Donnerstag, 29. Oktober 2009

Filmriss Teil 9

Ich, Prinz Porno

9


ob ich dir Glück wünsch oder nicht,
das weiß ich nicht.
allein nur der Gedanke daran
ist für mich einfach fürchterlich
No Exit – Ohne dich



Es nieselt ein wenig, als ich frisch geduscht und mit noch feuchten Haaren in mein Auto steige. Ich schaue in den Innenspiegel und fühle mich wieder ein bisschen wie ein Mensch. Ein paar Blessuren sind mir natürlich geblieben. Die Beule auf meiner Stirn kommt mir golfballgroß vor und meine Nase ist stark geschwollen. Außerdem plagen mich immer wieder stechende Kopfschmerzen. Meinen abgebrochenen Zahn vergesse ich so lang, bis ich mit der Zunge gegen ihn stoße.
Es ist 1:47 Uhr als ich den Motor starte und die Armaturen aufleuchten. Das Radio, welches das Tape ausspuckt, dass zu Ende gelaufen ist, springt zurück auf den voreingestellten Classic-Rock-Sender. Lou Reed singt „Walk on the Wildside“, bevor das Lied mit dem charakteristischen „doop, doo doo, doo doo, doop doo doo“ und dem Saxophonsolo ausklingt.
Während der Autofahrt kämpfe ich noch mit verschwommenen Erinnerungen an meinen Traum. Ich versuche mich zwanghaft an den großen Zusammenhang des ganzen, als auch an den Typen zu erinnern, dem der Fänger im Roggen abgenommen wurde. Keine Chance, wie gelöscht.
Meine Gedanken springen hin und her wie die Nadel in einer kaputten Schallplatte. Ich frage mich kurz was Tanja eigentlich jetzt genau will? Ich hab ihr gesagt wir könnten uns bei ihr treffen. Ich wollte nicht, dass sie sieht, dass ich es in vier Monaten nicht fertig gebracht habe richtig einzuziehen. Was könnte sie von mir wollen? Und warum klang sie so extrem ernst? Ich hab keinen blassen Schimmer und hätte eigentlich auch Anderes zu tun, ins Krankenhaus zu fahren, mich bei den Lepperts und Chris zu entschuldigen, fertig einzuziehen und Ähnliches, aber ich konnte ihr noch nie eine Bitte abschlagen. Ich bin halt doch nur ein abgerichtetes Schoßhündchen.
Der Radiomoderator, wie jeder seiner Gattung einzigartig unlustig, erzählt irgendeine Guns`n`Roses Anekdote und schon beginnt „Knocking on Heavens Door“. Viel zu abgedroschen jetzt. Ich höre lieber mein Tape weiter, drehe es um und drücke auf play.

Als ich vor Tanjas Wohnung ankomme, muss ich erst einmal ruhig im Auto sitzen bleiben. Ich schalte die Innenbeleuchtung an, klappe die Sonnenblende herunter, atme tief durch und betrachte mich im Spiegel. Ich binde mir meinen Zopf neu und bemerke dabei, dass meine Hände zittern. Als ich mir eine abhanden gekommene Haarsträhne wegwische, streiche ich über die kleine weiße Narbe, welche sich direkt zwischen meinen Augenbrauen befindet.


„So, du weißt jetzt wo meine Narbe her ist, jetzt will ich auch wissen wo die da herkommt.“ Sagt sie und tippt mit ihrer Fingerspitze genau zwischen meine Augenbrauen. „Nun gut, weil dus bist.“ Antworte ich und muss mich dabei stark anstrengen nicht zu sehr zu lallen. „Das war Leppert. Nein, wirklich! Wir warn am See, also alle zusammn. Wir hatten uns jede Menge dieser kleinen fünf Liter Fässer gekauft. Und nach dem zweiten oder drittn, kam jemand auf die grandiose Idee Football damit zu spielen. Also haben wir uns da auf die Wiese gestellt und mit nem Fass Football gespielt. Das ging auch alles noch ganz tutti, aber wir waren halt auch schon ziemlich abgedichtet. Irgendwann also, läuft Leppert so ein Soloding, obwohl er Tagesvollster ist, schmeißt sich hin und macht nen Punkt. Touchdown. Wie auch immer du das nennen willst. Er liegt da, neben mir und krallt sich an diesem Fass fest. Steht einfach nicht auf, liegt da immer weiter rum. Dann beug ich mich runter und will ihm gerade meine Hand hinhaltn um ihm aufzuhelfen, als er irgendwas brüllend, dass Ding zu Chris schmeißen will, welcher hinter mir steht, weil Leppert so voll ist, dass er nicht bemerkt das der Spielzug schon lange vorbei ist. Hat nicht so funktioniert der Pass, hat mir das Ding voll ins Gesicht geworfen. Natürlich gleich schön Platzwunde. Alle haben übelst die Panik geschoben und mir erzählt, wie schlimm das aussieht und dass ich auf jeden Fall genäht werden müsste. War natürlich Quatsch. Als ich dann total storno im Krankenhaus ankam, haben die das nur geklebt. Nun gut, die Narbe hab ich behalten.“ Im Laufe der Erzählung begann sie zu lachen und sieht mich jetzt schmunzelnd an. „Ihr seid ja ganz schöne Idioten. Selber schuld. Also tschuldige, aber das ist echt dämlich.“

Der Rest des Abends zieht schnell und zunehmend verschwommen an mir vorbei. Ich bin mittlerweile total voll, wie so oft von einem Moment auf den anderen und verliere die Kontrolle über mein Sprachzentrum und beginne ihr vorzubrabbeln wie sympathisch und hübsch sie ist. Ich meine, dass stimmt aber es ist dennoch alles andere als charmant wenn jemand der beim Pissen kaum noch das Klo trifft ihr das vorblubbert. Im Geiste bin ich noch ein wenig klar, nur leider nicht fähig das auf den Rest von mir zu transportieren. Alles was ich sage, hört sich vorher in meinem Kopf gut und interessant an, sobald ich es aber ausgesprochen habe kommt so was wie „ Deine Augen sind total groß“ dabei heraus. Ein großes Problem ist auch, dass sie eindeutig nüchterner ist als ich. Sie ist daran interessiert ein Gespräch aufzubauen, vielleicht eine richtige Diskussion, was weiß ich, aber ich bin zu nichts mehr zu gebrauchen. Sie beginnt über die Uhrzeit zu reden, darüber das es schon fast sechs sei und sie sich ein Taxi rufen müsse. Ich schlage ihr vor das sie bei mir pennen könne und dann morgen in aller Ruhe nachhause fahren könnte. Ich schaffe es noch, ihren misstrauischen Blick zu interpretieren und versichere ihr, dass ich in meinem Sessel penne und sie mein Bett haben kann. Sie lächelt wieder und willigt ein, unter Bedingung, dass wir morgen zusammen frühstücken und ich sie zum Bus bringe.
Wir bezahlen und gehen zu mir, beim Spaziergang schaffe ich es kaum die Spur zu halten und stoße immer wieder gegen sie. Sie lächelt nur, hakt sich bei mir unter um mich so zu stützen.
Wir sind bei mir, sie sagt sie geht ins Bad, ich setzte mich inklusive meiner Jacke in meinen Sessel und schlafe sofort ein.

Ich steige aus meinem Auto und gehe auf die Tür zu. Als ich auf den Taster für das Licht drücke, stehe ich noch einen Moment unter der Lampe mit den Klebeziffern 1 und 9 und sammele meine Gedanken, bevor ich mich traue den Klingelknopf zu betätigen.

