlaub?“ frage ich. „Ja schon, wieso?“. „Wir könnten bei mir zwei drei Bier trinken heute Abend oder noch was rauchen. Vielleicht einen Film gucken?“. „Nee, ich muss das ganze erstmal verdauen, werde nichts machen, ich fahr dich gleich zu deiner Karre und dann geh ich wieder pennen.“
Ich will heute nicht alleine sein, kann ihm das aber auch nicht sagen, wie wirkt denn das? Außerdem sagte er schon, dass er alleine sein will, also würde ich mich nur aufdrängen wie ein weinerlicher Idiot. Dennoch wird mir mehr als unwohl bei dem Gedanken alleine in meiner neuen Wohnung zu sitzen.
„Stimmt schon, bisschen pennen würde mir auch gut tun.“ Sage ich mit einem gespielt lockeren Ton.



Fortsetzung (das Kapitel geht noch weiter) folgt...

Freitag, 25. September 2009

Filmriss Teil 6

Der Kaktusgarten

6

Wo fing das an und wann?
Was hat dich irritiert?
Was hat dich bloß so ruiniert?
Die Sterne – Was hat dich bloß so ruiniert?



Chris ist um die Ecke in Richtung Parkplatz eingebogen, er hat mich bisher noch nicht bemerkt. Ich habe aufgehört zu rennen und gehe ihm nun schnellen Schrittes hinterher. Meine Ohren fiepen, allerdings nicht laut genug um das Geräusch des rauschenden Blutes und meines klopfenden Herzens zu übertönen. Die Weinflasche halte ich so fest an ihrem Hals umklammert, dass meine Finger weiß anlaufen und registriere nur am Rande, dass der stinkende Rest des Lambruscos in den Ärmel meines Jacketts läuft, welches ich seit der Beerdigung trage. Viel mehr beschäftigt mich mein Gesicht. Ich befühle mit der Zunge meine vorderen Schneidezähne und bin mir sicher, dass mindestens einer, wenn nicht sogar zwei locker sitzen. Meine Nase, welche sich anfühlt als sei sie auf ihre doppelte Größe angewachsen, schmerzt stark und das warme, leicht nach Rotz schmeckende Blut läuft über meine Lippen und tropft mein Gesicht herunter. Ich wische mir immer wieder, wie ein Achtjähriger an einem kalten Wintermorgen, mit dem Ärmel unter der Nase entlang, aber das führt nur dazu das ich das rote Kroffi im halben Gesicht und auf meinen Klamotten verschmiere.
Ich schaue um die Ecke, immer noch wahnsinnig vor Wut und kaum fähig einen klaren Gedanken zu fassen und sehe Chris der auf seinen schwarzen BMW zugeht. Ich bin nur noch wenige Meter von ihm entfernt und er hat mich wie durch ein Wunder immer noch nicht bemerkt, obwohl ich trampele wie ein wahnsinniges Nashorn und vor mich hinschniefe wie ein Musikproduzent, der gerade eine Line Marschpulver vom Hintern eines achtzehn jährigen Popsternchen gezogen hat. Mein Freund greift in seine Hosentasche und drückt auf die Schlüsselfernbedienung. Im aufblitzenden Licht der Blinker hebe ich die Weinflasche über meinen Kopf, Christian dreht sich unvermittelt um, als hätte er doch was gehört.
Seine Augen werden groß und er stolpert gegen seinen Wagen.

