Montag, 24. August 2009

Filmriss Teil 4

"Die, die durch die Dunkelheiten schreiten, müssen das Licht sehen!"

4

Auf jedem Begräbnis,
gibt es einen guten Lacher
mindestens
einen echten Kracher
Kettcar - Hauptsache Glauben

Wie am Tag unserer Konfirmation stehen wir in Reih und Glied in dieser Kirche, diesmal allerdings in der zweiten anstatt in der ersten Reihe. In der ersten stehen Lepperts Familienangehörige. Als der Pfarrer seinen Klitschko gleichen Einlauf beendet hat, verstummt die schreckliche Orgel und alle setzten sich.
Ich schau links neben mich, Christian, David und Bollo. Wie früher sind wir wieder versammelt, nur diesmal um den Vierten in unserem Bunde die letzte Ehre zu erweisen.
Wir sind Heuchler, wir sind hier, weil man halt zu Beerdigungen geht wenn ein Freund stirbt, auch wenn man den Freund schon jahrelang nicht mehr als Freund bezeichnet hat und ihm eigentlich nur noch aus dem Weg gegangen ist.
Als ich mich umdrehe sehe ich noch mehr Leute von Früher, eigentlich kenne ich jeden der hier sitzt, selbst einige Grundschulkameraden die seitdem nichts mehr mit Leppert zu tun hatten sind erschienen. Dieser Beerdingungstourismus macht mich wütend, ich würde sie am liebsten anschreien und ihnen sagen, dass sie noch größere Heuchler als wir sind. Ich bin natürlich zu feige oder zu gut erzogen, sucht euch was aus. Aufgrund meiner Wut, der Hilflosigkeit die ich empfinde und auch der Trauer um Hagen Leppert schießen mir die Tränen in die Augen.
Ich reiße mich zusammen, mache mir klar, dass ich mich gleich zum König der Heuchler krönen kann wenn ich jetzt anfange zu flennen. Dann fehlt nur noch, dass ich nachher den Sarg umarme wenn er ins Grab gelassen wird und „WARUM!? WARUM NUR!?“ schreie.
Wenn ich mal ehrlich bin, bin ich ja eher aus egoistischen Motiven traurig. Das alles macht mir Angst, mit Hagen ist ja nicht nur Hagen gestorben sondern auch ein Teil unserer Jugend wird begraben, jede Geschichte die sich um Leppert (eigentlich hat ihn jeder bei seinem Nachnamen genannt) gedreht hat, jede Party auf der er mit anwesend war, jedes Bier das ich mit ihm getrunken habe wird hier gerade mit beerdigt. Mir ist schlecht, mein Magen ver- und entkrampft sich. Selbst auf der Beerdigung eines ehemaligen Freundes, steht mein eigenes Befinden im Mittelpunkt.
Leppert selbst hätte ich eh nur maximal zwei Mal im Jahr wieder gesehen, bis man sich dann ganz aus den Augen verliert.
Ich atme tief durch und schaue auf diese unförmige Holzkiste in der Mitte des Saals in der nun einer meiner ehemaligen besten Freunde aus Kindheits- und Jugendtagen liegt.

Ich hatte seit ich der Pubertät entflohen bin, ich bin übrigens nicht schnell genug, sie holt mich bei jedem kurzen Rock und nach ein paar Bieren wieder ein, keinen besten Freund.
Wer einen besten Freund hat, stellt somit zwangsweise ein Ranking auf. Wo es eine Nummer eins gibt, muss es auch eine Nummer zwei geben sonst machen Aufzählungen und Listen ja gar keinen Sinn und wo soll das alles hinführen? Bemisst man dann den besten Freund Status, anhand der Handlungen die dieser vollzogen hat? Völlig absurd das Ganze.
Nicht weniger absurd ist, jedenfalls im Sinne des Wortes beste zumindest, dass ich immer mehrere beste Freunde hatte. Es gab nur drei Kategorien an Menschen denen ich begegnet bin. Fremde, Bekannte, Freunde. Bei Frauen gab es natürlich auch noch potentielle Partner, für Sex oder Liebe (oder so was ähnliches), wobei potentiell meistens bedeutet, dass ich will aber niemals den Hauch einer Chance haben werde.
Da Männer zum Glück nie über solche Klassifizierungen reden, ist es mir immer erspart geblieben gewisse Einteilungen zu rechtfertigen. Als Freund hab ich einen Menschen nämlich erst sehr spät betrachtet, dazu war einiges an verbrachte Zeit und Sympathie nötig und wenn ich ehrlich bin, bin ich ein ziemlich verbitterter Dreckssack, ich mag nicht viele Leute aber diese dafür sehr .

Die bisher meiste Zeit meines Lebens war mein Freundeskreis sieben Leute stark. Vier Kerle, drei Damen.
Trotz meiner von Misserfolg geprägten Vergangenheit in Sachen Liebe, Vietnam war nichts gegen mein wiederholtes glorreiches Scheitern, konnte ich schon immer gut mit Frauen umgehen. Ich konnte mich immer gut mit ihnen unterhalten, hab meistens verstanden worauf sie hinauswollten und was sie gerne hören würden. Obwohl ich eindeutig Qualitäten auf diesem kommunikativen Gebieten aufwies, ich würde mich tatsächlich als Frauenversteher bezeichnen, war ich nie fähig damit eine Frau zu gewinnen. Ich war der klischeehafte männliche Freund und bin es immer noch, wenn man es genau nimmt. Der mit dem man sich gar nicht vorstellen könnte was anzufangen, da er wie ein Bruder für einen ist. Oder noch besser, wie eine Schwester.
Wow, danke, das pusht das Ego eines Mannes ja so richtig. Ich glaube an so was dachte auch Bo Diddley in I`am a man wenn er singt :

„All you pretty women,
Stand in line,
I can make love to you baby,
in an hour's time.

