Montag, 24. August 2009

Filmriss Teil 4

"Die, die durch die Dunkelheiten schreiten, müssen das Licht sehen!"

4

Auf jedem Begräbnis,
gibt es einen guten Lacher
mindestens
einen echten Kracher
Kettcar - Hauptsache Glauben

Wie am Tag unserer Konfirmation stehen wir in Reih und Glied in dieser Kirche, diesmal allerdings in der zweiten anstatt in der ersten Reihe. In der ersten stehen Lepperts Familienangehörige. Als der Pfarrer seinen Klitschko gleichen Einlauf beendet hat, verstummt die schreckliche Orgel und alle setzten sich.
Ich schau links neben mich, Christian, David und Bollo. Wie früher sind wir wieder versammelt, nur diesmal um den Vierten in unserem Bunde die letzte Ehre zu erweisen.
Wir sind Heuchler, wir sind hier, weil man halt zu Beerdigungen geht wenn ein Freund stirbt, auch wenn man den Freund schon jahrelang nicht mehr als Freund bezeichnet hat und ihm eigentlich nur noch aus dem Weg gegangen ist.
Als ich mich umdrehe sehe ich noch mehr Leute von Früher, eigentlich kenne ich jeden der hier sitzt, selbst einige Grundschulkameraden die seitdem nichts mehr mit Leppert zu tun hatten sind erschienen. Dieser Beerdingungstourismus macht mich wütend, ich würde sie am liebsten anschreien und ihnen sagen, dass sie noch größere Heuchler als wir sind. Ich bin natürlich zu feige oder zu gut erzogen, sucht euch was aus. Aufgrund meiner Wut, der Hilflosigkeit die ich empfinde und auch der Trauer um Hagen Leppert schießen mir die Tränen in die Augen.
Ich reiße mich zusammen, mache mir klar, dass ich mich gleich zum König der Heuchler krönen kann wenn ich jetzt anfange zu flennen. Dann fehlt nur noch, dass ich nachher den Sarg umarme wenn er ins Grab gelassen wird und „WARUM!? WARUM NUR!?“ schreie.
Wenn ich mal ehrlich bin, bin ich ja eher aus egoistischen Motiven traurig. Das alles macht mir Angst, mit Hagen ist ja nicht nur Hagen gestorben sondern auch ein Teil unserer Jugend wird begraben, jede Geschichte die sich um Leppert (eigentlich hat ihn jeder bei seinem Nachnamen genannt) gedreht hat, jede Party auf der er mit anwesend war, jedes Bier das ich mit ihm getrunken habe wird hier gerade mit beerdigt. Mir ist schlecht, mein Magen ver- und entkrampft sich. Selbst auf der Beerdigung eines ehemaligen Freundes, steht mein eigenes Befinden im Mittelpunkt.
Leppert selbst hätte ich eh nur maximal zwei Mal im Jahr wieder gesehen, bis man sich dann ganz aus den Augen verliert.
Ich atme tief durch und schaue auf diese unförmige Holzkiste in der Mitte des Saals in der nun einer meiner ehemaligen besten Freunde aus Kindheits- und Jugendtagen liegt.

Ich hatte seit ich der Pubertät entflohen bin, ich bin übrigens nicht schnell genug, sie holt mich bei jedem kurzen Rock und nach ein paar Bieren wieder ein, keinen besten Freund.
Wer einen besten Freund hat, stellt somit zwangsweise ein Ranking auf. Wo es eine Nummer eins gibt, muss es auch eine Nummer zwei geben sonst machen Aufzählungen und Listen ja gar keinen Sinn und wo soll das alles hinführen? Bemisst man dann den besten Freund Status, anhand der Handlungen die dieser vollzogen hat? Völlig absurd das Ganze.
Nicht weniger absurd ist, jedenfalls im Sinne des Wortes beste zumindest, dass ich immer mehrere beste Freunde hatte. Es gab nur drei Kategorien an Menschen denen ich begegnet bin. Fremde, Bekannte, Freunde. Bei Frauen gab es natürlich auch noch potentielle Partner, für Sex oder Liebe (oder so was ähnliches), wobei potentiell meistens bedeutet, dass ich will aber niemals den Hauch einer Chance haben werde.
Da Männer zum Glück nie über solche Klassifizierungen reden, ist es mir immer erspart geblieben gewisse Einteilungen zu rechtfertigen. Als Freund hab ich einen Menschen nämlich erst sehr spät betrachtet, dazu war einiges an verbrachte Zeit und Sympathie nötig und wenn ich ehrlich bin, bin ich ein ziemlich verbitterter Dreckssack, ich mag nicht viele Leute aber diese dafür sehr .