Bevor ich weiß, ob ich tatsächlich die Flasche niedersausen und auf den Kopf meines Freundes krachen lasse, dreht mir jemand den Arm mit der Flasche schmerzhaft auf den Rücken und stellt mir ein Bein. Ich habe keine Chance mich abzustützen und klatsche, gleichzeitig mit der Weinflasche, mit Gesicht zuerst auf den Asphalt. Ich spüre wie einer meiner Schneidezähne nachgibt und ein Stück heraus bricht. Ich jaule auf vor Schmerz und Überraschung und höre eine raue Männerstimme, die mich aus nächster Entfernung zu meinem Ohr anbrüllt. Verstehen tu ich nichts, weder akustisch, noch die sich geänderten Umstände in denen ich mich befinde.
Ich versuche meinen Kopf zu heben und zur Seite zu drehen, als dieser wieder hart runtergedrückt wird, wobei ich mir mit dem angebrochenen Zahn stark auf die Zunge beiße. Frisches Blut mischt sich mit meinem Speichel. Noch nie in meinem Leben war ich so wütend.
Ich bäume mich auf, versuche mich zu wehren, ich sehe aus wie eins der Psychokinder aus so einer Real-Life-Dokumentation. Tränen fließen meine Wangen hinab, ich keife, spucke Blut, strampele, trommele mit den Füßen auf den Boden, bis sich jemand mit den Knien auf meine Schulterblätter setzt um mich so zu fixieren. Trotz der Aussichtlosigkeit der Situation, versuche ich mich weiter loszureißen, als auf einmal das kalte Metall von Handschellen meine Handgelenke auf dem Rücken miteinander verbindet.


Als heranwachsender Möchtegern-Punk kommt man nicht weit, ohne eine Bullengeschichte. Die Auseinandersetzung mit der Staatsgewalt brauchst du zum einen, um deine Punkattitüde vollends auszubilden, du redest dann ja nicht mehr nur, sondern hast auch mal wirklich erlebt wie scheiße die Polizei ist und zum anderen um damit anzugeben. Sei es auf Konzerten, Partys oder Dates. Meine persönliche Bullengeschichte teile ich mir mit Bollo.

Bollo heißt mit bürgerlichem Namen Timo Relund, ein schrecklicher Name. Woher er seinen Spitznamen hat kann ich nicht mehr genau sagen, was bedeutet, dass keine besondere oder aufregende Geschichte dahinter steckt, Bollo passte halt einfach zu Timo.
Ich kenne Bollo länger als wir befreundet sind, ich hielt ihn anfangs für ein ziemlich unfreundliches, arrogantes und unnötig aggressives Arschloch. Als ich ihn näher kennen lernte, bemerkte ich zwar, dass meine Annahmen nicht gänzlich falsch sind, aber im bollonischen Mikrokosmos durchaus Sinn ergeben. Er war immer der Direkteste, Handlungsorientierteste, Aggressivste und somit auch irgendwie Erwachsenste von uns allen. Als wir uns besser kennen lernten entdecken wir eine Art Seelenverwandtschaft zwischen uns, wie sie nur heranwachsende Männer haben können.
Unsere großen Brüder waren im gleichen Alter, waren auch bekannt miteinander und überall wurden wir auf sie angesprochen und standen gewissermaßen in ihrem Schatten. Wir waren Fan der exakt selben Bands, mochten die gleichen Filme und hassten dieselben Personen. Die einzige Streitfrage die wir hatten, war ob So Long and Thanks for all the Shoes oder White Trash, to Heebs and a Been das beste NOFX Album war und wir alle wissen doch es ist So long na ja auch Bollo darf Fehler machen.