Als ich die Treppen zu Tanjas Wohnung hochsteige, steht sie schon im Türrahmen. Im ganzen Haus ist es unheimlich still, man hört nur mein leichtes Atmen. Sie nickt mir mit einem traurigen aufgesetzten Lächeln zu und betritt ihre Wohnung. Ich säubere meine Schuhe mit Hilfe von Tweetys Gesicht auf einer Fußmatte und folge ihr. Als ich die Tür schließe sagt sie nur „Hi, setz dich schon mal ins Wohnzimmer, bin gleich da“. Ich überlege kurz ob ich die Schuhe ausziehen sollte, entscheide mich dann aber dagegen. Ich begebe mich in das liebevoll eingerichtete Wohnzimmer mit lauter Fotos von Freunden und sonstigem Nippes. Mit den Händen auf den Rücken, wie der Stereotype Museumsbesucher, nähere ich mich einer großen Glasvitrine in der Unmengen weiterer Fotos zu finden sind. Sowohl in Bilderrahmen ordentlich aufgestellt, als auch an die Rückwand gepinnt, oder an die Glasscheibe geklebt. Ich entdecke nur ein Foto auf dem ich zu sehen bin. Kein Wunder, ich bin auch immer jeglichen Fotos aus dem Weg gegangen, ich hasse die gestellten Posen und das aufgesetzte Lächeln das man auf solchen einnimmt. Auf dem Foto stehe ich mit hochrotem Kopf und einer Hand vor dem Mund neben Leppert, welcher rauchend in kurzer Hose auf einer Tischkante sitzt während ein Mädel, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnern kann, mit einer Pinzette vor ihm kniet.


Wir sind alle auf einer Party von einer Bekannten. Jessica ist ein Lehrerkind und ein ziemliches liebes Mädel, wir kennen uns zwar nicht ziemlich gut, aber sie ist ganz nett. Das Haus ihrer Familie ist etwas Außerhalb und in meinen Augen ein Palast. Ein riesiger Wintergarten, voll mit allerhand Pflanzen und der Rest des Hauses sehr modern eingerichtet. Ihre Eltern sind heute auf einen Wochenendtrip nach Paris aufgebrochen und da Jessi mit Chris auf dieselbe Schule geht, haben wir es alle irgendwie auf die Party geschafft.
Tanja kommt auch noch, ich hab sie seit unserer Duo-Tournee nicht mehr gesehen. Wir waren am nächsten morgen was essen und ich hab sie wie versprochen zum Bus gebracht. Dennoch war der Morgen danach komisch, sie war eigenartig. Ich fand sie immer noch hinreißend aber sie hat nur kurz angebunden geantwortet und quasi nichts von allein erzählt. Wir haben uns umarmt und ich hab mich nicht getraut nach ihrer Telefonnummer zu fragen. Das ist jetzt drei Wochen her und heute sehe ich sie wieder.
Es ist Freitag und eigentlich vermeide ich Freitagssauferein, erschöpft von der Arbeit und ermüdet dank meines üblichen sechsstündigen Schlafs, bin ich dann sehr anfällig für peinliche Abstürze. Heute bin ich eigentlich nur hier, weil ich erfahren habe, dass sie auch hier sein wird, aber mein Motiv ist natürlich unbekannt. Ich habe auch keinem erzählt das sie bei mir geschlafen hat, dann wären nur lauter blöde Fragen gekommen, auf die ich alle hätte mit „Nein“ antworten müssen, das wäre nicht gut für mein Ego.
Die Party kommt ziemlich schnell in Gang, ich stehe draußen und leiste Leppert während dieser raucht Gesellschaft.
„Ich war gerade am Kühlschrank“ nach einer bedeutungsschwangeren Pause und einem weiteren Zug fährt er grinsend fort: „Bier ist genug da, aber Ben, da sind nur noch drei Flaschen Wodka, deswegen sollten wir as soon as possible uns davon mindestens eine Bunkern.“. „Bunkern ist aber immer ziemlich assi, hab nicht so den Drang mich hier jetzt großartig unbeliebt zu machen.“ Antworte ich vor allem in Hinblick auf Tanjas späteres erscheinen.
Nach einem darauf folgendem halbstündigem Diskurs (Tanja ist immer noch nicht erschienen und in mir keimt der Verdacht, dass sie das auch nicht mehr wird), in dem wir uns letztendlich darauf einigen konnten, dass der Vorwurf des Bunkerns uns nicht gemacht werden könnte wenn wir nur mit einer Flasche nach draußen verschwinden würden und sie relativ zügig leeren würden, anstatt sie unter unserem Tisch oder ähnlichen zum verstecken, stehen Bollo, Leppert und ich mit einer Flasche Sprite und einer Wodka im Garten von Jessica. Ich bekomme gerade die Flaschen, um wie die Beiden vor mir, zwei Mal aus der Sprite und dazwischen einmal aus der Wodkaflasche zu trinken. Als ich ansetzen will, fährt mich Leppert an: „Bist du total bescheuert?!“. Er reißt mir beide Flaschen aus der Hand, tauscht sie und gibt sie mir wieder. „Es heißt links-rechts-links, nicht rechts-links-rechts.“. „Wo ist der verfickte Unterschied? Es ist doch jetzt wohl Scheißegal wie rum ich das trinke.“, antworte ich. „Der Unterschied ist, das rechts-links-rechts keinen Sinn macht und es Tradition ist links-rechts-links zu trinken.“. „Tradition?“, „Ja, es ist ne Bundeswehrverarsche, links-rechts-links, klingelts da nichts?“. „Ja, ja, ja, schon verstanden“.
Wir stehen vor einem kleinen Gartenteich welcher im dunklen aussieht, als wäre er mit Teer gefüllt. Die Flaschen kreisen und kreisen, immer wieder rinnt Wodka ummantelt mit zwei Schlücken viel zu warmer Zitronenlimonade meine Kehle hinunter. Ich fühle mich, als würde der Schnaps direkt in meinem Kopf explodieren. Nach den Bieren die davor bereits getrunken wurden, entwickelt sich das alles zu einem hoch gefährlichen Gemisch. Ich spüre förmlich wie ich von Schluck zu Schluck betrunkener werde, sehe aber keine Chance aus diesem Kreis auszubrechen. Schließlich will ich ja betrunken werden und wenn es heute mal schneller geht, was solls?
Als die beiden Flaschen geleert sind, betreten wir drei wieder die Party. Ich bin mittlerweile ziemlich betrunken und Leppert und Bollo sehen nicht unbedingt besser aus. Als wir durch die große Glastür treten, welche zurück ins Haus führt sehen wir, dass die Feier sich stark gefüllt hat. Überall stehen und sitzen Grüppchen herum die sich angeregt unterhalten und trinken. In einer Ecke des Wohnzimmers spielen sogar ein paar Leute Meiern. Die ganze Szenerie ist akustisch überschattet von Eagle Eye Cherrys „Save Tonight“.
Wir kämpfen uns den Weg an trinkenden Jugendlichen und jeder Menge Pflanzen vorbei in Richtung Wintergarten. Wir entdecken Chris an einem Tisch mit ein paar anderen Leuten und gesellen uns dazu.
Der Abend schreitet weiter fort. Wir sitzen unbemerkt in der Ecke des Wintergartens, ohne das jemandem auffällt, dass wir dank unseres Wodka Happenings mittlerweile die Tagensvollsten sein dürften, bis Leppert aufsteht und Richtung Badezimmer wankt. Er torkelt vorbei an einem sich unterhaltendem Pärchen und schafft es dabei nur schwer sein Gleichgewicht zu halten. Kaum ist er um die Ecke verschwunden erscheint Jessica. „Gehts eurem Freund gut? Ich mein, ich hab ein bisschen Angst, dass er hier was kaputt macht, also versehentlich.“, fragt sie Chris eindringlich. „Leppert? Wieso der ist doch topfit.“, antwortet er grinsend. Jessica setzt sich neben zu uns und beginnt ein paar Smalltalk-Gespräche, wie uns die Party so gefällt, ob wir wissen wer noch so kommt usw.
Ich lasse meinen Blick ein wenig wandern, und erblicke Leppert, welcher gerade aus der Richtung des Bads zurückkehrt. Das Pärchen steht immer noch an derselben Stelle und versperrt ihm leicht den Weg, er grinst mich debil an und versucht sich vorsichtig an einer Seite vorbeizudrücken.
Mit dem Rücken zu der Dame, quetscht er sich zwischen ihr und einem eineinhalb Meter großen Kaktus durch, als er auf einmal das Gleichgewicht verliert. In einem Reflex klammert er sich an das Gewächs und reißt es mit sich fallend auf den Boden.
Der Blumentopf zerspringt in tausend Teile und Leppert liegt einige Sekunden den Kaktus umarmend auf dem Boden bevor der Schmerz einsetzt. Dann drückt er die Pflanze so heftig von sich weg, dass diese über den ganzen Boden schlittert. Aufmerksam geworden durch das Klirren des Blumentopfs und mein lautes Gelächter, sehen nun alle zu ihm, während er aufspringt und schreiend auf einem Bein zum nächsten Tisch humpelt. Nun beginnen auch andere zu lachen, sein rechtes Bein (er trug nur khaki Shorts), ist übersät mit kleinen Stacheln, auch auf seinem T-Shirt und seinen Armen zeichnen sich überall kleine grünliche Punkte ab, welche man nur im richtigen Licht als Kakteennadeln identifizieren kann. Jessica ist irgendwann aufgesprungen und kommt nun mit Handfeger und Kehrblech zurück. Um das Unfallopfer scharen sich Kerle, welche ihn auslachen (inklusive mir) und ein Mädel, welche ihn Mitleidig anschaut und ihn bittet sich auf den Tisch zu setzten. Leppert der zwar noch Tränen in den Augen hat aber nicht mehr schreit wie am Spieß, greift fluchend in seine Hosentasche, findet seine Zigaretten und zündet sich eine an.
Als sich das Mädel vor ihn kniet, während sie eine Pinzette aus ihrer Handtasche kramt, ertönt von irgendwo aus der Menge (ich glaube es ist Bollo): „Jetzt übertreibst du aber, Lepperts Schwanz ist bestimmt klein aber eine Pinzette?“. Ich halte mir die Hand vor den Mund, weil ich erneut so laut lachen muss, drehe mich zur Seite und sehe Chris grinsend mit einem Fotoapparat in der Hand.

