Sonntag, 2. August 2009

Filmriss Teil 1

Filmriss

Es gleicht einem Filmriss, dass Älterwerden. Gestern Nacht warst du noch stinkbesoffen und gut gelaunt auf irgendeiner Party, in einer Kneipe oder einfach nur so irgendwo, dann fehlen dir ein paar Stunden oder Jahre und du wachst auf und bist bald 30.
Dein Schädel brummt wenn du an die verlorene Zeit denkst und du bekommst ein komisches Gefühl in der Magengegend. Es wäre gelogen zu sagen Alkohol hätte keine wichtige Rolle in den letzten 16 Jahren meines Lebens gespielt aber genauso wäre es gelogen zu sagen ich würde ohne Alkohol nicht klarkommen, wäre süchtig oder ähnliches. Ich weiß, alle Süchtigen sagen sie sind nicht süchtig, trotzdem gab es in meinem Leben auch Wochen und Monate in denen ich sehr gut ausgekommen bin ohne voll zu sein, ich kann halt jederzeit damit aufhören, wenn ich will aber das will ich ja nicht.
Allerdings muss man sagen das ich gern betrunken bin, ich mag es zu zu sein, voll wie eine Strandhaubitze, mich wegzuballern, umzulatten, mir die Lichter auszuschießen, die Festplatte zu formatieren und mir derbe den Schädel abzureißen.

Vorspiel


Ich denke an mein erstes Mal. Nicht so etwas überbewertetes wie das erste mal Sex, der erste Kuss oder das erste Mal das ich einen Regenbogen gesehen habe, nein ich denke an den ersten Vollrausch.
Ich stehe in dem Flur der Wohnung meiner Eltern, ich bin 13 Jahre alt, ich bin nüchtern, ich habe erst ein bis zweimal ein Bier getrunken und es ist ungefähr 45 Minuten vor meiner Konfirmation.
Der Anzug sieht grausam aus, ich hielt es für eine gute Idee aufzufallen, ich hatte ne Menge scheiß Ideen, vor allem mit 13. Alle nehmen einen schwarzen Anzug, ich nicht, bin ja nicht blöde, will kein Spießer sein und erst recht kein braver Konfirmand, gemacht hab ich das eh nur wegen dem Geld. Mein Jackett ist Weiß, Mutter hielt das für eine tolle Idee, wo war die elterliche Fürsorgepflicht? Warum hat sie das nicht verhindert? In dem weißen Blazer sehe ich aus wie ein 1.73 großer Raffaello. Weiß steht Dicken nicht und erstrecht keinen dicken vorpubertären Jugendlichen mit stacheligen Haaren, die zuviel Exploited hören und sich nicht bewusst darüber sind, dass das Punk-Sein bei der Frisur anfängt und beim Phrasendreschen aufhört.
Momentan ist das aber zweitrangig, ich bin aufgeregt und ein bisschen ängstlich. Nicht wegen der kirchlichen Zeremonie, die interessiert mich ungefähr so sehr wie die Schule. Der Gedanke, dass ich mich heute Nachmittag das erste mal betrinke lässt mich nicht mehr los. Außerdem gibt es noch einen Machtkampf zwischen meiner Mutter und mir.
„Benji“ beginnt sie, wie ich das hasse wenn sie das tut, nicht schlimm genug das ihr übergewichtiger Sohn mit Vornamen heißt wie der berühmteste deutsche Cartoon und Hörspiel Elefant, nein sie muss als Rufnamen auch den eines Disney Hundes verwenden. „Benji, du kannst da nicht in Turnschuhen hingehen, auch wenn die schlicht sind, nimm Papas Lackschuhe, ist doch nur für zwei Stunden oder so.“ Noch versucht sie es im lieben, einfühlsamen Ton, sie weiß noch nicht das ich diesen Disput für mich entscheiden werde und somit auf dem Foto das in drei Stunden entsteht, nicht nur auffallen werde weil ich der dickste bin, nicht nur weil ich ein weißes Jackett anhabe, sondern auch weil ich der einzige bin der nicht in Herrenschuhe gekleidet ist. Stattdessen stehe ich am linken Rand des Bildes und man sieht deutlich meine Globes, ich seh aus wie ein Depp.
Während mein Vater sich ins Badezimmer quält, da er selber nicht sonderlich motiviert ist sich diesen kirchlichen Kram anzugucken, redet Mutter weiter auf mich ein und bindet mir zeitgleich die Krawatte (der ich nicht entgehen konnte, außerdem findet man Krawatten in dem Alter irgendwie cool). Ihr Ton wird deutlich strenger, Autoritätslevel steigt auf 75%.
„Wir haben auch nicht mehr viel Zeit, jetzt zieh die Schuhe an, dann müssen wir auch los.“
„Zum letzten Mal, ich ziehe die nicht an, ich habe es von Anfang an gesagt, dass ich keine Lackschuhe tragen werde, ihr habt immer nur gelächelt und abgewinkt aber mir war es ernst. Ich behalte die Globes an.“ Antworte ich gereizt und mit viel von der damals für mich typischen möchtegern Rebellion in der Stimme.
Dann kommt der entscheidende Moment, der traurige und gleichzeitig böse Blick meiner Mutter, Autoritätslevel auf maximum, halte ich dem und der letzten Aufforderung stand, ist sie zwar zwei Wochen lang beleidigt aber ich habe gewonnen.
„Du ziehst jetzt Papas Schuhe an…“zischt meine Mutter um dann lauter Fortzufahren: „… aber dalli, wie sieht das denn sonst aus, mit den Turnschuhen, ist ja wohl nicht so schlimm ein einziges Mal Lackschuhe anzuziehen!“
Nicht das sie nicht völlig recht hätte, aber darum geht es nicht, dass was hier ausgetragen wird ist eine Schlacht ums Älterwerden, um Prinzipien und um einfaches Anti-Sein und ich wurde auserkoren um diese Schlacht zu gewinnen, ich bin der Neo der Neunziger, Luke Skywalker hätte.. nee hätte er nicht.. aber Han Solo ! Der hätte so gehandelt wie ich..vielleicht..
Die Zeit ist auf meiner Seite. Wir kommen sowieso fast schon zu spät.
„Wie ich schon sagte: Nein, ich sehe nicht ein warum ich für die ganzen Kirchenspastis…“
„Ja, gut dann halt nicht, dann geh halt so, schön in Turnschuhen damit du aussiehst wie ein Depp, mach was du willst, man hat es ja nur gut gemeint.“ fällt mir meine Mutter ins Wort und schafft es das ich mich trotz des eben errungenen Sieges, wie ein Verlierer fühle als sie durch den Flur stapft und die Schuhe wegkickt die ich gerade noch gebeten wurde anzuziehen und im Badezimmer verschwindet.

Fortsetzung folgt…

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