Mittwoch, 16. September 2009

Filmriss Teil 5

Bruce Willis und Vanessa

5


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The Exploited – Sex and Violence



Es sieht so dermaßen erbärmlich aus, wenn sich zwei ende Zwanziger gegenüber stehen und versuchen sich zu prügeln. Na ja, eigentlich versucht nur Christian sich zu schlagen, ich steh vor ihm und überlege wie ich mich verteidigen sollte.
Es wirkt wie eine Parodie von zwei englischen Gentlemen, welche die Fäuste kreisen lassen um sich einen ehrenvollen Boxkampf zu liefern. Nur mit dem Unterschied, dass keiner von uns einen Zylinder trägt und wir uns noch nie geprügelt haben, weder miteinander, noch gegen andere.
Christian ist ungefähr genauso groß (oder klein) wie ich, er ist drahtig und sportlich. Während ich eher, nun ja, halt der Typ mit dem Bierwanst bin. Erschwerend zu meinen körperlichen Defiziten kommt hinzu, dass ich stinkbesoffen bin.
Irgendwie hat es auch was von einem Western, wie wir uns um halb sechs Uhr Morgens bei aufgehender Sonne, vor unserer ehemaligen Stammkneipe, mitten in der Fußgängerzone gegenüber stehen. Einige andere Betrunkene, ich kenne ein paar höchstens vom Sehen, stehen in einem Sicherheitsabstand, der aber gering genug ist um jeden einzelnen Blutstropfen zu sehen, sollte denn welches fließen, um uns herum und warten neugierig darauf was nun passiert, nachdem Christian mich schreiend und fluchend von meinem Barhocker aus dem Irish Pub gezogen hat.

Ich muss was tun, das ganze ist doch lächerlich, mir wird klar, dass nur meine rhetorischen Fähigkeiten mich aus dieser Lage manövrieren können.
„Boah, Chris alter, hör doch mal mit dieser Bruce Willis Kacke auf jetzt!“. „Bruce Willis? Was redest du für ne Scheiße?“. Gut er kapiert nicht worauf ich hinaus will, aber er hat die Fäuste unten, das ist ein Anfang.
„ Hm, von mir aus auch Jean-Claude Van Damme, was weiß ich…“ „Bist du vollkommen bescheu…“ versucht er einzuwerfen aber ich rede einfach weiter „ … auf jeden Fall kann dieser melodramatische Mist hier, jetzt wohl kaum dein Ernst sein“. Christian sieht mich ein paar Sekunden verdutzt an und dann merke ich, dass ich direkt durch das dünne Eis gebrochen bin, auf das ich gerade vorsichtig einen Fuß gesetzt habe.
„MELODRAMATISCHE SCHEIßE? Hast du sie noch alle? Hast du fetter Idiot eigentlich mitbekommen was du da heute abgezogen hast? Nicht genug das du zu spät bei der Beerdigung eines unserer besten Freunde auftauchst und mich da auch noch mit reinziehst. Nein, du springst auch noch mitten in der scheiß Predigt auf, rennst keuchend raus, während ein paar von uns sich wirklich Gedanken machen, ob dich die Sache mit Leppert vielleicht mehr mitgenommen hat als du dir anmerken lässt und als nächstes, hört dich die ganze Kirche da Draußen vor Lachen brüllen, als sei der Tod für dich der verfickt beste Witz der Welt.“ „aber…“ versuche ich mich zu wehren und fühle mich unweigerlich an das Gespräch nach meiner Konfirmation mit meiner Mutter erinnert.“… und dann verpisst du feiger Dreckskerl dich einfach. Tolle letzte Ehre für Leppert, ganz großartig Benny, mein Applaus ist dir sicher. Jetzt stehst du hier, stinkend wie der Säufer der du bist und erzählst mir…“. Bei dem stinkenden Säufer sehe ich erneut meine Mutter vor mir und diesmal sieht man ein leichtes Schmunzeln auf meinen Lippen.
Chris bricht mitten im Satz ab, seine Oberlippe zieht sich wie bei einem wütendem Pinscher zurück und er schlägt zu.
Ich denke noch, das der erste Faustschlag den ich ins Gesicht bekommen werde, tatsächlich von Christian sein wird, als alles vor meinen Augen in schwarzen Punkten explodiert.
Tja, es gibt anscheinend wirklich für alles ein erstes Mal.