Zu mögen begann ich ihn, an einem sehr heißen Tag am örtlichen See. Es waren die letzten Sommerferien bevor meine Ausbildung beginnen sollte (Richtig, der Anarchist der niemals dem Staat als Sklave dienen wollte, hatte nichts besseres zu tun als nach seinem grandiosen 3,8er Realschulabschluss eine Lehre als Elektroinstallateur zu beginnen, was soll ich machen?).
Unser gesamter Bekanntenkreis war auf einer Wiese versammelt, ein alter Ghettoblaster, der diesen Namen eigentlich gar nicht verdient, spielte unsere Lieblingslieder, Sampler wie BRD Punkterror oder Schlachtrufe BRD.
Wie aus dem Nichts, tauchte ein Polizeiwagen, so ein VW-Bus ähnlicher, auf den Radwegen auf und fuhr im Schritt-Tempo neben den trinkenden Jugendlichen her um Polizeipräsenz zu zeigen.
Bollo, dem man bis auf seinem NOFX T-Shirt seine Punkattitüde nicht ansah, stand plötzlich auf und ging auf den Polizeibus zu. Das Nächste was wir sahen, war wie er gegen das Seitenfenster der Fahrerkabine klopfte, auf einmal der Beifahrer ausstieg, ihn packte und den laut lachenden Bollo in den Bus drückte und die Tür von innen zuzog.
Alle Jugendlichen die das Schauspiel beobachteten begannen zu Brüllen, die ersten Anti-Polizeiparolen nahmen Fahrt auf, der Wagen drehte und die Flaschen verfehlten ihn nur knapp und der Bus fuhr, nun nicht mehr im Schritt-Tempo davon.
Später erfuhren wir, dass Bollo, nachdem die Scheibe runtergedreht wurde, lallend und grinsend sagte: „Tach, ich hätte gern eins mit zwei Kugeln Vanille, einer Schokolade und einer Wachtmeister, ähh, Waldmeister, tschuldigung.“
Von dieser offenen Dreistigkeit überrascht, haben ihn dann die Polizisten einkassiert und die üblichen Kontrollen gemacht, wirklich belangen konnte man ihn natürlich nicht, aber völlig ohne Reaktion wollten die Beamten das auch nicht durchgehen lassen. Ich glaub in dem Beruf wird man automatisch völlig Humorresistent gegenüber großmäuligen Jugendlichen.
Von dem Tag an wurde Bollo bei uns zu einer Institution. Nicht nur er, die ganze grün-weißer Eiswagen Geschichte wurde zu einer so genannten Urban-Legend in unserer Stadt. Noch Heute treffe ich Leute die erzählen, dass ein Bekannter von einem Bekannten genau das getan hätte.
Leichtfertig davon beeindruckt, dachte ich mir das Bollo wohl doch nicht so ein Pfosten sein kann.
Ein bis zwei Partys später, waren wir befreundet. Wir tauschten unsere Gedanken bezüglich der Bundeswehr, dem nahenden Polizeistaat, Frauen, Filmen und Alkohol aus.
Wir waren fast in allem gleicher Meinung und auch wenn ich nie ein Ranking geführt habe, kann man sagen das ihn und mich irgendwas verband. Ich bekomme es bis heute nicht richtig zusammen, aber irgendwie stimmte einfach die Chemie wenn man so will.
Es muss so ziemlich ein Jahr später gewesen sein, als ich meine erste ernsthafte Begegnung mit der Polizei hatte.
Natürlich stand ich nach Konzerten oder ähnlichem schon öfters in der anonymen Masse und habe auf die Bullen geschimpft, allerdings wurde ich bis zu diesem Abend nie persönlich mit ihnen konfrontiert.