Die bisher meiste Zeit meines Lebens war mein Freundeskreis sieben Leute stark. Vier Kerle, drei Damen.
Trotz meiner von Misserfolg geprägten Vergangenheit in Sachen Liebe, Vietnam war nichts gegen mein wiederholtes glorreiches Scheitern, konnte ich schon immer gut mit Frauen umgehen. Ich konnte mich immer gut mit ihnen unterhalten, hab meistens verstanden worauf sie hinauswollten und was sie gerne hören würden. Obwohl ich eindeutig Qualitäten auf diesem kommunikativen Gebieten aufwies, ich würde mich tatsächlich als Frauenversteher bezeichnen, war ich nie fähig damit eine Frau zu gewinnen. Ich war der klischeehafte männliche Freund und bin es immer noch, wenn man es genau nimmt. Der mit dem man sich gar nicht vorstellen könnte was anzufangen, da er wie ein Bruder für einen ist. Oder noch besser, wie eine Schwester.
Wow, danke, das pusht das Ego eines Mannes ja so richtig. Ich glaube an so was dachte auch Bo Diddley in I`am a man wenn er singt :

„All you pretty women,
Stand in line,
I can make love to you baby,
in an hour's time.

Es gibt wirklich nichts schöneres wenn eine Frau, die du dir gerade von oben bis unten anschaust und deren Lächeln du wirklich hinreisend findest, dir erzählt das sie in irgendwen auf der Party auf der ihr gerade seid, verknallt ist. Ich habe für mich raus gefunden, sobald dir Frauen erzählen in wen sie verknallt sind, mit wem sie gerne schlafen möchten oder mit dir total objektiv und ohne zu flirten über Sex reden hast du verloren. Das schlimmste an der Sache ist, sobald du diese Linie einmal übertreten, hast bist du für immer auf der anderen Seite.
Das ist nicht immer schlimm, ich habe gerne Freundinnen und will einige nie wieder missen, dennoch ist es für mich unmöglich eine Frau anzugraben ohne danach entweder vollkommen versagt zu haben oder ihr Freund zu sein.
Aber ich und Frauen, das ist ein Thema welches es später noch aufzuarbeiten gilt.

Ich werde aus meiner Tagträumerei gerissen. Der Pfaffe, ein kleiner dünner Mann, dessen Frisurmodel wohl als Sportplatz mit Hecke zu bezeichnen ist, beginnt mit einem pervers gekünstelten trauernden Unterton in der Stimme seine Predigt.
Wahrscheinlich macht er seine Sache ganz in Ordnung aber ich hab einfach Probleme mit Kirchen, Pastoren, Gebeten, dem Gesinge und dem ganzen Kram.
Dieser Priester ist dennoch eine einzige Witzfigur, er wirkt wie die Parodie eines Pastors und dazu noch diese Stimme, ein hysterischer Lachanfall, einer von der Sorte die die Grenzen zwischen Lachen und Weinen verwischen, droht mir. Ich atme tief durch, habe meine Mundwinkel kaum unter Kontrolle, aber gerade als ich mich schon nach einem Weg umschaue hier schnellstmöglich raus zu kommen, gewinne ich wieder die Fassung.
Ich hole noch mal Luft starre den Sarg an, stelle mir meinen toten Freund darin vor, um jeglichen Lachreiz zu vertreiben, dann widme ich wieder dem Redner meine Aufmerksamkeit.
„Liebe Gemeinde, wir haben uns hier eingefunden um den Körper von Hagen Johannes Leppert der Erde zu übergeben und uns von seiner Seele zu verabschieden. Hierzu möchte ich aus dem Buch Jesaja Kapitel 9, ab Vers 1 lesen.“

„Das Volk das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht; und über die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du machst des Volkes viel...“ mir stockt der Atem, meine Pupillen weiten sich, ich ringe nach Luft, der Lachanfall kehrt zurück und ich weiß genau, diesmal kann ich ihn nicht aufhalten. Der Pastor verwandelt sich vor meinem geistigen Auge in Harvey Keitel, welcher Jacob Fuller in „From Dusk till Dawn“ spielt. Ich springe mitten in der Predigt auf, Jacob verstummt für einen kurzen Moment und setzt dann seine Predigt fort. Ich sehe ihn, einen Baseballschläger und eine Schrotflinte zu einem improvisierten Kruzifix gebastelt, wie er einem Vampir nach dem anderen ins Gesicht schiesst und sagt „Die, die durch die Dunkelheit schreiten, müssen DAS LICHT SEHEN“ Bäm, der nächste Vampir kippt um und ich stolpere aus der Sitzreihe in den Mittelgang der Kirche, mir entwischt ein Lachen welches hoffentlich auch als Schluchzen interpretiert werden kann, höre noch das Flüstern einiger alter Damen in den hinteren Reihen und werfe mich aus der großen Doppeltür.
Ich beginne zu Kichern, immer lauter, springe unelegant über eine kleine Hecke, lehne mich an das Kirchengebäude und lache. Mir laufen Tränen die Wange hinunter von denen ich mir nicht sicher bin ob sie vom Lachen verursacht werden. Mein Gelächter ist zwar nicht brüllend laut, aber dennoch so geräuschvoll, dass ich selber davor erschrecke als es erneut anschwillt. Ich sacke mit dem Rücken zur Kirchenmauer auf den Rasen. Mein Lachen wird noch einmal lauter und verstummt dann. Voll gepumpt mit Endorphin grinse ich apathisch vor mich hin, als ich auf einmal wieder den weinerlichen Ton des Pastors höre, welcher seine Predigt fortsetzt. Mein Magen wird zu einer Bleikugel und noch bevor ich es sehe, hoffe ich auf ein Wunder. Wunder sind heute aus, DDR Wochen im Wunderland, direkt über mir ist eines der riesigen Bleiglasfenster der Kirche geöffnet…