Ich kann von Glück reden das ich voll war bei meinem ersten Mal (ja, diesmal rede ich von Sex) .Ohne Alkohol wäre es a) wahrscheinlich nicht dazu gekommen und b) wäre es mir dann immer noch peinlich. So kann ich es einfach weiter, unter einer der betrunken Eskapaden abhaken.
Ich kenne Vanessa aus dem Internet. Ich sitze ihr gerade gegenüber und erzähle ihr wie wichtig ich es finde, dass man sich nichts vom Staat vorschreiben lässt und prinzipiell erstmal anti-alles sein sollte (was ein Scheiß, wenn man heutzutage über dieses Pseudo-Punk-Gefasel nachdenkt das man früher von sich gegen hat, überkommt einem ein Gefühl das irgendwo zwischen starker Übelkeit und Suizidsehnsucht liegt).

Zu einer Zeit wo man das Internet nur im Zusammenhang mit AOL und T-ONLINE kannte und chatten eine völlig neue wahnsinnige Art war, mit Menschen aus aller Welt zu kommunizieren, lernte ich meine erste Freundin kennen. Was gibt es für einen besseren Weg, für einen unattraktiven, selbsternannten Frauenversteher, Mädels für mehr als nur Freundschaft kennen zu lernen, als das anonyme Internet in dem einfach jeder, ob Mann oder Frau ständig auf der Suche nach dem nächsten Fick ist. Ob es nun die Suche nach wirklichen treffen zum Vögeln oder hirnrissiger Cybersex sind (was übrigens klingt, wie das was Pierce Brosnan in „Der Rasenmähermann“ macht, mit 3D-Brille und dem ganzen Kram, aber eigentlich nur das austauschen von Fantasien hässlicher Leute ist, die behaupten sie wären die hübsche Person auf dem Bild, dass sie gerade an einen anderen hässlichen Menschen geschickt haben, welcher dasselbe von einem anderen Bild behauptet), der ungefähr so spannend ist wie vor Telefonsexwerbung oder den Dessous-Seiten des Otto-Katalogs zu onanieren, nur das man nicht einmal einen optischen Reiz hat.

Als ich Vanessa im Teen-Singles (oh Gott ist das peinlich, kann mich bitte jemand erschießen?) Chat kennen lerne ist es Ende Mai, ein paar Tage vor meinem sechzehnten Geburtstag. Wir beginnen regelmäßig zu chatten, sagen uns nach ca. 2 Wochen täglichem Schreiben und Telefonieren, dass wir uns über alles in der Welt lieben und uns nie wieder trennen werden (3 Monate später werden wir uns trennen, obwohl wir nie im eigentlichen Sinne zusammen waren und uns dann nie wieder sprechen, geschweige denn sehen) und machen aus, uns das erste mal auf dem Bizarre Festival in Weeze zu sehen. Ich habe die Karte zum Geburtstag bekommen und darf mit meinem Bruder fahren, sie wohnt in der Nähe und wollte sowieso dahin.
Wir beginnen uns über Sex zu unterhalten, es kommt zu Telefonsex (der nur ein Stück weniger bemitleidenswert ist als Cybersex) und wir nehmen uns vor, auf dem Bizarre beide unser erstes Mal miteinander zu haben. Wie Romantisch!