Jetzt sind Bollo und ich die letzten Gäste im Rock on, der einzigen Disko in unserer Kleinstadt. Trotz des Namens läuft hier überhaupt nicht unsere Musik. Der Laden ist die typische Dorfdisko mit Mini-Tanzfläche, schlechten Clubsongs und dem lokalen Proletenpack. Allerdings auch mit den charakteristischen Saufangeboten für gelangweilte Jugendliche. Kartensaufen. 25 DM (oder waren es schon Euro?) für eine Karte bezahlen, auf der ein Guthaben von 50 verzeichnet ist.
Jeder von uns hat mittlerweile eine Karte leer und wir trinken mit Hilfe der Reste auf den Karten unserer bereits gegangen Freunde. Die gefühlte achtzigste Mischung Wodka-Kirsch kriecht meinen Rachen hinunter.
Nach einem weiteren Wu Tang Clan Song verstummt die Musik und die Lichter gehen an. Wir werden freundlich aber bestimmt gebeten zu gehen. Nach einigen besoffenen Verhandlungen, können wir für die letzten noch nicht markierten Geldkästchen auf den Karten zwei Flaschenbiere herausschlagen und haben so sogar noch Reiseproviant.
Als wir den Hof des Rock on betreten ist der Himmel schon etwas aufgehellt. Ich versuche Bollo einen Schrittfehler zu verpassen, wobei ich beinah selbst mein Gleichgewicht verliere.
Wir reden lallend über Musik, darüber wie cool es doch wäre, wenn mitten im Hip Hop Song ein Lied von Slime eingespielt werden würde. Deutschland, Karlsquell, A.C.A.B oder Bullenschweine.
In telepathischer Übereinkunft beginnen wir beide gleichzeitig zu Singen. Durch die Straßen der Ein-Familien-Häuser schallt das Echo. „Der Faschismus hier in diesem Land, der nimmt allmählich Überhand, wir müssen was dagegen tun, sonst lassen uns die Bullen nicht mehr in Ruhe!“. Wir brüllen so laut, dass wir nicht das Motorengeräusch hören, das sich von hinten nähert. Die Scheinwerfer werden auch nur peripher Wahrgenommen, als wir zum Refrain ansetzen. „Wir wollen keine! Bullenschweine! Wir wollen keine! Bullenschweine! Mollys und Steine! Gegen Bullenschweine!“
Kaum ist das letzte Bullenschweine verklungen, überholt uns der Polizeiwagen und kommt quietschend vor uns auf dem Bürgersteig zum Stehen.
Ein glatzköpfiger Riese von einem Polizisten steigt bereits brüllend mit hochrotem Kopf aus dem Auto. Er kreischt irgendwas von Respektlosigkeit, davon das wir betrunken sind und das er unsere Personalausweise sehen will. Ich muss zugeben, ich bin eingeschüchtert von dieser Gestalt und greife schon zu meinem Portmonee, als Bollo laut zu lachen anfängt. Ich nehme die Hand aus meiner Tasche und greife stattdessen zu meinem Bier, welches ich aus Reflex zu meinen Füssen abgestellt hatte. Die Bowlingkugel wird noch lauter: „Jetzt raus mit euren Scheiß Personalausweisen! Sofort!“. „Warum?“ fragt Bollo, „Weil wir ein Lied gesungen haben?“ und hat das schmierigste Grinsen im Gesicht was ich je gesehen habe. „G-g-genau“ mische ich mich ein „wir haben nur ein Lied gesungen, was sogar auf CD erschienen ist, so faschistoid das einem das Singen verboten wird, ist dieser Staat ja noch nicht oder?“. Selbst überrascht von meinem Mut, bemerke ich am Rande, wie jemand zweites aus dem Auto aussteigt. Eine blonde Frau springt aus dem Wagen und spricht dabei in ihr Funkgerät: „Zwei Randalierer Ecke Heckenstraße, Sankt-Andreas Weg, erbitte Verstärkung“.