Fortsetzung folgt…

Montag, 17. August 2009

Filmriss Teil 3

It`s a long Way Home

3

wir waren die ersten, die kamen
die letzten die gingen
benommen von den Impressionen
Kettcar – Ausgetrunken


An das alles denke ich, während ich meine schwarzen Slipper anziehe, vor dem Spiegel schaue ob die Krawatte richtig sitzt und ob das weiße Hemd zu sehr von meinem Bauch in Mitleidenschaft gezogen wird. Mir fällt mein Tape ein, welches ich letztens noch beim Umzug in der Hand hatte, es war mein Lieblingstape und hat mehr Zeit in meinem Walkman verbracht als Courtney Love in Entzugskliniken. Ich kann es nicht beschwören aber ich gehe stark davon aus, dass ich das Tape auch hörte als ich von Chris aus Nachhaus gegangen bin. Meinen Walkman hatte ich auf jeden Fall dabei, ohne den bin ich nirgends hingegangen, auch als alle schon mit Discmans dann Mini-Disc-Playern und den ersten Mp3-Prototypen hantierten.

Die Cola ist handwarm und schmeckt nicht besonders gut, dennoch genieße ich jeden einzelnen Tropfen flüssigen Zucker der meine pelzige Zunge berührt und meinen unersättlichen Rachen hinunterläuft. Das Snickers entsorge ich nach der Hälfte und das ist nun wirklich nicht meine Art.

Die Sonnenstrahlen sind ein einziges „Fuck You“ in mein Gesicht, als wolle die Welt mir sagen: „ Es ist ein wunderschöner Tag, allen geht es super, nur dir nicht und das ist gut so, leide Säufer, leide.“.Und mir geht es wirklich nicht gut. Meine Knie zittern, Schweiß tropft immer noch von meiner Stirn und wenn ich meinen Kopf drehe zieht mein Blick ein bisschen nach. Es kommt einem vor, als würde man den Kopf schneller drehen als man es verarbeiten kann.
Trotz meiner Kopfschmerzen habe ich den Walkman natürlich auf Anschlag aufgedreht, wenn man 13 ist und rebellische Musik hört, ist das wichtigste das alle anderen wissen das du rebellische Musik hörst.
Der Toxoplasma Sänger grölt in mein Ohr „ … Danke für meine Arbeitsstelle. Danke für jeden neuen Tag. Danke für die Neutronen Bombe. Danke für jedes Attentat. Danke für den Zweiten Weltkrieg. Danke...“. Trotz der Qualen die ich durchlebe und die nur jemand nachvollziehen kann der auch schon einmal so richtig verkatert war, lächele ich. Ichfühle mich verändert und der Welt, welche mich immer noch verhöhnt, überlegen.
Ich war betrunken. Tatsächlich war ich betrunken und bin es wahrscheinlich noch. Obwohl der Weg von den Palweißers bis zu meinem Zuhause nur einige hundert Meter lang ist und maximal 10 Minuten dauert, hat diese Reise etwas besonderes für mich, einen symbolischen Wert, damals schon. Ich habe im Streit über meine Mutter gesiegt, habe jeden Alkohol getrunken den ich die Finger bekam, eine Zigarette geraucht (das erste und letzte Mal) und habe, soweit ich mich erinnere, sogar mehrere Minuten mit Saskia gesprochen. Sie ist in meiner Konfirmationsgruppe und auf meiner Realschule in einer Parallelklasse. Sie ist das erste Mädchen, welches mich auf eine primitive, direkte und für das Alter typische Weise interessiert.
Ich will mit ihr Körperflüssigkeiten austauschen. Dabei ist es erstmal egal, ob man nur ein bisschen rum macht oder ob ich gleich alles aus meinen feuchten Träumen bekomme, wichtig ist erstmal nur sie zu irgendwas zu bekommen. An erster Stelle das sie mich mag, der Rest ergibt sich dann von allein. Ich kann mich noch daran erinnern, dass wir über Musik gesprochen haben, mehr weiß ich nicht mehr, ich hoffe ich war charmant und habe Eindruck hinterlassen.
Ich frage mich zwar langsam ernsthaft wo mein Jackett ist, aber das wird schon wieder auftauchen. Toxoplasma werden von Slime abgelöst und ich biege in meine Straße ein. Mein sechs Jahre älterer Bruder verlässt gerade unser Wohnhaus und will in sein Auto steigen als er mich erblickt.
„Alter, mach dich auf was gefasst, Mama und Papa sind alles andere als gut gelaunt dank dir“, warnt er mich lächelnd. Mit Blick auf unser Küchenfenster und der Vergewisserung, dass meine Mutter uns nicht beobachtet lass ich mir von ihm helfen meine Erinnerung etwas aufzufrischen, obwohl ich mich daran erinnere noch einmal kurz zuhause gewesen zu sein, während wir alle auf dem Weg waren unsere bereits seit 3 Stunden andauernde Sauferei in den Garten von Christian zu verlegen, kann mir aber dennoch nicht erklären warum meine Eltern so sauer auf mich sein sollten.
Ich wusste zwar, dass das Schuhdebakel Folgen haben wird, aber das wäre doch überzogen. „ Du bist nachhause gekommen und es war gerade erst Dunkel, acht oder neun Uhr, hast ordentlich den Flur von links nach rechts ausgemessen, sagtest du wolltest noch was holen und hast dich im Flur erstmal richtig auf die Fresse gelegt. Dabei hat Mutter dann so einige Gras, Wein und was weiß ich was für Flecken auf deinem Jackett bemerkt und war schon stinksauer und hat dich gebeten um eins zuhause zu sein, was eine Ausnahme sei, wegen deiner Konfirmation und so.“ Okay, das änderte die Sachlage natürlich und das nicht unbedingt zu meinen Gunsten.
Mein Bruder steigt lachend in sein Auto und fährt davon, während ich langsam auf die Tür zusteuere.

