Montag, 17. August 2009

Filmriss Teil 3

It`s a long Way Home

3

wir waren die ersten, die kamen
die letzten die gingen
benommen von den Impressionen
Kettcar – Ausgetrunken


An das alles denke ich, während ich meine schwarzen Slipper anziehe, vor dem Spiegel schaue ob die Krawatte richtig sitzt und ob das weiße Hemd zu sehr von meinem Bauch in Mitleidenschaft gezogen wird. Mir fällt mein Tape ein, welches ich letztens noch beim Umzug in der Hand hatte, es war mein Lieblingstape und hat mehr Zeit in meinem Walkman verbracht als Courtney Love in Entzugskliniken. Ich kann es nicht beschwören aber ich gehe stark davon aus, dass ich das Tape auch hörte als ich von Chris aus Nachhaus gegangen bin. Meinen Walkman hatte ich auf jeden Fall dabei, ohne den bin ich nirgends hingegangen, auch als alle schon mit Discmans dann Mini-Disc-Playern und den ersten Mp3-Prototypen hantierten.

Die Cola ist handwarm und schmeckt nicht besonders gut, dennoch genieße ich jeden einzelnen Tropfen flüssigen Zucker der meine pelzige Zunge berührt und meinen unersättlichen Rachen hinunterläuft. Das Snickers entsorge ich nach der Hälfte und das ist nun wirklich nicht meine Art.

Die Sonnenstrahlen sind ein einziges „Fuck You“ in mein Gesicht, als wolle die Welt mir sagen: „ Es ist ein wunderschöner Tag, allen geht es super, nur dir nicht und das ist gut so, leide Säufer, leide.“.Und mir geht es wirklich nicht gut. Meine Knie zittern, Schweiß tropft immer noch von meiner Stirn und wenn ich meinen Kopf drehe zieht mein Blick ein bisschen nach. Es kommt einem vor, als würde man den Kopf schneller drehen als man es verarbeiten kann.
Trotz meiner Kopfschmerzen habe ich den Walkman natürlich auf Anschlag aufgedreht, wenn man 13 ist und rebellische Musik hört, ist das wichtigste das alle anderen wissen das du rebellische Musik hörst.
Der Toxoplasma Sänger grölt in mein Ohr „ … Danke für meine Arbeitsstelle. Danke für jeden neuen Tag. Danke für die Neutronen Bombe. Danke für jedes Attentat. Danke für den Zweiten Weltkrieg. Danke...“. Trotz der Qualen die ich durchlebe und die nur jemand nachvollziehen kann der auch schon einmal so richtig verkatert war, lächele ich. Ichfühle mich verändert und der Welt, welche mich immer noch verhöhnt, überlegen.
Ich war betrunken. Tatsächlich war ich betrunken und bin es wahrscheinlich noch. Obwohl der Weg von den Palweißers bis zu meinem Zuhause nur einige hundert Meter lang ist und maximal 10 Minuten dauert, hat diese Reise etwas besonderes für mich, einen symbolischen Wert, damals schon. Ich habe im Streit über meine Mutter gesiegt, habe jeden Alkohol getrunken den ich die Finger bekam, eine Zigarette geraucht (das erste und letzte Mal) und habe, soweit ich mich erinnere, sogar mehrere Minuten mit Saskia gesprochen. Sie ist in meiner Konfirmationsgruppe und auf meiner Realschule in einer Parallelklasse. Sie ist das erste Mädchen, welches mich auf eine primitive, direkte und für das Alter typische Weise interessiert.
Ich will mit ihr Körperflüssigkeiten austauschen. Dabei ist es erstmal egal, ob man nur ein bisschen rum macht oder ob ich gleich alles aus meinen feuchten Träumen bekomme, wichtig ist erstmal nur sie zu irgendwas zu bekommen. An erster Stelle das sie mich mag, der Rest ergibt sich dann von allein. Ich kann mich noch daran erinnern, dass wir über Musik gesprochen haben, mehr weiß ich nicht mehr, ich hoffe ich war charmant und habe Eindruck hinterlassen.
Ich frage mich zwar langsam ernsthaft wo mein Jackett ist, aber das wird schon wieder auftauchen. Toxoplasma werden von Slime abgelöst und ich biege in meine Straße ein. Mein sechs Jahre älterer Bruder verlässt gerade unser Wohnhaus und will in sein Auto steigen als er mich erblickt.
„Alter, mach dich auf was gefasst, Mama und Papa sind alles andere als gut gelaunt dank dir“, warnt er mich lächelnd. Mit Blick auf unser Küchenfenster und der Vergewisserung, dass meine Mutter uns nicht beobachtet lass ich mir von ihm helfen meine Erinnerung etwas aufzufrischen, obwohl ich mich daran erinnere noch einmal kurz zuhause gewesen zu sein, während wir alle auf dem Weg waren unsere bereits seit 3 Stunden andauernde Sauferei in den Garten von Christian zu verlegen, kann mir aber dennoch nicht erklären warum meine Eltern so sauer auf mich sein sollten.
Ich wusste zwar, dass das Schuhdebakel Folgen haben wird, aber das wäre doch überzogen. „ Du bist nachhause gekommen und es war gerade erst Dunkel, acht oder neun Uhr, hast ordentlich den Flur von links nach rechts ausgemessen, sagtest du wolltest noch was holen und hast dich im Flur erstmal richtig auf die Fresse gelegt. Dabei hat Mutter dann so einige Gras, Wein und was weiß ich was für Flecken auf deinem Jackett bemerkt und war schon stinksauer und hat dich gebeten um eins zuhause zu sein, was eine Ausnahme sei, wegen deiner Konfirmation und so.“ Okay, das änderte die Sachlage natürlich und das nicht unbedingt zu meinen Gunsten.
Mein Bruder steigt lachend in sein Auto und fährt davon, während ich langsam auf die Tür zusteuere.