Es gibt wirklich nichts schöneres wenn eine Frau, die du dir gerade von oben bis unten anschaust und deren Lächeln du wirklich hinreisend findest, dir erzählt das sie in irgendwen auf der Party auf der ihr gerade seid, verknallt ist. Ich habe für mich raus gefunden, sobald dir Frauen erzählen in wen sie verknallt sind, mit wem sie gerne schlafen möchten oder mit dir total objektiv und ohne zu flirten über Sex reden hast du verloren. Das schlimmste an der Sache ist, sobald du diese Linie einmal übertreten, hast bist du für immer auf der anderen Seite.
Das ist nicht immer schlimm, ich habe gerne Freundinnen und will einige nie wieder missen, dennoch ist es für mich unmöglich eine Frau anzugraben ohne danach entweder vollkommen versagt zu haben oder ihr Freund zu sein.
Aber ich und Frauen, das ist ein Thema welches es später noch aufzuarbeiten gilt.

Ich werde aus meiner Tagträumerei gerissen. Der Pfaffe, ein kleiner dünner Mann, dessen Frisurmodel wohl als Sportplatz mit Hecke zu bezeichnen ist, beginnt mit einem pervers gekünstelten trauernden Unterton in der Stimme seine Predigt.
Wahrscheinlich macht er seine Sache ganz in Ordnung aber ich hab einfach Probleme mit Kirchen, Pastoren, Gebeten, dem Gesinge und dem ganzen Kram.
Dieser Priester ist dennoch eine einzige Witzfigur, er wirkt wie die Parodie eines Pastors und dazu noch diese Stimme, ein hysterischer Lachanfall, einer von der Sorte die die Grenzen zwischen Lachen und Weinen verwischen, droht mir. Ich atme tief durch, habe meine Mundwinkel kaum unter Kontrolle, aber gerade als ich mich schon nach einem Weg umschaue hier schnellstmöglich raus zu kommen, gewinne ich wieder die Fassung.
Ich hole noch mal Luft starre den Sarg an, stelle mir meinen toten Freund darin vor, um jeglichen Lachreiz zu vertreiben, dann widme ich wieder dem Redner meine Aufmerksamkeit.
„Liebe Gemeinde, wir haben uns hier eingefunden um den Körper von Hagen Johannes Leppert der Erde zu übergeben und uns von seiner Seele zu verabschieden. Hierzu möchte ich aus dem Buch Jesaja Kapitel 9, ab Vers 1 lesen.“

„Das Volk das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht; und über die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du machst des Volkes viel...“ mir stockt der Atem, meine Pupillen weiten sich, ich ringe nach Luft, der Lachanfall kehrt zurück und ich weiß genau, diesmal kann ich ihn nicht aufhalten. Der Pastor verwandelt sich vor meinem geistigen Auge in Harvey Keitel, welcher Jacob Fuller in „From Dusk till Dawn“ spielt. Ich springe mitten in der Predigt auf, Jacob verstummt für einen kurzen Moment und setzt dann seine Predigt fort. Ich sehe ihn, einen Baseballschläger und eine Schrotflinte zu einem improvisierten Kruzifix gebastelt, wie er einem Vampir nach dem anderen ins Gesicht schiesst und sagt „Die, die durch die Dunkelheit schreiten, müssen DAS LICHT SEHEN“ Bäm, der nächste Vampir kippt um und ich stolpere aus der Sitzreihe in den Mittelgang der Kirche, mir entwischt ein Lachen welches hoffentlich auch als Schluchzen interpretiert werden kann, höre noch das Flüstern einiger alter Damen in den hinteren Reihen und werfe mich aus der großen Doppeltür.
Ich beginne zu Kichern, immer lauter, springe unelegant über eine kleine Hecke, lehne mich an das Kirchengebäude und lache. Mir laufen Tränen die Wange hinunter von denen ich mir nicht sicher bin ob sie vom Lachen verursacht werden. Mein Gelächter ist zwar nicht brüllend laut, aber dennoch so geräuschvoll, dass ich selber davor erschrecke als es erneut anschwillt. Ich sacke mit dem Rücken zur Kirchenmauer auf den Rasen. Mein Lachen wird noch einmal lauter und verstummt dann. Voll gepumpt mit Endorphin grinse ich apathisch vor mich hin, als ich auf einmal wieder den weinerlichen Ton des Pastors höre, welcher seine Predigt fortsetzt. Mein Magen wird zu einer Bleikugel und noch bevor ich es sehe, hoffe ich auf ein Wunder. Wunder sind heute aus, DDR Wochen im Wunderland, direkt über mir ist eines der riesigen Bleiglasfenster der Kirche geöffnet…


Fortsetzung folgt…

Kommentare:

  1. Das bloggen schon wieder aufgegeben?
    Schade...
    LG

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  2. Nee nee, nächster Teil ist schon Fertig muss da aber noch was ändern.. sonntag denk ich

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