Sonntag, 2. August 2009

Filmriss Teil 2

Das erste mal

1

Ob das erste Mal weh tat? Natürlich, allerdings erst am nächsten Morgen. Es ist April, ein sehr warmer Tag für diesen Monat und es ist der Tag nach meiner Konfirmation. Ich schlage die Augen auf und sehe als erstes ein alles einnehmendes Okka.
Ich realisiere, während ich versuche meinen Kopf zu heben, dass ich auf Okka farbende Fliesen welche an meiner schweißnassen Wange kleben liege. Ich liege vor einer Panorama-Terrassentür, perfekt von auf mich einschlagenden Sonnenstrahlen eingerahmt. Wir haben keine Okka farbenden Fliesen und erstrecht keine Panorama-Terrassentür. Bevor ich tatsächlich allein aufgrund der erdrückenden Beweislast feststellen kann, dass ich nicht Zuhause bin, erkenne ich den mir wohlbekannten Raum aus dieser mir fremden Perspektive.
Die elegant protzige Esszimmereinrichtung. Der riesige Tisch, beinah eine Tafel, mit den gepolsterten Massivholzstühlen, von denen zwei Throne für Könige sein könnten, mit ihren ausufernden Armlehnen und den integrierten Schnitzereien. Ich erinnere mich daran, wie oft wir als Kinder immer Angst hatten, dass diese Stühle sichtbare Blessuren davon tragen, wenn sie beim Spielen umgefallen sind.
Ich liege dort und frage mich aus welchem Holz diese Einrichtung wohl sein mag, meine Wange klebt immer noch auf der viel zu warmen Fliese und ich wäge ab ob es sich bei dem Holz um Nussbaum, Wenge oder gar Mahagoni handelt. Ich weiß es bis heute nicht. Ich sollte Christian morgen fragen. Allerdings könnte es auch unpassend erscheinen. Mal schauen ob sich das Thema Holz vielleicht irgendwie ergibt, ich wüsste sogar wie. Was auch immer, zurück zu meine jüngeren, noch betrunkenem Ich.

Ich liege auf dem Boden im Esszimmer des Hauses Palweißer. Christian Palweißer, einziger Sohn der Familie und somit Alleinerbe des Familienunternehmens, welches zwar nicht vergleichbar mit dem der Familie Danone, Bayer oder ähnlichem ist, aber dennoch genug Geld bringt um ein Leben in gehobenem Wohlstand zu leben, ist einer meiner besten Freunde.
Christians Familie stellt Vorhängeschlösser her und vertreibt diese, teilweise sogar international. Sie sind nicht ABUS, haben aber dennoch einigen beträchtlichen Erfolg. Sie erkennen das Logo wenn sie es sehen, dieses P im mittleren Zacken des Ws. Sieht fast aus wie ein Familienwappen das man auf einem Schild tragen könnte.
Ich ging mit Christian zusammen in die Grundschule, sogar in dieselbe Klasse und seitdem sind wir Freunde gewesen. Das Christian reicher war als wir anderen, Familie Palweißer besaß das einzige Haus in der Gegend und was für eins, fiel uns als erstes dadurch auf das sie eine Speisekammer hatten, in welcher es ein ganzes Regal voller Süßigkeiten gab.
Für Kinder definiert sich Wohlstand nicht durch die Größe des Hauses, sondern dadurch, dass man immer wenn man will etwas Süßes hat. Man könnte beinah sagen, dass für Kinder Schokolade, Weingummi und Kekse denselben Stellenwert haben wie Haus, Auto und Partner für ausgewachsene Menschen. Vielleicht wäre alles besser, wenn wir dieses Stadium nie verlassen hätte. Obwohl wir dann wahrscheinlich aufgrund ihrer Schokoladenvorkommen Belgien angreifen würden und Resolutionen gegen Massenbrokkoli-Anbau verabschieden würden.

