Freitag, 25. September 2009

Filmriss Teil 6

Der Kaktusgarten

6

Wo fing das an und wann?
Was hat dich irritiert?
Was hat dich bloß so ruiniert?
Die Sterne – Was hat dich bloß so ruiniert?



Chris ist um die Ecke in Richtung Parkplatz eingebogen, er hat mich bisher noch nicht bemerkt. Ich habe aufgehört zu rennen und gehe ihm nun schnellen Schrittes hinterher. Meine Ohren fiepen, allerdings nicht laut genug um das Geräusch des rauschenden Blutes und meines klopfenden Herzens zu übertönen. Die Weinflasche halte ich so fest an ihrem Hals umklammert, dass meine Finger weiß anlaufen und registriere nur am Rande, dass der stinkende Rest des Lambruscos in den Ärmel meines Jacketts läuft, welches ich seit der Beerdigung trage. Viel mehr beschäftigt mich mein Gesicht. Ich befühle mit der Zunge meine vorderen Schneidezähne und bin mir sicher, dass mindestens einer, wenn nicht sogar zwei locker sitzen. Meine Nase, welche sich anfühlt als sei sie auf ihre doppelte Größe angewachsen, schmerzt stark und das warme, leicht nach Rotz schmeckende Blut läuft über meine Lippen und tropft mein Gesicht herunter. Ich wische mir immer wieder, wie ein Achtjähriger an einem kalten Wintermorgen, mit dem Ärmel unter der Nase entlang, aber das führt nur dazu das ich das rote Kroffi im halben Gesicht und auf meinen Klamotten verschmiere.
Ich schaue um die Ecke, immer noch wahnsinnig vor Wut und kaum fähig einen klaren Gedanken zu fassen und sehe Chris der auf seinen schwarzen BMW zugeht. Ich bin nur noch wenige Meter von ihm entfernt und er hat mich wie durch ein Wunder immer noch nicht bemerkt, obwohl ich trampele wie ein wahnsinniges Nashorn und vor mich hinschniefe wie ein Musikproduzent, der gerade eine Line Marschpulver vom Hintern eines achtzehn jährigen Popsternchen gezogen hat. Mein Freund greift in seine Hosentasche und drückt auf die Schlüsselfernbedienung. Im aufblitzenden Licht der Blinker hebe ich die Weinflasche über meinen Kopf, Christian dreht sich unvermittelt um, als hätte er doch was gehört.
Seine Augen werden groß und er stolpert gegen seinen Wagen.

Bevor ich weiß, ob ich tatsächlich die Flasche niedersausen und auf den Kopf meines Freundes krachen lasse, dreht mir jemand den Arm mit der Flasche schmerzhaft auf den Rücken und stellt mir ein Bein. Ich habe keine Chance mich abzustützen und klatsche, gleichzeitig mit der Weinflasche, mit Gesicht zuerst auf den Asphalt. Ich spüre wie einer meiner Schneidezähne nachgibt und ein Stück heraus bricht. Ich jaule auf vor Schmerz und Überraschung und höre eine raue Männerstimme, die mich aus nächster Entfernung zu meinem Ohr anbrüllt. Verstehen tu ich nichts, weder akustisch, noch die sich geänderten Umstände in denen ich mich befinde.
Ich versuche meinen Kopf zu heben und zur Seite zu drehen, als dieser wieder hart runtergedrückt wird, wobei ich mir mit dem angebrochenen Zahn stark auf die Zunge beiße. Frisches Blut mischt sich mit meinem Speichel. Noch nie in meinem Leben war ich so wütend.
Ich bäume mich auf, versuche mich zu wehren, ich sehe aus wie eins der Psychokinder aus so einer Real-Life-Dokumentation. Tränen fließen meine Wangen hinab, ich keife, spucke Blut, strampele, trommele mit den Füßen auf den Boden, bis sich jemand mit den Knien auf meine Schulterblätter setzt um mich so zu fixieren. Trotz der Aussichtlosigkeit der Situation, versuche ich mich weiter loszureißen, als auf einmal das kalte Metall von Handschellen meine Handgelenke auf dem Rücken miteinander verbindet.


Als heranwachsender Möchtegern-Punk kommt man nicht weit, ohne eine Bullengeschichte. Die Auseinandersetzung mit der Staatsgewalt brauchst du zum einen, um deine Punkattitüde vollends auszubilden, du redest dann ja nicht mehr nur, sondern hast auch mal wirklich erlebt wie scheiße die Polizei ist und zum anderen um damit anzugeben. Sei es auf Konzerten, Partys oder Dates. Meine persönliche Bullengeschichte teile ich mir mit Bollo.