Der ganze Raum ist für ein Augenzwinkern lang in ein gleißend helles Licht getaucht. Ich drehe mich von der Glasvitrine weg, mir ist schlecht. Ich setzte mich leicht zitternd auf das Sofa und zucke zusammen als Laut der Donner ertönt. Das Prasseln des Regens wird lauter und lauter, die Soundkulisse ist die eines Weltuntergangs, der Apokalypse.
Mir wird schwindlig, ich sitze dort mit den Ellbogen auf meinen Knien gestützt, dem Gesicht in meinen Händen und spüre wie ich stark zu schwitzen beginne. Ich höre die Toilettenspülung und reiße mich zusammen. Wische mir übers Gesicht und konzentriere mich. Langsam aber sicher klingt das Schwindelgefühl ab. Ich schüttele meinen Kopf, was noch einmal stechende Schmerzen hervorruft und blicke zur Tür. Okay, von mir aus kann es losgehen.
Tanja kommt rein. Ihren Gesichtsausdruck kann ich nicht so recht deuten. Sie setzt sich neben mich und schaut mich an wie Magarethe Schreinemakers. Zum absurden abrunden des Bildes, fehlt nur noch ihre Hand auf meinem Knie, verbunden mit einer eindringlichen Frage.
„Ich weiß nicht wie ich das sagen soll Benny. “ sie war immer die einzige die mich Benny genannt hat, alle anderen nennen mich nur Ben und was soll diese Einleitung, will sie etwa? „Ich muss mit irgendwem reden und ich weiß das es unfair ist, gerade zu dir zu kommen, du hast gerade genug eigene Scheiße am Hals.“ Ich grinse nur bitter. Nein will sie nicht. “Aber du bist halt der einzige den ich hab verstehst du? Ich hab genug Freundinnen aber wirklich reden kann ich nur mit dir, also über ernste Sachen, über wichtige Sachen.“ Ein ganz ungutes Gefühl macht sich in meiner Magengegend breit. Das Schwindelgefühl kehrt zurück und ich versuche es mir nicht anmerken zu lassen. „Ich hab schon seit Tagen damit gekämpft dich anzurufen aber wirklich getraut hab ich mich erst vorhin, vielleicht auch weil wir uns ja gesehen haben. Mir ist da wieder eingefallen, dass du immer gesagt hast du wärst für mich da, auch wenn wir kein Paar mehr sind.“ Ihre Augen werden gläsern und feucht, ich blicke zwischen meinen Knien auf den Boden. So eine Schlampe. Dreckige kleine Fotze. Ich weiß nicht was sie will, aber ich ahne in welche Richtung es geht. „Und mit irgendwem muss ich einfach drüber reden, weißt du? Verstehst du das? Ich will dir nicht wehtun oder so, aber zu wem soll ich denn gehen, ich hab Angst“ Bei „muss“ bricht ihre Stimme und der Rest ist nur noch weinerliches Gejammer. Ich balle meine Hand zur Faust und drücke sie so fest zusammen das es weh tut. „Wie sagt man so was? Das ist ja hier keine Fernsehserie.“ „Am besten einfach so wie es ist.“ Flüstere ich kaum hörbar. Sie atmet tief durch und ich auch. Ich spann alles in mir an, wie so ein Shaolin seine Bauchmuskeln, bevor darauf ein Bambusstock zertrümmert wird. „Ich, ach kann man das nicht anders sagen? Das klingt dann doch wie in einer Fernsehserie.“ - „Ich bin schwanger.“

Mein Kopf ist leer, da ist gar nichts, kein Gedanke, keine Assoziation. Nur der eben gehörte Satz hallt noch nach. Alles was ich eben noch gedanklich angespannt habe, wurde zerstäubt in Millionen von Teilchen.
Sie interpretiert meinen Gesichtsausdruck so falsch wie es nur geht.
„Keine Angst, du hast damit nichts zu tun. Dann hätte ich ja schon ein richtiges Bäuchlein. Dürftest den Verantwortlichen nicht einmal kennen.“ Sagt sie mit einem nervösen Lächeln.
Tausend Beleidigungen für dieses egoistische Miststück vor mir rasen durch meinen Kopf, Bilder von erhitzten Kleiderbügeln, hohen Treppen, sonst nichts. Meine Migräne, dass Schwindelgefühl und die Übelkeit sind wieder da.. In meinem Kopf höre ich Prinz Porno, einen deutschen Rapper, den ich nach meiner Punk-Ära ein wenig gehört habe, welcher sich mit meinen Gedanken vermischt.
„Jetzt hast du was du willst Bitch…“
Wie kann sie es wagen? Unendlich viel Wut erfüllt mich.
„…willst du hören wie ich schreie?...“
Was gibt ihr das Recht ausgerechnet jetzt mit so einer Scheiße zu kommen.
„…oder zusehen wie ich mir Nägel in die Augen treibe?...“
Ich spüre wie meine Fingernägel sich leicht in die Haut meiner Handfläche graben.
„..dafür das ich so blind war…“-
„Hey, irgendwas musst du sagen. Am besten einfach was du gerade denkst, ganz ehrlich!?“.
„Ich bete du kriegst Kinder, stirbst bei der Geburt und die Bälger sind behindert.“
Ich höre mich das sagen. Völlig ton- und emotionslos, nicht wie einen Rapsong, nicht wie ein Gedicht, so als wäre ich ferngesteuert. Einfach Wort, für Wort in einem angemessenen, gleich bleibendem Tempo ohne dabei meinen Blick von meine Füssen zu nehmen. Klare Gedanken habe ich immer noch keine. Ich stehe auf und verlasse die Wohnung ohne sie noch einmal anzusehen, zu hören ist nur das starke Prasseln des Regens, sie sagt kein Wort.
Erst draußen denke ich, dass ich eigentlich genau das getan habe worum sie mich gebeten hat.