„… prinzipiell würde Anarchie natürlich funktionieren, man müsste es nur auf einen Versuch ankommen lassen, dass ist im hochkonservativen elitär legitimiertem Deutschland natürlich nicht möglich!“ Ich weiß nicht, dass „elitär legitimiert“ keinen Sinn macht, ich kenne nicht einmal die Bedeutung dieser Wörter, Vanessa aber auch nicht und ist wie geplant beeindruckt. Wir sitzen uns seit zwei Stunden gegenüber, ich kratze alle Phrasen die ich aus Deutschpunk-Texten kenne zusammen und haue eine nach der anderen raus. Wir trinken beide Wodka-Sprite aus Plastikbechern und das einzige woran ich denken kann ist, dass ich nachher mit diesem wunderhübschen Mädchen Sex haben werde. Denn aus mir unerfindlichen Gründen, mag sie mich und findet mich nicht abstoßend genug um mich nicht ran zu lassen. Als wir betrunkener werden und mein Bruder und seine Freunde, welche bei uns in der nähe saßen, sich ein bisschen Gras organisieren wollen, kriechen wir wild knutschend in mein Zelt. Drinnen ist ihre Hand schnell an meiner Hose und meine an ihrer, ich habe die Erektion meines Lebens und sehne mich stärker nach dem was folgt, als sich der Osten nach dem Mauerfall. Gleichzeitig bin ich verzweifelt, sehr unsicher was ich tun soll, alles dreht sich vom Alkohol und dem Hormonüberschuss und ich mache das, was jeder männliche Jugendliche bei seinem ersten Mal tut.
Privatsender-Softporno-Karaoke.
Ich schiebe meine Hand zwischen ihre Beine, in ihr Höschen, genau wie bei RTL 2 und es klappt hervorragend. Sie beginnt sich zu winden, zu stöhnen, wahrscheinlich auch genau wie bei RTL 2, aus schauspielerischen statt aus leidenschaftlichen Gründen und ich mache weiter mit dem, was auch immer ich da tue.
Auf einmal fühle ich etwas, einen kleinen Hügel, überraschend rau. Ihre Klitoris, schießt es mir durch den Kopf und ich konzentriere mich auf den neu entdeckten Punkt. Es funktioniert prächtig. Sie wird immer aufgeregter, alles geht auf einmal sehr schnell, sie drückt sich an mich und hat (oder spielt) einen Orgasmus. Sie lächelt mich an und revanchiert sich.

Minuten (nicht viele) später, als wir nackt nebeneinander liegen, fragt sie mich, ob es schlimm wäre das wir keinen richtigen Sex gehabt hätten, ich verneine. „Du weißt ja warum, vielleicht geht’s Samstag oder Sonntag.“ Sagt sie und lächelt verlegen. „Was weiß ich?“. „Na, warum wir nicht richtig können?!“. „Ich dachte du magst vielleicht nicht, hast ja nichts weiter versucht und so wie es war, bin ich auch sehr zufrieden“. Ich versuche charmant zu lächeln mit dem starken Gefühl, dass ich gerade irgendwas ganz und gar nicht peile aber zu besoffen bin es zu verstehen. „Wegen meiner Tage mein ich du Idiot, dass musst du doch bemerkt haben“ „D-D-Deine Tage? Ähm, ich…“ Sie beginnt zu Lachen, laut und schrill „Und ich dachte du machst das mit dem OB Bändchen extra…“ bringt sie zwischen einem Prusten hervor „was dachtest du denn was das sei?“.

Es stellt sich heraus, dass ich gar nicht so falsch lag. Im folgenden Gespräch erklärt mir Vanessa, welche mich gerade für die folgenden Tage durch dieses Lachen ungewollt kastriert hat, (ich sollte bei späteren weiteren Versuchen mit Vanessa, nicht mehr als einen Halbsteifen zustande bekommen, was dann später aufgrund meiner und ihrer Minderwertigkeitskomplexe zu der Trennung führt) dass das OB Bändchen, dieses kleine blaue Scheißteil, genau auf ihrer Klitoris lag. Ich habe also, den ersten Scheinorgasmus einer Frau, zufällig durch das intensive Bearbeiten eines Tampons, dessen Bändchen ich fälschlicherweise für ein Teil des weiblichen Geschlechtsorganes hielt bewirkt.
Ich liege neben ihr, sie lacht an meiner Brust und hält das irgendwie für niedlich, während jeder einzelne Laut ihres Lachens, mich wie ein Schlag nach dem anderen trifft.