Bollo heißt mit bürgerlichem Namen Timo Relund, ein schrecklicher Name. Woher er seinen Spitznamen hat kann ich nicht mehr genau sagen, was bedeutet, dass keine besondere oder aufregende Geschichte dahinter steckt, Bollo passte halt einfach zu Timo.
Ich kenne Bollo länger als wir befreundet sind, ich hielt ihn anfangs für ein ziemlich unfreundliches, arrogantes und unnötig aggressives Arschloch. Als ich ihn näher kennen lernte, bemerkte ich zwar, dass meine Annahmen nicht gänzlich falsch sind, aber im bollonischen Mikrokosmos durchaus Sinn ergeben. Er war immer der Direkteste, Handlungsorientierteste, Aggressivste und somit auch irgendwie Erwachsenste von uns allen. Als wir uns besser kennen lernten entdecken wir eine Art Seelenverwandtschaft zwischen uns, wie sie nur heranwachsende Männer haben können.
Unsere großen Brüder waren im gleichen Alter, waren auch bekannt miteinander und überall wurden wir auf sie angesprochen und standen gewissermaßen in ihrem Schatten. Wir waren Fan der exakt selben Bands, mochten die gleichen Filme und hassten dieselben Personen. Die einzige Streitfrage die wir hatten, war ob So Long and Thanks for all the Shoes oder White Trash, to Heebs and a Been das beste NOFX Album war und wir alle wissen doch es ist So long na ja auch Bollo darf Fehler machen.

Zu mögen begann ich ihn, an einem sehr heißen Tag am örtlichen See. Es waren die letzten Sommerferien bevor meine Ausbildung beginnen sollte (Richtig, der Anarchist der niemals dem Staat als Sklave dienen wollte, hatte nichts besseres zu tun als nach seinem grandiosen 3,8er Realschulabschluss eine Lehre als Elektroinstallateur zu beginnen, was soll ich machen?).
Unser gesamter Bekanntenkreis war auf einer Wiese versammelt, ein alter Ghettoblaster, der diesen Namen eigentlich gar nicht verdient, spielte unsere Lieblingslieder, Sampler wie BRD Punkterror oder Schlachtrufe BRD.
Wie aus dem Nichts, tauchte ein Polizeiwagen, so ein VW-Bus ähnlicher, auf den Radwegen auf und fuhr im Schritt-Tempo neben den trinkenden Jugendlichen her um Polizeipräsenz zu zeigen.
Bollo, dem man bis auf seinem NOFX T-Shirt seine Punkattitüde nicht ansah, stand plötzlich auf und ging auf den Polizeibus zu. Das Nächste was wir sahen, war wie er gegen das Seitenfenster der Fahrerkabine klopfte, auf einmal der Beifahrer ausstieg, ihn packte und den laut lachenden Bollo in den Bus drückte und die Tür von innen zuzog.
Alle Jugendlichen die das Schauspiel beobachteten begannen zu Brüllen, die ersten Anti-Polizeiparolen nahmen Fahrt auf, der Wagen drehte und die Flaschen verfehlten ihn nur knapp und der Bus fuhr, nun nicht mehr im Schritt-Tempo davon.
Später erfuhren wir, dass Bollo, nachdem die Scheibe runtergedreht wurde, lallend und grinsend sagte: „Tach, ich hätte gern eins mit zwei Kugeln Vanille, einer Schokolade und einer Wachtmeister, ähh, Waldmeister, tschuldigung.“
Von dieser offenen Dreistigkeit überrascht, haben ihn dann die Polizisten einkassiert und die üblichen Kontrollen gemacht, wirklich belangen konnte man ihn natürlich nicht, aber völlig ohne Reaktion wollten die Beamten das auch nicht durchgehen lassen. Ich glaub in dem Beruf wird man automatisch völlig Humorresistent gegenüber großmäuligen Jugendlichen.
Von dem Tag an wurde Bollo bei uns zu einer Institution. Nicht nur er, die ganze grün-weißer Eiswagen Geschichte wurde zu einer so genannten Urban-Legend in unserer Stadt. Noch Heute treffe ich Leute die erzählen, dass ein Bekannter von einem Bekannten genau das getan hätte.
Leichtfertig davon beeindruckt, dachte ich mir das Bollo wohl doch nicht so ein Pfosten sein kann.
Ein bis zwei Partys später, waren wir befreundet. Wir tauschten unsere Gedanken bezüglich der Bundeswehr, dem nahenden Polizeistaat, Frauen, Filmen und Alkohol aus.
Wir waren fast in allem gleicher Meinung und auch wenn ich nie ein Ranking geführt habe, kann man sagen das ihn und mich irgendwas verband. Ich bekomme es bis heute nicht richtig zusammen, aber irgendwie stimmte einfach die Chemie wenn man so will.
Es muss so ziemlich ein Jahr später gewesen sein, als ich meine erste ernsthafte Begegnung mit der Polizei hatte.
Natürlich stand ich nach Konzerten oder ähnlichem schon öfters in der anonymen Masse und habe auf die Bullen geschimpft, allerdings wurde ich bis zu diesem Abend nie persönlich mit ihnen konfrontiert.