Fortsetzung folgt...

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Unruhe


---Warnung, extremes Gejammer folgt---


Ich liege seit einer Stunde und 50 Minuten in meinem Bett und verfolge, dank dem hereinbrechenden Mondlicht, ein Muster in meiner Raufasertapete bis an die Decke. Ich schließe die Augen. Ich konzentriere mich auf die Stimme von dem Synchronsprecher von Robin Williams, welcher mir aus Terry Pratchetts „Ab die Post“ vorliest.
Ich höre schon seit ich denken kann zum einschlafen Hörspiele. Von den Ampelmännchen, über He-Man, bis zu den alten John Sinclair Hörspielen. Mit zunehmendem Alter kamen auch Hörbücher dazu.
Der Synchronsprecher von Brad Pitt (Tobias Meister), Christian Ulmen oder der über jeden Zweifel erhabene Joachim Kerzel haben mir schon beim Einschlafen geholfen und mich trotzdem unterhalten. Ich versuche mir bildlich vorzustellen was mir vorgelesen wird, nach zwei bis drei Minuten schweif ich gedanklich ab. Die Katze schmiegt sich an meine Waden und ich verfluche sie dafür, dass sie problemlos schlafen kann.
Ich öffne wieder die Augen, ich nehme einen Schluck Wasser, drehe mich um und schaue auf die rot leuchtenden Zahlen meines Radioweckers. 2:32 Uhr. Ich mach erneut die Augen zu. Ich wühle mich in mein Laken in eine bequeme Liegeposition und versuche an nichts anderes zu denken als das Hörbuch zu verarbeiten. Mein Kopf möchte lieber über andere Dinge nachdenken. Den bevorstehenden Umzug, das Älterwerden, die Frage nach der Existenz einer Gottheit, was man noch so schreiben könnte, Frauen (sehr penetrant), Freunde, Sex, die persönliche Zukunft, den Tod, vor allem seine Unausweichlichkeit (ebenfalls extrem penetrant), Filme, Bücher, meine Faulheit, was man noch erledigen müsste, was ich nicht erledigt habe und auch nicht mehr kann usw. Der Kopf steht nicht still und ist unnachgiebig. Er bohrt immer tiefer und springt wie eine kaputte Schallplatte von Gedanke zu Gedanke.
Scheiße! Ich habe erneut den Faden verloren. Ich konzentriere mich wieder auf Robin Williams. Ich sehe ihn vor mir, mit seinem gutmütigen Gesicht, welches Grimassen zieht, wenn er die Stimme verstellt um andere Charaktere zu sprechen und mir weiterhin vorliest. Ich konzentriere mich. Ich konzentriere mich darauf mich zu konzentrieren. Genau hinhören -.
Ein Autoproll fährt, mit seinem getunten Golf 3 oder was auch immer, mit 70 durch die Dreißiger-Zone unter meinem Fenster. Jetzt habe ich die letzten zwei Sätze verpasst. Bin wieder raus. Die Augen gehen wie automatisch auf. 2:58 Uhr. Die Zeit rast, das Pensum was mir noch zum Schlafen bleibt schrumpft und schrumpft. Um 5:45 Uhr klingelt mein Wecker. Wenn ich in den nächsten zwanzig Minuten nicht einschlafe mach ich durch.

Das geht jetzt schon seit Tagen so. Von heute auf morgen. Ich habe eine Nacht durchgemacht, da hatte ich noch frei, damit ich wieder in den Schlafrhythmus eines Menschen komme, welcher in der Lage ist soziale Kontakte zu pflegen. Das ging richtig schief. Ich habe es zwar geschafft durchzuhalten, habe mich um 0 Uhr, nach einem ca. 37 stündigem Wachmarathon, ins Bett gelegt und war fest davon überzeugt mindestens bis 13 Uhr zu schlafen. In dem Moment als mein Kopf das Kissen berührte war ich schon eingeschlafen (ich wollte schon immer einen Satz von King klauen). Um 3 Uhr war ich wieder wach. Seitdem schlafe ich pro Tag drei bis vier Stunden. Meistens mittags, wenn ich mich kaum noch wach halten kann. Danach ist wieder für 25 Stunden Schluss. Heute mache ich die sieben Tage mit diesem seltsamen Rhythmus voll. Ich kann mir nicht helfen, auch wenn es typisches Gejammer ist, ich mach mir langsam sorgen. Normal, geschweige denn gesund, ist das ja wohl nicht.
Leute neigen dazu, wenn sie von ihren Schlafproblemen sprechen maßlos zu übertreiben. Mehr als mein Wort kann ich leider nicht geben, aber das sei hiermit getan, das ich weder über noch untertreibe. Ich schlafe seit sieben Tagen maximal 4 Stunden pro Tag/Nacht. Ich weiß nicht, ob das der schleichende Wahnsinn ist, welcher mich nun endlich erreicht und nicht mehr nur an meine Tür kratzt oder ob ich bei meinem 37 Stunden Marathon irgendwas kaputt gemacht habe. Auf jeden Fall, hänge ich jetzt mal wieder hier. Es ist 3:36 Uhr und ich habe mich entschlossen wach zu bleiben und diesen ganzen Kram mal runter zu schreiben. Wieso? Keinen Plan, keinen blassen Schimmer. Ich hab einfach das Bedürfnis zu Jammern denk ich. Außerdem habe ich ernsthafte Sorgen, ob das alles so tutti ist wie das läuft. Ein anderer Grund ist, dass ich mich mit was anderem als Filmriss „warmschreiben“ wollte, wenn man so will.

Ich sitze hier, mit meiner eisgekühlten Cola Light (deren Koffein mir hoffentlich hilft durch den Tag zu kommen) und der „schlechten Laune-Playlist“, welche gerade Burt Bacharach mit „What the World needs now“ spielt und frage mich was die Kacke soll. Ich hoffe und glaube, dass sich das irgendwann einfach wieder einrenkt und normalisiert.
Die Problematiken sind die Folgen des geringen Schlafes, welche gerade mich als Menschen der eigentlich lange und viel schläft, besonders hart treffen. Meine Konzentration ist jetzt völlig im Eimer, was dazu führt das ich weder einen Buch lesen, einen Film vernünftig schauen oder etwas schreiben kann, was ein wenig Struktur erfordert und nicht rein assoziativ ist wie dieser Müll.
3:47 Uhr. In zwei Stunden geh ich Duschen und fahre los. Jedes mal wenn ich gähne, überlege ich mich sofort ins Bett zu schmeißen, meinen Kopf in das Kissen zu drücken und mit aller Macht versuchen zu schlafen. Ich weiß aber, dass es Sinnlos ist. Es geht nichts mehr, wie man beim Roulett sagt. Heute gewinnt mal wieder die Bank. Danke Morpheus.