In meinem Kopf formt sich langsam der Gedanke, dass wir hier nur den Kürzeren ziehen können, dass aber gleichzeitig das Verhalten der Beamten an Lächerlichkeit kaum noch zu überbieten ist.
Diesmal beginne ich laut zu Lachen, ich halte mir sogar mit einer Hand den Bauch und als der männliche Beamte weiter brüllt und uns auffordert unsere Ausweise zu zeigen, während Bollo ihm eine völlig bescheuerte Rede über Meinungsfreiheit hält, kommen wir aufgrund der Surrealität der Situation die Tränen.
„Du willst diskutieren?“ sagt der Polizist in einem bedeutend ruhigeren Ton, um danach umso lauter fortzufahren:„Dir ist schon klar, dass das Beamtenbeleidigung war?! Was hattet ihr gesagt?“ „Bullenschweine!“ antwortet Bollo wie aus der Pistole geschossen. „Ah, schon wieder!“. Neunmalklug, ohne zu wissen das er am kürzeren Hebel sitzt sagt Bollo: „ Na ja, erstens habe ich nur ein Lied gesungen, welches auf der Slime CD Same erschienen ist und zum anderen, selbst wenn ich sagen würde, dass sie ein Bulleschwein sind, was ich nicht tue, wäre das ja nur eine Äußerung meiner Meinung.“
Noch bevor ihm geantwortet wird, biegen zwei weitere Polizeiwagen um die Ecke. Bollo beginnt wieder laut zu lachen. Ich hatte mich beinah beruhigt und muss mich jetzt sogar auf den Boden setzen. Statt des Liedes schallt nun unser Gelächter durch die Straße als aus jedem Auto, noch jeweils zwei Polizisten aussteigen.
Da stehen sechs Polizisten nun vor mir und Bollo, zwei wirklich harmlos aussehenden Siebzehnjährigen, die so besoffen sind das sie kaum noch stehen können. Als uns gedroht wird, dass sie sich die Ausweise holen, wenn wir sie ihnen nicht geben, werfen wir ihnen immer noch wiehernd unsere Persos zu.
Während einer der neu angereisten Polizisten, sich mit unseren Ausweisen in einen Wagen setzt und der Schreihals uns weiterhin anbrüllt, setzt sich Bollo lachend neben mich. Wir schauen uns nur kopfschüttelnd an, nicht fähig zu verstehen was dieser Aufriss soll.
Wir machen noch ein paar provokante Witze über Leichen die wir in Wäldern vergraben hätten und angezündete Autos, als wir unsere Ausweise auch schon zurückbekommen.
Auf einmal ändert sich der Ton des Beamten, der wohl jetzt auch nicht mehr so recht weiß, was das alles sollte. Er schreit nicht mehr, spricht uns aber einen Platzverweis aus und sagt uns, dass wir, sollten wir uns nicht bei ihm und seiner Kollegin entschuldigen, mit einem Bußgeld wegen Beamtenbeleidigung zu rechnen hätten. Nun ist es erneut Bollo der wieder losprustet und dabei sogar mit dem Finger auf den Beamten zeigt wie ein Kind, was auf dem Schulhof ein anderes Kind auslacht. Die Gesichtsfarbe des Polizisten wird wieder deutlich dunkeler und er schreit uns „Jetzt verpisst euch endlich!“ ins Gesicht, als wir weiterhin Kichernd von Dannen ziehen.
Fünf Tage später, stehe ich vor meinen tief enttäuscht dreinblickenden Eltern und erläutere ihnen die Situation und sage, dass sie nun 150 DM Strafe für mich zahlen müssen und frage im selben Atemzug ob sie den Brief für mich einrahmen könnten.