Ich wühle in den Kartons, die ich innerhalb von 2 Wochen nicht geschafft habe im Keller zu verstauen und suche nach dieser drecks Kassette. Ich hatte die doch letztens erst in der Hand und habe extra noch daran gedacht, dass ich sie irgendwo hinlegen muss, wo ich sie wieder finde. Ob ich das allerdings tat, weiß ich nicht mehr.
Meine frisch entfusselte Anzughose schleift über meinen ungesaugten Teppich und zerknittert, aber das alles interessiert mich nicht, ich werfe einen Blick auf die Uhr. Ich habe noch 10 Minuten Zeit dieses scheiß Tape zu finden. Dann muss ich auf jeden fall los. Ich rede mir ein, dass das Tape nicht nur ein billiger Grund ist die Fahrt aufzuschieben und trete den ersten durchwühlten Karton wütend und fluchend beiseite.



Och fuck, was soll das denn jetzt? Wieso man das jetzt klären muss, versteh ich nicht. Das denke ich mir, während meine Eltern in der Küche sitzen, mein Vater seine Rolle als böse dreinschauender Zigarettenraucher übernimmt, ich frage mich oft, ob Chris Carter sich für die Rolle des Krebskandidaten auch von seinem Vater hat inspirieren lassen und meine Mutter mich in einem Ton anschreit, der irgendwo zwischen Keifen und weinerlich liegt.
„Die Jacke ist hinne, kannste vergessen. Die Flecken gehen nie wieder raus.“ „Aber die…“ Versuche ich einzuwerfen. „Und was soll der Mist eigentlich das du hier besoffen wie tausend Russen auftauchst und es dir auch noch erlaubst uns ein Versprechen zu geben an das du dich nicht hältst?“
„ Ist das denn…“ versuche ich mich zu erklären als ich erneut unterbrochen werde.
„Da machen wir mal eine Ausnahme, für dich, weil du konfirmiert wirst..“, wobei „wir“ und „dich“ natürlich extrem betont werden, „…und lassen dir ein paar Freiheiten, lassen dich sogar Alkohol trinken, weswegen wir ins Gefängnis kommen können…“.
„Aber..“,
„…und du dankst es uns so, sieh zu das du ins Bett kommst und vergiss nicht zu Duschen, du stinkst wie ein alter Säufer“.
Von einer fairen Verhandlung kann nicht die Rede sein, dennoch danke ich in diesem Moment mal wieder dafür, dass meine Eltern nichts von Strafen halten seitdem ich aus dem Kleinkindsalter raus bin. Mit gesenktem Haupt und leichten Tränen in den Augen, mir ist immer zum Heulen wenn meine Eltern mich anschreien, selbst wenn ich mich im Recht fühle, verschwinde ich ins Badezimmer.