In diesem Sinne. Sorry fürs Jammern und guten Morgen

KaZper

Dienstag, 13. Oktober 2009

Filmriss Teil 8

Leben und Tod

8


Ich stehe vor einem Fußballstadion und das obwohl ich überhaupt kein Fußballfan bin und mir erstrecht kein Spiel live anschauen würde. Ich stehe in der Schlange zum Einlass, welche sich vor uns in zwei separate Eingänge aufteilt.
Nach links wird man von Tanja gefilzt, was zur Hölle macht die hier? Rechts steht Bollo und tastet gerade, in einer ihm viel zu großen Security Jacke, einen bärtigen Typen mit krausen grauen Haaren ab. Als dieser sich umdreht, damit Bollo ihn von hinten und seine Waden abklopfen kann, erkenne ich ihn aufgrund seiner Hakenkreuz Tätowierung auf der Stirn. Bollo durchsucht gerade wirklich Charles Manson.
Ach du Scheiße. Merkt hier das denn keiner? Ich versuche Bollo zuzurufen wer das ist, aber kein Wort dringt aus meinem Mund. Ich versuche aus der Schlange auszubrechen, keine Chance. Ich kann nur vor oder zurück, wenn die Schlange aus Menschen sich bewegt. Keiner dreht sich um, keiner scheint zu bemerken, wie panisch ich versuche hier raus zu kommen.
Ich beruhige mich ein bisschen, als Bollo bei Manson ein geschwungenes riesiges Messer findet. Er nimmt es an sich, schmeißt es in eine kleine Plastikkiste in der bereits unzählige Hieb- und Stichwaffen liegen, ich entdecke sogar so einen Küchenhammer zum Koteletts weich klopfen, gibt Manson dann einen freundlichen Klaps auf die Schulter und lässt ihn rein.
Tanja durchsucht gerade Christian Palweißer, fasst ihm kurz in den Schritt, grinst ihn an und lässt ihn durch.
Die Schlange rückt ein ganzes Stück vor. Bei der Teilung, werde ich nach rechts, in Richtung Bollo gedrückt, obwohl ich viel lieber zu Tanja will, um sie zu fragen was diese Scheiße soll, einfach meinen Freunden an die Eier zu packen. Aber keine Chance, schon stehe ich als dritter in Bollos Reihe. Ich schaue in den speckigen Nackens meines Vordermanns, welcher sich sofort umdreht und mich durch eine dunkel getönte Brille betrachtet. Es ist Mark David Chapman. Er grinst mich an, nickt mir zu und dreht sich wieder nach vorne. Bollo nimmt gerade jemandem, in dem ich glaube Lee Harvey Oswald zu erkennen, ein Rubinbesetztes Gewehr ab, welches er wie in einem Cartoon aus seinem Hosenbein zieht.
Ich bin völlig paralysiert, blicke noch mal zu Tanja, die gerade den Glatzköpfigen Polizisten auf die gleiche freundliche Art durchsucht.
Als ich wieder Richtung Einlass schaue, sehe ich, wie Bollo Chapman eine Ausgabe von „Der Fänger im Roggen“ abnimmt und sie angewidert in die Plastikkiste wirft. Er winkt Chapman durch und ich trete lächelnd vor.
Bollos Augen bleiben kalt und er sieht aus als würde er mich nicht erkennen. Ich sage „Bollo man, was geht?“. „Bitte Arme und Beine spreizen.“ Antwortet er teilnahmslos. Ich folge dem Befehl und Bollo zieht aus der Innenseite der Jacke welche ich trage, eine Lambruscoflasche. Sie ist zu einem Drittel mit roter schmieriger Flüssigkeit gefüllt, welche kaum an Wein erinnert. Noch bevor sie in die Plastikkiste fällt, entdecke ich, dass in ihr ein OB schwimmt, an dessen Bändchen ein Zettel mit der Aufschrift „Würde“ hängt.
Ich bin so angeekelt, dass ich kurz würgen muss, Bollo schlägt mir auf den Rücken, wie als hätte ich mich an etwas verschluckt und drückt mich so an sich vorbei.

Ich stolpere durch den Gang in die Kurven des Stadions. Es ist mäßig besucht. Als ich meinen Blick schweifen lasse, bemerke ich, dass die Stadiontribünen genau in der Mitte geteilt sind. In meine Hälfte kommen alle, die von Bollo kontrolliert worden und hinter dem riesigen Gitterzaun, sehe ich Christian und den Bullen zusammen am Bierstand stehen. Bedient werden sie von Vanessa, welche irgendwie immer noch sechzehn ist und beim Ausschenken nur einen Bikini trägt. So stehe ich, an das Gitter gepresst und frage mich zum tausendsten Mal, was das alles soll. Gerade als ich mich umschaue, ob es auf dieser Seite auch einen Getränkestand gibt, man muss ja immer das Beste aus seiner Situation machen, dröhnt aus den Boxen höllisch laute Musik. Green Day singen sanft aber bis zum Anschlag aufgedreht: „It's something unpredictable, but in the end it's right. I hope you had the time of your life…” Die Streicher setzen ein und erfüllen das gesamte Stadion mit ihrem melancholischen Klang, sie sind so laut, dass ich beide Hände auf die Ohren presse. Als ich wieder in die Mitte schaue, sehe ich, dass zu der Musik die beiden Fußballmannschaften einlaufen, angeführt vom Schiedsrichter. Ich blicke zur Videoleinwand und als der Refrain erneut ertönt, inklusive der Streicher, erkenne ich den Unparteiischen, es ist Leppert.
Er blickt von der Videoleinwand auf die Zuschauer hinab, er ist aschfahl und sieht unendlich traurig aus, trotzdem winkt er und seine Lippen formen die Worte des Green Day Songs. Tränen laufen meine Wangen hinab, ich lasse die Hände sinken, die Musik wird leiser und alle Zuschauer auf meiner Seite der Tribüne beginnen gleichzeitig zu grölen: „Leppert, wir wissen wo dein Auto stand, war voll getankt, hat gut gebrannt!“.

Ich schrecke aus meinem Sessel hoch. Es ist stockdunkel, nur das blinkende Licht, meines auf dem Tisch vibrierenden Handys erhellt wie ein Stroboskop für Augenblicke das Zimmer. Das Telefon zeigt, das mich Tanja anruft. Ich lasse es kurz in meiner Hand vibrieren und versuche klar zu kommen. Der Traum überschattet jegliches Gefühl, ich wundere mich warum meine Ohren nicht Taub sind, von dem eben gehörtem Lärm und komme langsam zur Besinnung. Einen Moment kämpfe ich noch mit dem Gedanken, ob das nicht auch wieder ein Traum ist. Das Handy summt jetzt schon zehn Sekunden vor sich hin. Ich räuspere mich und nehme ab.
Tanjas Stimme ist bemüht keinerlei Emotionen zu zeigen. „Hab ich dich geweckt?“ „Schon, aber ist okay, wie spät ist es?“. „Es ist kurz nach eins.“ Antwortet sie, als hätte sie gar nicht erst nachschauen müssen. „Was gibt es? Alles in Ordnung?“. Aus der Pause schließe ich, dass dem nicht so ist, ich glaube auch an ihrer Stimme zu erkennen, dass sie geweint hat. „Kannst du vorbeikommen? Oder wir treffen uns irgendwo?“


Fortsetzung folgt...

Montag, 12. Oktober 2009

Filmriss Teil 7 b)

Fortsetzung des Kapitels 7 "Schorf"