Jetzt sind Bollo und ich die letzten Gäste im Rock on, der einzigen Disko in unserer Kleinstadt. Trotz des Namens läuft hier überhaupt nicht unsere Musik. Der Laden ist die typische Dorfdisko mit Mini-Tanzfläche, schlechten Clubsongs und dem lokalen Proletenpack. Allerdings auch mit den charakteristischen Saufangeboten für gelangweilte Jugendliche. Kartensaufen. 25 DM (oder waren es schon Euro?) für eine Karte bezahlen, auf der ein Guthaben von 50 verzeichnet ist.
Jeder von uns hat mittlerweile eine Karte leer und wir trinken mit Hilfe der Reste auf den Karten unserer bereits gegangen Freunde. Die gefühlte achtzigste Mischung Wodka-Kirsch kriecht meinen Rachen hinunter.
Nach einem weiteren Wu Tang Clan Song verstummt die Musik und die Lichter gehen an. Wir werden freundlich aber bestimmt gebeten zu gehen. Nach einigen besoffenen Verhandlungen, können wir für die letzten noch nicht markierten Geldkästchen auf den Karten zwei Flaschenbiere herausschlagen und haben so sogar noch Reiseproviant.
Als wir den Hof des Rock on betreten ist der Himmel schon etwas aufgehellt. Ich versuche Bollo einen Schrittfehler zu verpassen, wobei ich beinah selbst mein Gleichgewicht verliere.
Wir reden lallend über Musik, darüber wie cool es doch wäre, wenn mitten im Hip Hop Song ein Lied von Slime eingespielt werden würde. Deutschland, Karlsquell, A.C.A.B oder Bullenschweine.
In telepathischer Übereinkunft beginnen wir beide gleichzeitig zu Singen. Durch die Straßen der Ein-Familien-Häuser schallt das Echo. „Der Faschismus hier in diesem Land, der nimmt allmählich Überhand, wir müssen was dagegen tun, sonst lassen uns die Bullen nicht mehr in Ruhe!“. Wir brüllen so laut, dass wir nicht das Motorengeräusch hören, das sich von hinten nähert. Die Scheinwerfer werden auch nur peripher Wahrgenommen, als wir zum Refrain ansetzen. „Wir wollen keine! Bullenschweine! Wir wollen keine! Bullenschweine! Mollys und Steine! Gegen Bullenschweine!“
Kaum ist das letzte Bullenschweine verklungen, überholt uns der Polizeiwagen und kommt quietschend vor uns auf dem Bürgersteig zum Stehen.
Ein glatzköpfiger Riese von einem Polizisten steigt bereits brüllend mit hochrotem Kopf aus dem Auto. Er kreischt irgendwas von Respektlosigkeit, davon das wir betrunken sind und das er unsere Personalausweise sehen will. Ich muss zugeben, ich bin eingeschüchtert von dieser Gestalt und greife schon zu meinem Portmonee, als Bollo laut zu lachen anfängt. Ich nehme die Hand aus meiner Tasche und greife stattdessen zu meinem Bier, welches ich aus Reflex zu meinen Füssen abgestellt hatte. Die Bowlingkugel wird noch lauter: „Jetzt raus mit euren Scheiß Personalausweisen! Sofort!“. „Warum?“ fragt Bollo, „Weil wir ein Lied gesungen haben?“ und hat das schmierigste Grinsen im Gesicht was ich je gesehen habe. „G-g-genau“ mische ich mich ein „wir haben nur ein Lied gesungen, was sogar auf CD erschienen ist, so faschistoid das einem das Singen verboten wird, ist dieser Staat ja noch nicht oder?“. Selbst überrascht von meinem Mut, bemerke ich am Rande, wie jemand zweites aus dem Auto aussteigt. Eine blonde Frau springt aus dem Wagen und spricht dabei in ihr Funkgerät: „Zwei Randalierer Ecke Heckenstraße, Sankt-Andreas Weg, erbitte Verstärkung“.