Ich wache unter einer kratzigen Decke auf. Mir tut alles weh aber das schlimmste ist der Durst. Der Geschmack in meinem Mund ist undefinierbar und unerträglich. Ich öffne die Augen und sehe Fliesen. Ich sehe ein alles einnehmendes Grau. Es riecht nach Desinfektionsmitteln und meinen eigenen Ausdünstungen. Außerdem habe ich den eisenhaltigen Geruch von Blut in der Nase.
Die Erinnerung kehrt langsam aber umso erschreckender zurück. Hätte ich wirklich Chris erschlagen wenn nichts dazwischen gekommen wäre? Ich kann es mir kaum vorstellen, hatte allerdings schon ausgeholt, das weiß ich ganz genau. Hätte ich noch zurückgezogen?
Ich wühle in meinen Hosentaschen und bemerke dabei, dass mir mein Handy, meine Geldbörse, Schlüssel und sogar mein Gürtel abgenommen wurde. Ich kann mich noch an die Fahrt im Streifenwagen erinnern und daran das einer der Polizisten die mich festgenommen haben, einen Schnauzbart hatte auf den Magnum eifersüchtig gewesen wäre. Ich muss dann irgendwann eingeschlafen sein. Die Ankunft im Polizeirevier ist komplett gelöscht.
Ich habe weder eine Uhr, noch ein verlässliches Zeitgefühl und ein Fenster gibt es natürlich auch nicht.
Ich richte mich auf, zucke aufgrund der Schmerzen in meinem Kopf zusammen. Ich befingere mein Gesicht. Ich spüre verkrustetes Blut, meine Nase ist extrem angeschwollen und meine Lippen sind Taub. Als ich mit der Zunge meine Zahnreihen abtaste stoße ich auf den abgebrochenen Zahn und zucke zusammen. Selbst meine Zunge tut scheiße weh und der Geschmack von Blut ist allgegenwärtig. Jetzt brauch ich noch dringender was zu Trinken und unbedingt einen Spiegel. Ein Waschbecken wäre auch von Vorteil. Wenigstens ein Klo gibt es hier. Ich stelle mich vorsichtig und schwankend vor das blecherne Loch im Boden und versuche die größten Spritzer zu vermeiden und genieße das Nachlassen des Drucks auf meiner Blase. Ein Seufzer verlässt meinen Mund und der Luftzug schmerzt erneut an dem beschädigten Zahn.
Als ich mich wankend nach einer Klingel oder Ähnlichem umschaue, höre ich wie die Riegel der Tür hinter mir zurückgeschoben werden. „Na, hat Dornröschen ausgeschlafen?“. Ein Polizist der sich für lustig hält, genau das brauch ich jetzt. Ich drehe mich um und da steht tatsächlich der Schreihals in der Tür. Er ist eindeutig älter geworden, hat sich einen schicken Kranz aus Haaren wachsen lassen, aber es ist unverkennbar derselbe Beamte. Ich versuche zu sprechen, meine trockenen Lippen pappen zusammen und als ich sie öffne höre ich förmlich das Geräusch eines Klettverschlusses. „Ähm…Hi…kann ich…na ja, gehen?“. Ich warte ein paar schreckliche Sekunden darauf, dass er mich erkennt und bilde mir ein, zu sehen wie er versucht mich in seinen Erinnerungen einzuordnen. „Jupp, wir brauchen nur noch ne Unterschrift von ihnen und dann bekommen sie auch ihre Sachen wieder. Außerdem können sie mit Post von uns rechnen, wegen Widerstandes gegen die Festnahme. Post vom Anwalt ihres Freundes bekommen sie bestimmt auch noch.“ Fügt er süffisant hinzu.
Ich folge ihm die Treppe hoch ins Büro, ich unterschreibe eine Erklärung welche ich mir nicht einmal durchlese und stolpere aus der Wache. Ich will nur so schnell wie möglich hier raus.
Nun stehe ich am Arsch der Welt, ohne Auto. Das Schlimmste was ich mir jetzt vorstellen könnte, wäre Bus oder Zug zu fahren. Ich schaue in mein Portmonee und finde einen Zehner. Taxi fällt also auch flach. Ich gehe die Straße runter, schau in mein Handy, welches ich seit der Beerdigung ausgestellt hatte. Zwei Minuten später habe ich vier Kurznachrichten. Eine von meiner zukünftigen Ex-Frau, welche Mitleid heuchelt und fragt ob alles okay sei, eine die mich darauf hinweist das sich fünf neue Nachrichten auf meiner Mailbox befinden, eine von Chris, der fragt was ich mir eigentlich einbilde wer ich bin und das er mit mir reden will und die letzte von Bollo. Timo, mein Seelenverwandter, mein Hetero-Lebenspartner, der einzige der die Situation verstanden hat und mich in der Nachricht fragt ob ich klar komme, wenn nicht solle ich mich melden. Wenn mir jemand helfen kann dann er. Ich wähle mit zitternden Händen Bollos Nummer. Dank des Sendens meiner Nummer hebt er mit den Worten ab: „Ben? Alles klar?“.
„Hey Bollo, kannst du dich noch an den glatzköpfigen Riesenbullen erinnern?“


Fortsetzung folgt...
 
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