Nachdem sich alle verabschiedet hatten und ich einige noch lächelnd als Pussys und Memmen bezeichnet hatte, bin ich mit Tanja allein. Die Situation ist mir unangenehm. Ich kenne sie kaum und spüre das nahende Desaster des peinlichen Schweigens. Lange kann das hier nicht gut gehen.
„Und was machen wir jetzt? Hier noch was trinken oder weiter ziehen?“ fragt sie mich lächelnd. Dieses Lächeln ist anders, es ist kein Grease grinsen, es ist ein ehrliches Lächeln. Ich weiß zwar nicht genau was geschehen ist, allerdings glaube ich tatsächlich das sie nun um einiges besser gelaunt ist als davor. Sie sieht unfassbar anziehend aus, mit diesem ehrlichen Lächeln aber den Gedanken schiebe ich besser mal ganz weit weg.
„Hm, von mir aus können wir hier noch eins trinken und die Tour als Duo fortsetzen“ Antworte ich vermeintlich locker.
Als wir das Bier ausgetrunken haben, machen wir uns auf den Weg. Wir unterhalten uns ein bisschen und ich gebe mich so ehrlich wie nötig und so sympathisch wie möglich.
Das impliziert nicht einmal zwingend das ich lüge. Es ist mehr ein Abschwächen oder Betonen bestimmter Punkte, Meinungen und Charakterzüge. Ich merke wie viel mir daran liegt, dass sie mich mag. Während sie mir erzählt wie unausstehlich sie Jasmin findet seitdem diese wieder aus Amerika zurück ist, frage ich mich wo diese extreme Sympathie herkommt, die ich für dieses Mädchen habe. Es hat definitiv etwas mit ihrer Art zu sprechen zu tun. Ich meine sie ist hübsch, keine Frage aber so richtig interessant fand ich sie erst ab dem Zeitpunkt an dem ich begonnen habe mich mit ihr zu unterhalten.
Immer wieder wandert mein Blick in ihr Gesicht, sie erzählt mir das sie Chris und die anderen kennt aber mich nicht, ob ich nicht aufs Gymnasium ginge, was ich stattdessen tun würde. Ich erzähle ihr von meiner Ausbildung in dem schäbigen Handwerksbetrieb und analysiere immer noch, was daran so toll ist wie sie spricht. Während man mit ihr redet, hat man das Gefühl das sie zu einhundert Prozent ehrlich ist, unfassbar natürlich und einfach sagt was sie denkt.
Sie wirkt wie das Gegenteil von mir, anstatt jeden Satz, bevor man ihn ausspricht zu drehen und zu wenden und sich über jedes einzelne Wort und deren verschiedenen Bedeutungsebenen klar zu werden, um schon von vorneherein auf jedes mögliche Missverständnis vorbereitet zu sein, scheint sie einfach drauflos zu sprechen, ohne jegliche Scham, ohne die Befürchtung irgendwas dummes oder einfältiges zu sagen und das tut sie auch nicht.
Es stellt sich heraus, dass sie gerade erst sechzehn geworden ist. Meine Begeisterung für diese Person wächst, genauso wie mein Respekt. Sie ist fast zwei Jahre jünger als ich und ich war in ihrem Alter nicht annähernd so abgeklärt, aufgeweckt und intelligent und bekomme das Gefühl ich bin es jetzt auch noch nicht. Ein wenig deprimiert von den Erkenntnissen, dass ich dem faszinierenden Mädel neben mir wahrscheinlich nichts zu bieten habe und es keinen Grund für sie gäbe in mir mehr als einen Saufkumpanen zu sehen, beteilige ich mich wieder aktiver am Gespräch, um nicht in meiner Schwärmerei zu ertrinken (obwohl es dafür schon zu spät ist). Um mich auf andere Gedanken zu bringen, höre ich mit einem Ohr wieder Walkman…

„And I swear it’s the last time and I swear it’s my last try, and we’ll walk in circles around this whole block. Walk on the cracks on the same old sidewalks and we’ll talk about leaving town. Yeah we’ll talk about leaving” ertönen Less Than Jake aus den serienmäßigen Frontboxen meines Fiats, während ich den Motor starte und ausparke. Autofahren mag nach gerade Konsumiertem nicht die beste Idee sein, aber eine andere Wahl hab ich nicht wenn ich Nachhaus kommen will. Ich fahre vorbei an der Wohnung meiner Mutter, überlege aber nicht eine Sekunde ob ich anhalten soll. Ich fahre auch an dem Hause Palweißer vorbei, dann auf die Autobahn in Richtung meiner neuen Wohnung, welche ein wenig außerhalb liegt. Meine Heimatstadt völlig zu verlassen, geschweige denn das Bundesland ist mir nie wirklich gelungen.

Mittlerweile sind Tanja und ich ziemlich voll. Wir hocken in einer meiner Stammkneipen, einem Irish Pub, haben jeder einen Tequila und einen Jägermeister sowie ein großes Bier vor uns stehen. In der Kneipe gibt es die so genannten „Fensterplätze“, eine Reihe von jeweils einem Tisch und zwei Bänken. Wir sitzen uns an einem dieser Tische gegenüber. Ich erzähle ihr lauter lustige Geschichten, Gerüchte und ähnliches.
Nicht zwingend um mich beliebt zu machen, mehr um sie Lachen zu sehen. Mittlerweile bin ich, auch aufgrund meines Alkoholkonsums, fest davon überzeugt schrecklich in sie verliebt zu sein. Ich bin schwer begeistert von ihrem Lächeln und ihrem Lachen (nur von dem ehrlichen, das Grease-Lächeln wirkt mir zu Puppenhaft und gespielt), vielleicht weil sie sparsamer damit umgeht, als viele Frauen die ich bisher kannte. Während sie nun aufsteht und ins Bad geht, packen mich das erstmal niedere Gelüste.
Ich sehe ihre Beine, ihren Hintern und wäre gerade nirgendwo lieber als mit ihr hier. Ich trinke schnell meinen Jägermeister und den Tequila hinterher, habe kurz mit dem Würgereiz zu kämpfen, schaffe es aber genau mir noch schnell zwei neue zu holen bevor sie von der Toilette zurück ist. Das perfekte Verbrechen.
Nun passiert etwas, womit ich gar nicht umzugehen weiß. Sie setzt sich neben mich.
Wir haben uns seit einer Stunde gegenüber gesessen und ich kam super mit der Situation klar. Nun stellt sie sich neben die Bank auf der ich sitze und wartet darauf, dass ich weiter reinrutsche und ihr Platz mache. Zwei Leute sitzen sich immer gegenüber, wenn die Möglichkeit besteht, außer sie sind ein Paar und das sind wir auf keinen Fall, also was soll das? Mit einem leichten Unbehagen rutsche ich so nah an die Scheibe wie möglich. Sie setzt sich neben mich und zieht ihre Getränke zu sich ran. Ich sehe im Augenwinkel, dass sie mich anschaut, starre aber weiter auf mein Glas, da diese neue Konstellation mich mehr als nur überfordert.
„Dreh dich mal um bitte.“ Sagt sie und ich versteh überhaupt nicht, was das jetzt soll. Ich beginne leicht zu zittern und drehe mich zu ihr, schaue ihr einen Moment in die Augen und dann durch ihr Gesicht hindurch, indem ich einen Imaginären Punkt hinter ihr fixiere. „Nein“, sagt sie lächelnd „ich mein zum Fenster hin.“ Immer noch verwirrt, wende ich mich zum Fenster und schaue auf die Fußgängerzone und dem gegenüberliegenden CD-Laden hinaus. Sie packt mich sanft, mit einem gespielt genervtem Aufstöhnen und dreht mich so hin das sie meinen Rücken sehen kann. „Ach, das ist Pennywise.“ Ruft sie aus und erst da verstehe ich.
Ich trage einen Kapuzenpullover, der in der Front nur einen vermummten Autonomen zeigt, welcher in einer Sprechblase „Fuck Authority“ brüllt, der Name des neuen Albums und erst
hinten steht der Bandname. „Ich mag Pennywise, vor allem Straight Ahead.“ Ich glaube, sie hat das Gespräch über Pennywise begonnen, weil sie gemerkt hat, wie unwohl ich mich gefühlt habe und ich nehme das Angebot dankend an.
Wir reden über die Vor und Nachteile des Albums und dann zeige ich ihr auf meinem Walkman, die Singleauskopplung von Fuck Authority. Erst als das Lied vorbei ist, merke ich wie Kitschig das ist, dass wir hier nebeneinander sitzen und uns die Ohrhörer teilen. Das ist das Neuzeit-Pendant zu dem Milchshake mit den zwei Strohalmen oder den Susi und Strolch Spagetti.
Dennoch gefällt es mir, trotz allem Unbehagen, aufgrund meiner eignen Hilflosigkeit, so nah bei ihr zu sitzen. Als ich sie anstarre, während sie dem Beginn des nächsten Liedes zuhört, entdecke ich eine kleine vernarbte Stelle an ihrem Kinn. „Woher kommt die kleine Narbe?“ frage ich vorsichtig, in der Hoffnung, dass es nicht unhöflich klingt und vor allem, weil es mich wirklich interessiert.