Verdammte Pisse, ich bin schon 20 Minuten später als ich eigentlich los wollte, aber ich hab das verdammte Ding. Ich klopfe mir die Fusseln von der Hose, werfe mir mein Jackett über und renne runter zum Auto. Mein Handy vibriert, Christian ist dran und frage wo ich bleibe, ich wollte ihn schon lange abgeholt haben. Ich versichere das ich auf dem Weg bin, schmeiße mich in mein Auto und...Und was nun? Will ich da wirklich hin? Ich betrachte mich selbst im Innenspiegel, ich bin mäßig rasiert meine Haare, welche immer mehr vor meiner größer werdenden Stirn zurückweichen, sind zu einem strengen Zopf gebunden. Ich stelle mir mich mit meiner Frisur vor 15 Jahren vor und muss dabei lächeln. Ich muss irgendwann das Tape eingelegt haben, es laufen die Goldenen Zitronen mit dem Forever Young Cover Für immer Punk: „ Es ist jetzt vorbei und es war doch schön, wir blieben gern hier doch wir müssen nun gehen. Alles hat mal ein Ende weiß doch jeder von euch, auf wieder sehen…“ Ich sehe wie mein Gesicht im Innenspiegel in sich zusammenfällt, dann verschwimmt meine Sicht, ich wisch mir mit dem Ärmel über die Augen und starte den Motor.

Fortsetzung folgt...

Sonntag, 2. August 2009

Filmriss Teil 2

Das erste mal

1

Ob das erste Mal weh tat? Natürlich, allerdings erst am nächsten Morgen. Es ist April, ein sehr warmer Tag für diesen Monat und es ist der Tag nach meiner Konfirmation. Ich schlage die Augen auf und sehe als erstes ein alles einnehmendes Okka.
Ich realisiere, während ich versuche meinen Kopf zu heben, dass ich auf Okka farbende Fliesen welche an meiner schweißnassen Wange kleben liege. Ich liege vor einer Panorama-Terrassentür, perfekt von auf mich einschlagenden Sonnenstrahlen eingerahmt. Wir haben keine Okka farbenden Fliesen und erstrecht keine Panorama-Terrassentür. Bevor ich tatsächlich allein aufgrund der erdrückenden Beweislast feststellen kann, dass ich nicht Zuhause bin, erkenne ich den mir wohlbekannten Raum aus dieser mir fremden Perspektive.
Die elegant protzige Esszimmereinrichtung. Der riesige Tisch, beinah eine Tafel, mit den gepolsterten Massivholzstühlen, von denen zwei Throne für Könige sein könnten, mit ihren ausufernden Armlehnen und den integrierten Schnitzereien. Ich erinnere mich daran, wie oft wir als Kinder immer Angst hatten, dass diese Stühle sichtbare Blessuren davon tragen, wenn sie beim Spielen umgefallen sind.
Ich liege dort und frage mich aus welchem Holz diese Einrichtung wohl sein mag, meine Wange klebt immer noch auf der viel zu warmen Fliese und ich wäge ab ob es sich bei dem Holz um Nussbaum, Wenge oder gar Mahagoni handelt. Ich weiß es bis heute nicht. Ich sollte Christian morgen fragen. Allerdings könnte es auch unpassend erscheinen. Mal schauen ob sich das Thema Holz vielleicht irgendwie ergibt, ich wüsste sogar wie. Was auch immer, zurück zu meine jüngeren, noch betrunkenem Ich.

Ich liege auf dem Boden im Esszimmer des Hauses Palweißer. Christian Palweißer, einziger Sohn der Familie und somit Alleinerbe des Familienunternehmens, welches zwar nicht vergleichbar mit dem der Familie Danone, Bayer oder ähnlichem ist, aber dennoch genug Geld bringt um ein Leben in gehobenem Wohlstand zu leben, ist einer meiner besten Freunde.
Christians Familie stellt Vorhängeschlösser her und vertreibt diese, teilweise sogar international. Sie sind nicht ABUS, haben aber dennoch einigen beträchtlichen Erfolg. Sie erkennen das Logo wenn sie es sehen, dieses P im mittleren Zacken des Ws. Sieht fast aus wie ein Familienwappen das man auf einem Schild tragen könnte.
Ich ging mit Christian zusammen in die Grundschule, sogar in dieselbe Klasse und seitdem sind wir Freunde gewesen. Das Christian reicher war als wir anderen, Familie Palweißer besaß das einzige Haus in der Gegend und was für eins, fiel uns als erstes dadurch auf das sie eine Speisekammer hatten, in welcher es ein ganzes Regal voller Süßigkeiten gab.
Für Kinder definiert sich Wohlstand nicht durch die Größe des Hauses, sondern dadurch, dass man immer wenn man will etwas Süßes hat. Man könnte beinah sagen, dass für Kinder Schokolade, Weingummi und Kekse denselben Stellenwert haben wie Haus, Auto und Partner für ausgewachsene Menschen. Vielleicht wäre alles besser, wenn wir dieses Stadium nie verlassen hätte. Obwohl wir dann wahrscheinlich aufgrund ihrer Schokoladenvorkommen Belgien angreifen würden und Resolutionen gegen Massenbrokkoli-Anbau verabschieden würden.