Mein Gesicht ist taub und meine Vorderzähne schmerzen. Als ich mich frage ob Christian wohl meine Nase gebrochen hat und ich seine ganze verschissene Familie deswegen verklagen kann, schlägt die Faust erneut in mein Gesicht ein. Meine Nase knackt gefährlich und mir schießen Tränen in die Augen. Klasse, weinen wie ein Zwölfjähriger würde die Katastrophe natürlich vollenden.
Ich schreie: „Alteeer!…“ und versuche Christian wegzuschubsen, als er mir mit voller Wucht, in meinen mit Bier und Whisky gefüllten Magen schlägt. Ich schaffe es gerade so, von ein paar Kollateralschäden an den Hosenbeinen abgesehen, mich nicht selbst anzukotzen.
Christian springt angeekelt zur Seite, spuckt mir in einer unglaublich lächerlich wirkenden Mafiageste vor die Füße und dreht sich ohne ein weiteres Wort um.
Ich torkele an ein Schaufenster eines CD-Ladens, halte mich daran fest und sinke auf die Knie.
Meine Augen tränen nicht mehr, mein Gesicht fühlt sich an, als hätte ich es unter einen Presslufthammer gehalten, nur um mal zu gucken wie sich das anfühlt und in meinem Kopf existiert nichts mehr außer Wut. Ich sehe Chris etwas entfernt in eine Richtung schlendern, male mir aus, wie hochzufrieden er mit seiner heldenhaften Leistung ist, einen besoffenen verprügelt zu haben um die Ehre seines toten Freundes zu retten.
Ich greife nach einer halbleeren Weinflasche welche direkt neben mir vor dem Schaufenster steht und renne ihm hinterher….


Fortsetzung folgt.

Kommentare:

  1. Auch DU!! wirst 30!

    Muahhhaahhaaa... Rotten & Forgotten....

    Muuhahhhhaaaa!

    HH BÄM BÄM BÄM ...

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  2. Das warten hat sich gelohnt - weiter so!

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  3. Endlich begreife ich den Unterschied zwischen Sinnhaften und Sinnlosen Sex-Szenen in Büchern:)

    Das einzige was mich etwas verwundert hat ist der Lachanfall während der Beerdigung. Der ist zwar charakterlich passend aber in der (im vorangegangenen Text jetzt) Art wie er Zustande kommt irgendwie holperig, unglaubwürdig.

    Ausserdem hätte ich gerne mehr Infos über Leppert, aber das kommt bestimmt noch.

    Ansonsten GROSSARTIG, ich weiss nicht ob ich so viel Spaß habe weil ich die Vorbilder der Charaktere mehrheitlich zu kennen glaube, aber das ganze ist einfach nur gut, glaubhafte Charaktere, gute Beschreibung der Handlung.
    Bei den kursiven Passagen bleibst du konsequent in einer Erzählperspektive, das solltest du beibehalten.

    Einfach immer weiter machen. Und sorry für den langen Kommentar:)

    p.s.: Der Tampon, mein Gott der Tampon, ich wusste nicht das eine kleine Charlotte Roche in dir steckt:)
    jaichbenutzesmileysfürmeinekommentarenaund???

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  4. Ah.. schon das zweite mal das ich mit Charlotte Rock verglichen wurde und es ist schmeichelhaft... im gegenteil ^^ langsam glaub ich man kann einfach nicht geschickt über sexuelle eskapaden schreiben ohne ein "Charlotte Roche" hinterher geworfen zu bekommen. Dennoch finde ich das da eine sehr flache aber dennoch vorhandene Metaebende exestiert die diese Szene legitimiert... aber wenn nur ich das so sehe bringt das auch nichts ^^

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