Ich finde mal wieder keinen gescheiten Parkplatz und stelle daher mein Auto knapp fünf Minuten Fußweg weit von meiner neuen Wohnung ab. Das kurze Zusammentreffen mit Tanja, hat die alten Wunden viel stärker aufgerissen als ich gedacht hätte. Sie geht mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Bevor ich aber wieder in Selbstmitleid versinken kann, wie ich das denn hinbekommen hätte diese Beziehung zu zerstören usw., erreiche ich die Wohnungstür. Noch bis vor vier Monaten habe ich mit ihr zusammengewohnt, wir waren sogar verheiratet. Nur zwei Jahre, aber immerhin. Ich schlürfe an Kartons voller Bücher vorbei, welche ich immer noch nicht ausgepackt habe und lasse mich in meinen Sessel fallen. Nach kurzem Überlegen stehe ich wieder auf und hole eine Glasflasche voll Milch aus dem Kühlschrank. Während ich die kalte Milch genieße, muss ich immer noch an sie denken. Daran, dass sie kein schlechter Mensch ist, sie war immer ehrlich zu mir, hat nicht vor mir das bisschen Geld was ich verdiene aus der Tasche zu ziehen und wir haben unsere zusammen gekauften Besitztümer fair getrennt. Diese ganze Trennung ging ohne Geschrei, Streit oder Schlammschlacht von statten. Im Nachhinein glaube ich, war genau dies das Problem. Ich höre mich in einem Selbstgespräch (die führe ich seit unserer Trennung immer öfter) sagen: „Die Vergangenheit ist vorbei. Das weiß ich. Die Zukunft, ist noch nicht hier, wie sie auch sein wird. Also, ist alles was es gibt, dass hier. Die Gegenwart. Das ist alles.“. ein Zitat aus Broken Flowers, einem meiner Lieblingsfilme, nur leider bin ich so weit weg von Bill Murray wie nur irgend möglich. Bill Murray flennt auch nicht, wenn er an seine Exfreundin denkt und lacht nicht auf der Beerdigung seines Freundes.

Fortsetzung folgt...

Donnerstag, 1. Oktober 2009

Filmriss Teil 7 a)

Schorf

7

Es ist kurz nach neun Uhr Morgens, ich sitze während ich auf Bollo warte, auf den Stufen eines Bankgebäudes, über meinem Kopf in einem riesigen Fenster hängt ein Plakat.
Darauf zu sehen ist die typische Bilderbuchfamilie. Sie ist blond und wunderschön mit einnehmendem Lächeln, er dunkelhaarig mit blauen Augen, sie halten beide ein Kind umarmt, blond und blauäugig und so absurd niedlich, dass ich darüber nachdenke einen Pflasterstein aus dem Gehweg zu kratzen um ihn in die Fratze dieser kleine Werbehure zu werfen. Über der Familie des Jahres steht: „Sorgen sie für sich und die, die ihnen wirklich wichtig sind. Werden sie Schuldenfrei, noch heute. Günstige Kredite für ein sorgenfreies Leben.“. Angewidert drehe ich mich wieder nach vorne und starre die Straße entlang und halte Ausschau nach dem Auto meines Freundes.
Immer mehr Menschen gehen an mir vorbei und lassen es sich nicht nehmen mich detailliert zu begutachten, als wüssten sie ganz genau, dass ich gestern sagen wir mal, einen Totalausfall hatte. Die Gedanken an den vorherigen Tag und vor allem Abend, schiebe ich so weit weg von mir wie nur möglich, ich starre jetzt den Leuten die mich angaffen ebenfalls ins Gesicht und merke wieder wie ich sinnlos aggressiv werde. Ich bin kein gewalttätiger Mensch und komm mir jetzt nicht mit der Weinflasche und Chris, ich steigere mich nur gern in etwas rein, es befriedigt mich auf eine perverse Weise wenn ich mich über jemanden aufrege, weil das gleichzeitig bestätigt das ich anders und besser bin als das Ziel meines Hasses.
Warum gaffen die Vollhonks mich alle so an? Na gut, ich bin sehe vielleicht ein bisschen fertig und vergammelt aus, meine Haare sind fettig und mein Jackett dreckig und voller-… oh fuck.
Ich stehe von den Stufen auf und gehe so nah mit meinem Gesicht an die Jungenfratze, dass ich aussehen muss wie ein Pädophiler der grade sein Äquivalent zu Scarlett Johansson erblickt hat. Endlich erkenn ich mein Spiegelbild schwebend über dem Gesicht des Jungen in der Scheibe. Mein ganzes Kinn ist von Blut verkrustet, Blut klebt an meinen Wangen und auf meiner Stirn zeichnet sich eine riesige Beule ab. Verdammt. Ich hab vergessen mich im Revier zu waschen, kein Wunder das die ganzen Affen so glotzen, ich sehe aus, als hätte ich mein Gesicht heute Morgen in einen Ventilator gehalten.
Ich will gerade überlegen wie ich wohl an einen Wasserhahn und einen Spiegel komme, als mir jemand sanft mit den Fingern in die Seite sticht. „Hey, Benny, wie …“ beginnt Tanja die Höflichkeitsfloskel, als ich mich umdrehe und sie den Unfall entdeckt der mal mein Gesicht war. „Oh Gott, wie siehst du denn aus?“. Ich schaue sie genau an, nicht fähig ein Wort herauszubringen. Sie sieht umwerfend aus. Sie war nie die dünnste aber das steht ihr höllisch gut, sie hat lange gelockte fast schwarze Haare, ist sogar kleiner als ich, 1,65 m und hat wenn sie lächelt eine Ausstrahlung die mich um den Verstand bringt. Ich sehe ihre kleine Narbe am Kinn, die hat sie von einem Schwimmbadunfall, als ein Junge sie auf den Beckenrand geschubst hat, das hat sie mir bei unserer ersten Verabredung erzählt.
Bitte nicht sie und nicht jetzt. Ich blicke aus Selbstschutz auf den Boden.
Seit sie die Scheidung eingereicht hat ist sie meiner Meinung nach noch hübscher geworden. Ist das nur, weil ich sie nicht mehr haben kann? Oder ist sie einfach glücklicher seitdem sie mich nicht mehr am Hals hat und wirkt daher attraktiver, ich weiß es nicht, ich glaube beides.
„Hallo? Ist alles okay?“. „Hey, weißt du was“ sage ich mit zitternder Stimme und den Blick starr auf meine Schuhe fixiert, „das funktioniert gerade nicht. Lass uns wann anders sprechen.“. Ich stecke meine Hände in die Taschen meines Jacketts und gehe an ihr vorbei. „Warte doch mal, bleib doch mal stehen, was ist denn los?“. Sie hält mich sanft am Arm. Ich fange mich emotional ein wenig, atme tief durch und beschließe ehrlich zu sein, manchmal ist das der beste Weg, meistens eigentlich. „Tanja, dass ist gerade der denkbar schlechteste Zeitpunkt für mich um genau mit dir zu sprechen.“ Ich lächele ein wenig.
„Was ist denn passiert?“ fragt sie erneut, als wenn sie nicht gehört hätte was ich gerade sagte. „Ach, wir waren nach der Beerdigung noch was trinken und da gab es ein bisschen Zoff mit ein paar anderen Typen“ man kann nicht immer ehrlich sein „nichts Weltbewegendes. Aber danke für deine SMS, hat mich sehr gefreut“ ich lächele wieder. Sie beäugt mich mehr als kritisch, wenn jemand weiß wie gut ich lügen kann, dann sie. „Aha, du siehst aber echt schlimm aus, warst du im Krankenhaus?“. „Bin ich gerade auf dem Weg hin, Bollo holt mich ab und fährt mich hin.“ „Kommst du gerade erst aus der Kneipe oder was? Dir klebt immer noch überall Blut im Gesicht, ich würde mich an deiner Stelle eh erstmal waschen bevor ich ins Krankenhaus gehe.“
„Mach ich, mach ich, aber Hübsche, ich muss jetzt echt los“. Als ihre Augen größer werden realisiere ich, was ich gesagt habe. Jetzt ist es zu spät sich dazu noch zu äußern. Ich ziehe einen imaginären Hut und gehe die Straße runter, in die Richtung aus der Bollo kommen müsste. Sie bleibt hinter mir zurück und sagt nur leise „Machs gut“.