Hab ich schon erwähnt, dass ich auf dem Boden liege? Ja, tu ich immer noch. Meine Haare haben nichts mehr von ihrer, Haarwachs sei dank, stacheligen Igelform, sondern kleben voll gesogen mit einer Mischung aus Schweiß, Stylingwachs und Dreck, wie ein speckiger Helm an meinem Schädel.
Ich setzte mich auf. Das weiße Propagandhi T-Shirt, welches ich nach dem kirchlichen Kram schnell mit dem Hemd austauschte, ist undefinierbar Fleckig und sollte bis zu seinem schrecklichen Unfall den es erleiden wird, nie wieder richtig sauber werden. Ein riesiger Sangriafleck befindet sich auf Bauchnabelhöhe, während der Kragen eine braungelbe Fleckenkombination aufweist, die verdächtig nach Erbrochenem riecht. Als ich eine für Männer typische „nach dem aufwachen“ Kratzhandlung vollziehen will, bemerke ich, dass meine Anzughose einen Riss direkt in meinem Schritt hat.
Beim betrachten dieses Gadrobenmassakers durchfährt ein schrecklicher Schmerz meinen Kopf, ein Pochen hinter der Stirn schwillt stark an und dann wieder ab, ohne mich aber ganz zu verlassen. Ich schau mich vorsichtig um, es stehen ein paar Flaschen auf dem Esszimmertisch, meine Schuhe rechts von mir, nur mein Jackett scheint verschwunden und von Chris ist auch keine Spur. Langsam stehe ich schwankend auf, das Pochen in meinem Kopf schwillt wieder schmerzhaft an und ich muss ich sehr anstrengen um nicht wieder umzufallen.
Behäbig bewege ich mich durch das riesige Esszimmer, mit Hilfe verschiedenster Möbelstücke hangele ich mich bis zum Beginn der Wendeltreppe, welche nach oben führt und somit in Christians Zimmer.
Als ich den ersten Fuß auf die Treppenstufe setze, spüre ich das meine Prioritäten nun doch anders gesetzt sind und trete erstmal den Weg ins Badezimmer im Erdgeschoß an, das Gäste WC. Palweißers haben ein Gäste WC und das familiäre, das familiäre hat ein Bidet aber kein Pissoir, obwohl sowohl genug Geld als auch Platz vorhanden wäre, was glaube ich ziemlich deutlich zeigt wer im Hause Palweißer wirklich die Hose anhat.
Als ich die Tür zum Bad öffne, und den ersten Blick hineinwerfe, werden mir zwei Dinge gleichzeitig klar. Zum einen, dass die Flecken an meinem T-Shirt Kragen tatsächlich Kotze sind und das Kotze mehr Kotze erzeugt. Gewalt erzeugt Gegengewalt und Erbrochenes erzeugt erneutes Übergeben.
Ich frage mich noch, warum ich es denn letzte Nacht bis ins Badezimmer geschafft habe, aber dennoch auf den Plüschvorleger vor der Toilette gekotzt habe, als ich mich schon daneben hocke und mir und dem Rest der Welt beweise, dass ich auch fähig bin mich ohne Kollateralschäden und zielgenau zu übergeben.

Nachdem ich meine Auswürfe meiner Ansicht nach genügend beseitigt hatte und mir eine Wasserhahn Dusche verpasste, betrete ich tropfnass Christians Zimmer. Der feine Herr Palweißer liegt splitternackt auf seinem Sofa, wahrscheinlich sind die Gründe dafür, dass er nicht in seinem leeren Bett liegt und ich im Badezimmer auf den Vorleger kotzte dieselben, macht ein Auge auf als ich die Tür öffne und zischt mir ein leises, lallendes „värpüss dich, ich wüll pönnen“ zu. Ich zucke mit den Schultern, torkele erneut die Treppe runter, schnappe mir eine Dose Cola und ein Snickers aus der Speisekammer und mache mich auf den Weg Nachhaus.