In meinem Kopf formt sich langsam der Gedanke, dass wir hier nur den Kürzeren ziehen können, dass aber gleichzeitig das Verhalten der Beamten an Lächerlichkeit kaum noch zu überbieten ist.
Diesmal beginne ich laut zu Lachen, ich halte mir sogar mit einer Hand den Bauch und als der männliche Beamte weiter brüllt und uns auffordert unsere Ausweise zu zeigen, während Bollo ihm eine völlig bescheuerte Rede über Meinungsfreiheit hält, kommen wir aufgrund der Surrealität der Situation die Tränen.
„Du willst diskutieren?“ sagt der Polizist in einem bedeutend ruhigeren Ton, um danach umso lauter fortzufahren:„Dir ist schon klar, dass das Beamtenbeleidigung war?! Was hattet ihr gesagt?“ „Bullenschweine!“ antwortet Bollo wie aus der Pistole geschossen. „Ah, schon wieder!“. Neunmalklug, ohne zu wissen das er am kürzeren Hebel sitzt sagt Bollo: „ Na ja, erstens habe ich nur ein Lied gesungen, welches auf der Slime CD Same erschienen ist und zum anderen, selbst wenn ich sagen würde, dass sie ein Bulleschwein sind, was ich nicht tue, wäre das ja nur eine Äußerung meiner Meinung.“
Noch bevor ihm geantwortet wird, biegen zwei weitere Polizeiwagen um die Ecke. Bollo beginnt wieder laut zu lachen. Ich hatte mich beinah beruhigt und muss mich jetzt sogar auf den Boden setzen. Statt des Liedes schallt nun unser Gelächter durch die Straße als aus jedem Auto, noch jeweils zwei Polizisten aussteigen.
Da stehen sechs Polizisten nun vor mir und Bollo, zwei wirklich harmlos aussehenden Siebzehnjährigen, die so besoffen sind das sie kaum noch stehen können. Als uns gedroht wird, dass sie sich die Ausweise holen, wenn wir sie ihnen nicht geben, werfen wir ihnen immer noch wiehernd unsere Persos zu.
Während einer der neu angereisten Polizisten, sich mit unseren Ausweisen in einen Wagen setzt und der Schreihals uns weiterhin anbrüllt, setzt sich Bollo lachend neben mich. Wir schauen uns nur kopfschüttelnd an, nicht fähig zu verstehen was dieser Aufriss soll.
Wir machen noch ein paar provokante Witze über Leichen die wir in Wäldern vergraben hätten und angezündete Autos, als wir unsere Ausweise auch schon zurückbekommen.
Auf einmal ändert sich der Ton des Beamten, der wohl jetzt auch nicht mehr so recht weiß, was das alles sollte. Er schreit nicht mehr, spricht uns aber einen Platzverweis aus und sagt uns, dass wir, sollten wir uns nicht bei ihm und seiner Kollegin entschuldigen, mit einem Bußgeld wegen Beamtenbeleidigung zu rechnen hätten. Nun ist es erneut Bollo der wieder losprustet und dabei sogar mit dem Finger auf den Beamten zeigt wie ein Kind, was auf dem Schulhof ein anderes Kind auslacht. Die Gesichtsfarbe des Polizisten wird wieder deutlich dunkeler und er schreit uns „Jetzt verpisst euch endlich!“ ins Gesicht, als wir weiterhin Kichernd von Dannen ziehen.
Fünf Tage später, stehe ich vor meinen tief enttäuscht dreinblickenden Eltern und erläutere ihnen die Situation und sage, dass sie nun 150 DM Strafe für mich zahlen müssen und frage im selben Atemzug ob sie den Brief für mich einrahmen könnten.