Hab ich schon erwähnt, dass ich auf dem Boden liege? Ja, tu ich immer noch. Meine Haare haben nichts mehr von ihrer, Haarwachs sei dank, stacheligen Igelform, sondern kleben voll gesogen mit einer Mischung aus Schweiß, Stylingwachs und Dreck, wie ein speckiger Helm an meinem Schädel.
Ich setzte mich auf. Das weiße Propagandhi T-Shirt, welches ich nach dem kirchlichen Kram schnell mit dem Hemd austauschte, ist undefinierbar Fleckig und sollte bis zu seinem schrecklichen Unfall den es erleiden wird, nie wieder richtig sauber werden. Ein riesiger Sangriafleck befindet sich auf Bauchnabelhöhe, während der Kragen eine braungelbe Fleckenkombination aufweist, die verdächtig nach Erbrochenem riecht. Als ich eine für Männer typische „nach dem aufwachen“ Kratzhandlung vollziehen will, bemerke ich, dass meine Anzughose einen Riss direkt in meinem Schritt hat.
Beim betrachten dieses Gadrobenmassakers durchfährt ein schrecklicher Schmerz meinen Kopf, ein Pochen hinter der Stirn schwillt stark an und dann wieder ab, ohne mich aber ganz zu verlassen. Ich schau mich vorsichtig um, es stehen ein paar Flaschen auf dem Esszimmertisch, meine Schuhe rechts von mir, nur mein Jackett scheint verschwunden und von Chris ist auch keine Spur. Langsam stehe ich schwankend auf, das Pochen in meinem Kopf schwillt wieder schmerzhaft an und ich muss ich sehr anstrengen um nicht wieder umzufallen.
Behäbig bewege ich mich durch das riesige Esszimmer, mit Hilfe verschiedenster Möbelstücke hangele ich mich bis zum Beginn der Wendeltreppe, welche nach oben führt und somit in Christians Zimmer.
Als ich den ersten Fuß auf die Treppenstufe setze, spüre ich das meine Prioritäten nun doch anders gesetzt sind und trete erstmal den Weg ins Badezimmer im Erdgeschoß an, das Gäste WC. Palweißers haben ein Gäste WC und das familiäre, das familiäre hat ein Bidet aber kein Pissoir, obwohl sowohl genug Geld als auch Platz vorhanden wäre, was glaube ich ziemlich deutlich zeigt wer im Hause Palweißer wirklich die Hose anhat.
Als ich die Tür zum Bad öffne, und den ersten Blick hineinwerfe, werden mir zwei Dinge gleichzeitig klar. Zum einen, dass die Flecken an meinem T-Shirt Kragen tatsächlich Kotze sind und das Kotze mehr Kotze erzeugt. Gewalt erzeugt Gegengewalt und Erbrochenes erzeugt erneutes Übergeben.
Ich frage mich noch, warum ich es denn letzte Nacht bis ins Badezimmer geschafft habe, aber dennoch auf den Plüschvorleger vor der Toilette gekotzt habe, als ich mich schon daneben hocke und mir und dem Rest der Welt beweise, dass ich auch fähig bin mich ohne Kollateralschäden und zielgenau zu übergeben.

Nachdem ich meine Auswürfe meiner Ansicht nach genügend beseitigt hatte und mir eine Wasserhahn Dusche verpasste, betrete ich tropfnass Christians Zimmer. Der feine Herr Palweißer liegt splitternackt auf seinem Sofa, wahrscheinlich sind die Gründe dafür, dass er nicht in seinem leeren Bett liegt und ich im Badezimmer auf den Vorleger kotzte dieselben, macht ein Auge auf als ich die Tür öffne und zischt mir ein leises, lallendes „värpüss dich, ich wüll pönnen“ zu. Ich zucke mit den Schultern, torkele erneut die Treppe runter, schnappe mir eine Dose Cola und ein Snickers aus der Speisekammer und mache mich auf den Weg Nachhaus.

Fortsetzung folgt…

Kommentare:

  1. Ich bitte um Nachschlag. Im prosaischen Sinne, selbstverständlich.

    Kleine Kritik: Geniale Beschreibungen, aber etwas viel von den selbigen. Mehr Handlung! Mehr Kater! Mehr Benji:)

    p.s.: Ich hoffe du widmest den Katzen einen längeren Abschnitt der Geschichte. DIE SIND SO NIEDLICH!!!

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  2. wenn Du damit weiter machst, wirst Du mal mehr Bücher verkaufen als Dirk Bernemann - und ich hoffe, dass wir uns dann noch kennen ;)

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