Fortsetzung folgt…

Filmriss Teil 1

Filmriss

Es gleicht einem Filmriss, dass Älterwerden. Gestern Nacht warst du noch stinkbesoffen und gut gelaunt auf irgendeiner Party, in einer Kneipe oder einfach nur so irgendwo, dann fehlen dir ein paar Stunden oder Jahre und du wachst auf und bist bald 30.
Dein Schädel brummt wenn du an die verlorene Zeit denkst und du bekommst ein komisches Gefühl in der Magengegend. Es wäre gelogen zu sagen Alkohol hätte keine wichtige Rolle in den letzten 16 Jahren meines Lebens gespielt aber genauso wäre es gelogen zu sagen ich würde ohne Alkohol nicht klarkommen, wäre süchtig oder ähnliches. Ich weiß, alle Süchtigen sagen sie sind nicht süchtig, trotzdem gab es in meinem Leben auch Wochen und Monate in denen ich sehr gut ausgekommen bin ohne voll zu sein, ich kann halt jederzeit damit aufhören, wenn ich will aber das will ich ja nicht.
Allerdings muss man sagen das ich gern betrunken bin, ich mag es zu zu sein, voll wie eine Strandhaubitze, mich wegzuballern, umzulatten, mir die Lichter auszuschießen, die Festplatte zu formatieren und mir derbe den Schädel abzureißen.

Vorspiel


Ich denke an mein erstes Mal. Nicht so etwas überbewertetes wie das erste mal Sex, der erste Kuss oder das erste Mal das ich einen Regenbogen gesehen habe, nein ich denke an den ersten Vollrausch.
Ich stehe in dem Flur der Wohnung meiner Eltern, ich bin 13 Jahre alt, ich bin nüchtern, ich habe erst ein bis zweimal ein Bier getrunken und es ist ungefähr 45 Minuten vor meiner Konfirmation.
Der Anzug sieht grausam aus, ich hielt es für eine gute Idee aufzufallen, ich hatte ne Menge scheiß Ideen, vor allem mit 13. Alle nehmen einen schwarzen Anzug, ich nicht, bin ja nicht blöde, will kein Spießer sein und erst recht kein braver Konfirmand, gemacht hab ich das eh nur wegen dem Geld. Mein Jackett ist Weiß, Mutter hielt das für eine tolle Idee, wo war die elterliche Fürsorgepflicht? Warum hat sie das nicht verhindert? In dem weißen Blazer sehe ich aus wie ein 1.73 großer Raffaello. Weiß steht Dicken nicht und erstrecht keinen dicken vorpubertären Jugendlichen mit stacheligen Haaren, die zuviel Exploited hören und sich nicht bewusst darüber sind, dass das Punk-Sein bei der Frisur anfängt und beim Phrasendreschen aufhört.
Momentan ist das aber zweitrangig, ich bin aufgeregt und ein bisschen ängstlich. Nicht wegen der kirchlichen Zeremonie, die interessiert mich ungefähr so sehr wie die Schule. Der Gedanke, dass ich mich heute Nachmittag das erste mal betrinke lässt mich nicht mehr los. Außerdem gibt es noch einen Machtkampf zwischen meiner Mutter und mir.
„Benji“ beginnt sie, wie ich das hasse wenn sie das tut, nicht schlimm genug das ihr übergewichtiger Sohn mit Vornamen heißt wie der berühmteste deutsche Cartoon und Hörspiel Elefant, nein sie muss als Rufnamen auch den eines Disney Hundes verwenden. „Benji, du kannst da nicht in Turnschuhen hingehen, auch wenn die schlicht sind, nimm Papas Lackschuhe, ist doch nur für zwei Stunden oder so.“ Noch versucht sie es im lieben, einfühlsamen Ton, sie weiß noch nicht das ich diesen Disput für mich entscheiden werde und somit auf dem Foto das in drei Stunden entsteht, nicht nur auffallen werde weil ich der dickste bin, nicht nur weil ich ein weißes Jackett anhabe, sondern auch weil ich der einzige bin der nicht in Herrenschuhe gekleidet ist. Stattdessen stehe ich am linken Rand des Bildes und man sieht deutlich meine Globes, ich seh aus wie ein Depp.
Während mein Vater sich ins Badezimmer quält, da er selber nicht sonderlich motiviert ist sich diesen kirchlichen Kram anzugucken, redet Mutter weiter auf mich ein und bindet mir zeitgleich die Krawatte (der ich nicht entgehen konnte, außerdem findet man Krawatten in dem Alter irgendwie cool). Ihr Ton wird deutlich strenger, Autoritätslevel steigt auf 75%.
„Wir haben auch nicht mehr viel Zeit, jetzt zieh die Schuhe an, dann müssen wir auch los.“
„Zum letzten Mal, ich ziehe die nicht an, ich habe es von Anfang an gesagt, dass ich keine Lackschuhe tragen werde, ihr habt immer nur gelächelt und abgewinkt aber mir war es ernst. Ich behalte die Globes an.“ Antworte ich gereizt und mit viel von der damals für mich typischen möchtegern Rebellion in der Stimme.
Dann kommt der entscheidende Moment, der traurige und gleichzeitig böse Blick meiner Mutter, Autoritätslevel auf maximum, halte ich dem und der letzten Aufforderung stand, ist sie zwar zwei Wochen lang beleidigt aber ich habe gewonnen.
„Du ziehst jetzt Papas Schuhe an…“zischt meine Mutter um dann lauter Fortzufahren: „… aber dalli, wie sieht das denn sonst aus, mit den Turnschuhen, ist ja wohl nicht so schlimm ein einziges Mal Lackschuhe anzuziehen!“
Nicht das sie nicht völlig recht hätte, aber darum geht es nicht, dass was hier ausgetragen wird ist eine Schlacht ums Älterwerden, um Prinzipien und um einfaches Anti-Sein und ich wurde auserkoren um diese Schlacht zu gewinnen, ich bin der Neo der Neunziger, Luke Skywalker hätte.. nee hätte er nicht.. aber Han Solo ! Der hätte so gehandelt wie ich..vielleicht..
Die Zeit ist auf meiner Seite. Wir kommen sowieso fast schon zu spät.
„Wie ich schon sagte: Nein, ich sehe nicht ein warum ich für die ganzen Kirchenspastis…“
„Ja, gut dann halt nicht, dann geh halt so, schön in Turnschuhen damit du aussiehst wie ein Depp, mach was du willst, man hat es ja nur gut gemeint.“ fällt mir meine Mutter ins Wort und schafft es das ich mich trotz des eben errungenen Sieges, wie ein Verlierer fühle als sie durch den Flur stapft und die Schuhe wegkickt die ich gerade noch gebeten wurde anzuziehen und im Badezimmer verschwindet.