Ich wühle in den Kartons, die ich innerhalb von 2 Wochen nicht geschafft habe im Keller zu verstauen und suche nach dieser drecks Kassette. Ich hatte die doch letztens erst in der Hand und habe extra noch daran gedacht, dass ich sie irgendwo hinlegen muss, wo ich sie wieder finde. Ob ich das allerdings tat, weiß ich nicht mehr.
Meine frisch entfusselte Anzughose schleift über meinen ungesaugten Teppich und zerknittert, aber das alles interessiert mich nicht, ich werfe einen Blick auf die Uhr. Ich habe noch 10 Minuten Zeit dieses scheiß Tape zu finden. Dann muss ich auf jeden fall los. Ich rede mir ein, dass das Tape nicht nur ein billiger Grund ist die Fahrt aufzuschieben und trete den ersten durchwühlten Karton wütend und fluchend beiseite.



Och fuck, was soll das denn jetzt? Wieso man das jetzt klären muss, versteh ich nicht. Das denke ich mir, während meine Eltern in der Küche sitzen, mein Vater seine Rolle als böse dreinschauender Zigarettenraucher übernimmt, ich frage mich oft, ob Chris Carter sich für die Rolle des Krebskandidaten auch von seinem Vater hat inspirieren lassen und meine Mutter mich in einem Ton anschreit, der irgendwo zwischen Keifen und weinerlich liegt.
„Die Jacke ist hinne, kannste vergessen. Die Flecken gehen nie wieder raus.“ „Aber die…“ Versuche ich einzuwerfen. „Und was soll der Mist eigentlich das du hier besoffen wie tausend Russen auftauchst und es dir auch noch erlaubst uns ein Versprechen zu geben an das du dich nicht hältst?“
„ Ist das denn…“ versuche ich mich zu erklären als ich erneut unterbrochen werde.
„Da machen wir mal eine Ausnahme, für dich, weil du konfirmiert wirst..“, wobei „wir“ und „dich“ natürlich extrem betont werden, „…und lassen dir ein paar Freiheiten, lassen dich sogar Alkohol trinken, weswegen wir ins Gefängnis kommen können…“.
„Aber..“,
„…und du dankst es uns so, sieh zu das du ins Bett kommst und vergiss nicht zu Duschen, du stinkst wie ein alter Säufer“.
Von einer fairen Verhandlung kann nicht die Rede sein, dennoch danke ich in diesem Moment mal wieder dafür, dass meine Eltern nichts von Strafen halten seitdem ich aus dem Kleinkindsalter raus bin. Mit gesenktem Haupt und leichten Tränen in den Augen, mir ist immer zum Heulen wenn meine Eltern mich anschreien, selbst wenn ich mich im Recht fühle, verschwinde ich ins Badezimmer.

Verdammte Pisse, ich bin schon 20 Minuten später als ich eigentlich los wollte, aber ich hab das verdammte Ding. Ich klopfe mir die Fusseln von der Hose, werfe mir mein Jackett über und renne runter zum Auto. Mein Handy vibriert, Christian ist dran und frage wo ich bleibe, ich wollte ihn schon lange abgeholt haben. Ich versichere das ich auf dem Weg bin, schmeiße mich in mein Auto und...Und was nun? Will ich da wirklich hin? Ich betrachte mich selbst im Innenspiegel, ich bin mäßig rasiert meine Haare, welche immer mehr vor meiner größer werdenden Stirn zurückweichen, sind zu einem strengen Zopf gebunden. Ich stelle mir mich mit meiner Frisur vor 15 Jahren vor und muss dabei lächeln. Ich muss irgendwann das Tape eingelegt haben, es laufen die Goldenen Zitronen mit dem Forever Young Cover Für immer Punk: „ Es ist jetzt vorbei und es war doch schön, wir blieben gern hier doch wir müssen nun gehen. Alles hat mal ein Ende weiß doch jeder von euch, auf wieder sehen…“ Ich sehe wie mein Gesicht im Innenspiegel in sich zusammenfällt, dann verschwimmt meine Sicht, ich wisch mir mit dem Ärmel über die Augen und starte den Motor.

Fortsetzung folgt...

Kommentare:

  1. Whoa, das nimmt fahrt auf. Besonders die zeitlich versetzten Erzählstränge gefallen mir. Aber zurückweichende Stirn? Geht nicht so hart mit dir selbst ins Gericht, das abgefuckte Moment des Hauptcharakters wird auch so deutlich genug (ein späßchen ein späßchen:)
    Ernsthaft, macht Spaß zu lesen und Lust auf mehr.
    Ich attestiere dir hiermit Talent!!!
    ... auch wenn ich dafür kaum qualifiziert bin...^^

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  2. Ach ja, sorry für den zweiten Kommentar, es wär cool wenn du nachträglich auch im ersten Teil schon die "Kursivzeitlinie" einbauen könntest.

    Aber das is wohl auch diskutabel.

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  3. Das mit dem Kursiv ist getan, allerdings war das ja nur der Anfang vom ersten Teil.
    Und der Hauptcharakter bin ja nicht Ich.. auch wenn er mir recht ähnlich erscheint .. und sogar meinen Vornamen trägt..

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