Ich wache unter einer kratzigen Decke auf. Mir tut alles weh aber das schlimmste ist der Durst. Der Geschmack in meinem Mund ist undefinierbar und unerträglich. Ich öffne die Augen und sehe Fliesen. Ich sehe ein alles einnehmendes Grau. Es riecht nach Desinfektionsmitteln und meinen eigenen Ausdünstungen. Außerdem habe ich den eisenhaltigen Geruch von Blut in der Nase.
Die Erinnerung kehrt langsam aber umso erschreckender zurück. Hätte ich wirklich Chris erschlagen wenn nichts dazwischen gekommen wäre? Ich kann es mir kaum vorstellen, hatte allerdings schon ausgeholt, das weiß ich ganz genau. Hätte ich noch zurückgezogen?
Ich wühle in meinen Hosentaschen und bemerke dabei, dass mir mein Handy, meine Geldbörse, Schlüssel und sogar mein Gürtel abgenommen wurde. Ich kann mich noch an die Fahrt im Streifenwagen erinnern und daran das einer der Polizisten die mich festgenommen haben, einen Schnauzbart hatte auf den Magnum eifersüchtig gewesen wäre. Ich muss dann irgendwann eingeschlafen sein. Die Ankunft im Polizeirevier ist komplett gelöscht.
Ich habe weder eine Uhr, noch ein verlässliches Zeitgefühl und ein Fenster gibt es natürlich auch nicht.
Ich richte mich auf, zucke aufgrund der Schmerzen in meinem Kopf zusammen. Ich befingere mein Gesicht. Ich spüre verkrustetes Blut, meine Nase ist extrem angeschwollen und meine Lippen sind Taub. Als ich mit der Zunge meine Zahnreihen abtaste stoße ich auf den abgebrochenen Zahn und zucke zusammen. Selbst meine Zunge tut scheiße weh und der Geschmack von Blut ist allgegenwärtig. Jetzt brauch ich noch dringender was zu Trinken und unbedingt einen Spiegel. Ein Waschbecken wäre auch von Vorteil. Wenigstens ein Klo gibt es hier. Ich stelle mich vorsichtig und schwankend vor das blecherne Loch im Boden und versuche die größten Spritzer zu vermeiden und genieße das Nachlassen des Drucks auf meiner Blase. Ein Seufzer verlässt meinen Mund und der Luftzug schmerzt erneut an dem beschädigten Zahn.
Als ich mich wankend nach einer Klingel oder Ähnlichem umschaue, höre ich wie die Riegel der Tür hinter mir zurückgeschoben werden. „Na, hat Dornröschen ausgeschlafen?“. Ein Polizist der sich für lustig hält, genau das brauch ich jetzt. Ich drehe mich um und da steht tatsächlich der Schreihals in der Tür. Er ist eindeutig älter geworden, hat sich einen schicken Kranz aus Haaren wachsen lassen, aber es ist unverkennbar derselbe Beamte. Ich versuche zu sprechen, meine trockenen Lippen pappen zusammen und als ich sie öffne höre ich förmlich das Geräusch eines Klettverschlusses. „Ähm…Hi…kann ich…na ja, gehen?“. Ich warte ein paar schreckliche Sekunden darauf, dass er mich erkennt und bilde mir ein, zu sehen wie er versucht mich in seinen Erinnerungen einzuordnen. „Jupp, wir brauchen nur noch ne Unterschrift von ihnen und dann bekommen sie auch ihre Sachen wieder. Außerdem können sie mit Post von uns rechnen, wegen Widerstandes gegen die Festnahme. Post vom Anwalt ihres Freundes bekommen sie bestimmt auch noch.“ Fügt er süffisant hinzu.
Ich folge ihm die Treppe hoch ins Büro, ich unterschreibe eine Erklärung welche ich mir nicht einmal durchlese und stolpere aus der Wache. Ich will nur so schnell wie möglich hier raus.
Nun stehe ich am Arsch der Welt, ohne Auto. Das Schlimmste was ich mir jetzt vorstellen könnte, wäre Bus oder Zug zu fahren. Ich schaue in mein Portmonee und finde einen Zehner. Taxi fällt also auch flach. Ich gehe die Straße runter, schau in mein Handy, welches ich seit der Beerdigung ausgestellt hatte. Zwei Minuten später habe ich vier Kurznachrichten. Eine von meiner zukünftigen Ex-Frau, welche Mitleid heuchelt und fragt ob alles okay sei, eine die mich darauf hinweist das sich fünf neue Nachrichten auf meiner Mailbox befinden, eine von Chris, der fragt was ich mir eigentlich einbilde wer ich bin und das er mit mir reden will und die letzte von Bollo. Timo, mein Seelenverwandter, mein Hetero-Lebenspartner, der einzige der die Situation verstanden hat und mich in der Nachricht fragt ob ich klar komme, wenn nicht solle ich mich melden. Wenn mir jemand helfen kann dann er. Ich wähle mit zitternden Händen Bollos Nummer. Dank des Sendens meiner Nummer hebt er mit den Worten ab: „Ben? Alles klar?“.
„Hey Bollo, kannst du dich noch an den glatzköpfigen Riesenbullen erinnern?“


Fortsetzung folgt...

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