Fortsetzung folgt…

Erstes Projekt : Filmriss

Vorwort :

Mit der folgenden Geschichte, welche weder schon fertig geschrieben noch das Stadium der Rohfassung verlassen hat, die ich euch nun Stück für Stück präsentiere, erzähle ich eine fiktive Geschichte mit vielen autobiographischen Einflüssen. Der Erzähler ist ein nun bald Dreißigjähriger, welcher sich in einer Art Midlife Crisis befindet und vor allem damit beschäftigt ist, in Erinnerungen an seine Jugendsünden zu schwelgen. Was genau allerdings wirklich von mir oder meinem Umfeld real erlebt wurde und was wirklich rein fiktiv ist, wird allerdings nicht verraten, ich kann euch aber versprechen, ihr würdet mir einige Dinge sowieso nicht glauben.
An alle meine Freunde, die sich eventuell in einigen Erzählungen wieder finden, hasst mich nicht, ich liebe euch doch alle.
Außerdem sind alle Ähnlichkeiten zu real existierenden Personen zwar beabsichtigt, werden allerdings durch andere Namensgebung etc. zu genüge verfälscht werden sowie charakterliche Änderungen durchlaufen.
So und nun, viel Spaß oder auch nicht.

The Reopening. Das Theater ist erst vorbei wenn die Fäden durchgeschnitten werden.

Tach auch.

Nachdem ich mir mal wieder selbst bewiesen habe, dass ich keinen Funken Ehrgeiz besitze starte ich nun einen neuen Versuch. Der Blog hat ein neues Layout bekommen, Grün ist jetzt das neue Grün hab ich gehört und bekommt ein neues „Konzept“ wenn man das so sagen will. Sogar ein Foto traue ich mich reinzustellen.

Ich starte einen neuen Versuch mit anderen Methoden. Anstatt wie üblich direkte persönliche Erfahrungen oder Gedankengänge in der typischen Blog-Form zu schreiben, werde ich die Sache nun versuchen anders aufzuziehen.

Ich werde euch, liebe Internetgemeinde, an meinen literarischen Ergüssen teilhaben lassen und zwar in einer Art Serie. Ich werde entweder einige Kurzgeschichten oder Novellen häppchenweise hier veröffentlichen.

Ich hoffe natürlich auf ein gewisses Feedback und werde aufgrund dessen auch ein bisschen Werbung machen, es sei mir verziehen.

Also ich würde mal sagen, man könnte starten. Gesagt werden sollte noch folgendes, die Dinge die ich hier veröffentliche sind meist nicht gegengelesen geschweige denn von mir großartig korrigiert, dass bedeutet also aufgrund meiner Kommaschwäche als auch meiner Faulheit, könnten einige Grammatik sowie Rechtschreibfehler auffallen. Ich bitte das zu ignorieren.

Dann wollen wir mal.

Greetings Kazper

 
Besucherzähler