Es ist Samstag. Ich habe meine Ausbildung bereits begonnen und überstehe das ganze nur mit regelmäßigen Besäufnissen am Wochenende. Wir treffen uns alle bei Chris zum Start einer Kneipentour. Die Jungs haben alle schon gestern ordentlich getrunken und sind dementsprechend angeschlagen. Ich musste gestern bis 22 Uhr arbeiten und war daher nicht in der Lage zu feiern und bin umso heißer das alles heute nachzuholen.
Ich freue mich tierisch auf die Kneipentour. In unserer kleinen Stadt hat man keine Wahl wenn man etwas erleben will. Das Rock on hat mittlerweile geschlossen und niemand hat großartige Lust in die nächste größere Stadt zu fahren, also klappern wir alle Kneipen im Umkreis der Reihe nach ab.
Als ich bei Chris ankomme ist die Gruppe um einiges größer als erwartet. Ein amerikanischer Austauschschüler namens Henry, aus Christians und Davids Schule, soll die deutsche Saufkultur kennen lernen. Da Austauschschüler, vor allem Amerikaner, sich immer sehr großer Beliebtheit erfreuen, ist dadurch die Gruppe immens angewachsen. Aus geplanten sechs Leuten sind nun zwölf geworden. Unter den mir unbekannten Menschen sind auch zwei Frauen die sich intensiv um Henry kümmern, ihm alles übersetzen und erklären.
Ich schnappe die Namen der beiden Mädels auf, Tanja und Jasmin, allerdings weiß ich nicht, wer wer ist.
Ich setze mich mit einem frisch geöffneten Bier an den großen dunklen Holztisch im Palweißschen Esszimmer. Da ich mich nun ein bisschen Fremd fühle und nicht genau weiß was zu tun ist um das so genannte Eis mit den Fremden zu brechen, setzte ich mich neben Bollo und beginne mich mit ihm zu unterhalten. Wir sitzen am Ende des Tisches dem Rest der Gruppe gegenüber. Er und ich hatten immer ein Talent dazu uns abzukapseln und in dem Makrokosmos der Gruppe einen Mikrokosmos unserer eigenen Gesprächsrunde zu erschaffen.
Während ich genussvoll die ersten Schlücke Bier trinke, genau genommen die halbe Flasche, sehe ich mir die beiden Mädels genauer an. Eins der Mädels wirkt unglaublich sympathisch, sie lächelt viel und hat einfach eine offenherzige Ausstrahlung. Die andere Dame sieht nicht so glücklich aus.
Sie setzt sofort ein künstliches Lächeln auf wenn sie jemand anspricht, nickt und lacht an den richtigen Stellen, aber sobald ihr niemand mehr Aufmerksamkeit widmet, schaut sie aus als wäre sie jetzt am liebsten überall anders, nur nicht hier. Wie um sich selbst abzulenken schaltet sie sich immer wieder in das Gespräch mit dem Austauschschüler ein, auch da nicht ohne die gespielte gute Laune. Ich bin erstaunt davon, wie gut sie einfach umschalten kann. Es ist als würde man beim Fernseher den Sender wechseln, dort läuft gerade Grease und zack, auf dem anderen Sender Schindlers Liste.
Langsam wird mir mein Beobachten unangenehm und ich wende mich wieder voll dem Gespräch mit Bollo zu, welcher mir gerade sein Unverständnis darüber mitteilt, das ein Amerikaner so gottverdammt interessant sei. Tatsächlich hat sich jegliches Gespräch an dem länglichen Tisch kegelförmig auf Henry ausgerichtet. Alle außer Bollo und ich, welche ihm gegenübersitzen, folgen den Ausführungen Henrys und schauen in seine Richtung.

Als ich drei bis vier Biere geleert habe fassen alle den Entschluss, dass es jetzt an der Zeit sei loszuziehen und die Tour offiziell zu starten.
Wir gehen in mehreren dreier Reihen die Bürgersteine und Straßen in Richtung der ersten Kneipe entlang. Einige, welche schon früher bei Chris waren als ich, sind schon ziemlich angesoffen. Ich reihe mich ganz rechts bei Leppert und Chris ein und höre mit dem ihnen abgewandten Ohr Walkman. Während mir Me First and the Gimme Gimmes ihre Coverversion von Walking on Sunshine in Mono, ohne den charakteristischen Bass vorspielen, trinke ich immer wieder den Schaum von meiner halben Liter Flasche Wolters ab. Ich mag Bier, wirklich und vor allem Flaschenbier, aber es ist nicht dafür gemacht um es in Bewegung zu trinken.
Mal abgesehen davon, dass es sich bei uns eh gerade eingebürgert hat, dass man mit seinem Flaschenboden auf die Öffnungen der Flasche des Gegenübers schlägt, um ihn aufgrund des Übersprudelns zum Trinken zu animieren, ist es echt ätzend Flaschenbier als Wegproviant zu benutzen. Dafür sind Dosen um einiges besser geeignet.
Ich öffne meinen Mund und will gerade meine Gedanken verbalisieren, als Leppert auf die vor uns gehenden Mädels welche Henry in ihrer Mitte haben zeigt und sagt: „Ist jetzt eine von denen mit dem Ami zusammen?“ „Eine von denen?“ fragt Chris verständnislos. „Na ja, wie sagt man das, die sind doch beide-…ähm… spaltbares Material, da darf man sich doch mal erkundigen.“ „Nein, sind beide nicht mit ihm zusammen, obwohl sich angeblich was zwischen ihm und Jasmin anbahnt.“.
Ich lausche dem Gespräch und versuche mir immer noch klar zu machen, welches Mädchen welches ist. Fragen kann ich nicht, aus Angst mir würde vorgeworfen ich würde mich speziell für eine der Beiden interessieren. Und das ist natürlich Quatsch ich bin bei beiden gleich neugierig.
Hm, Jasmin klingt südländisch, dunkelhaarig sind beide aber keine sieht südländischer als die andere aus.
„Ich hasse diese Stadt, guckt euch das an, es ist Samstagabend und hier ist keine Sau!“ Leppert beginnt eine Rede zu halten, welche mich dezent an Mel Gibson in Braveheart erinnert. Er spricht davon wie unsere kleine Industriestadt aussterben wird, wie alle Studenten wegziehen, weil wir keine Uni haben, wie hier dann nur noch ungebildete Proleten rum rennen und das es jetzt an uns ist, noch ein paar Jahre Leben hierher zu bringen. Wir müssten im Jugendzentrum selbst lokale Bands einladen, unsere Freunde überreden nicht immer zum Feiern wegzufahren und vor allem regelmäßig herkommen, falls wir wegziehen. Das sei unsere Stadt, steigert er sich da ein bisschen rein und das solle, müsse sie auch bleiben. Er erkennt selber die Melodramatik in seiner Rede, springt unelegant auf eine Parkbank an welcher wir vorbei kommen und ruft „Und jetzt Säufer, saufen wir!“.


Ich sitze mit Bollo oben auf einem Aussichtshügel über unserem Ort, nachts wird das hier nicht ohne Grund Bumsparkplatz genannt. Auf der Fahrt hierher haben wir kaum gesprochen, Bollo sitzt neben mir auf der Bank und dreht gerade die Tüte fertig. Er hält mir den durch jahrelange Übung perfekt gedrehten Joint hin und ich zünde ihn an.
Ich ziehe kräftig, atme tief ein und wieder aus, der Luftzug erinnert mich wieder Schmerzhaft an den abgebrochenen Zahn. Rauch steigt vor uns auf. Ich bin Nichtraucher und schon allein der Tabak macht meinen Kopf schwer, die Wirkung des Ganjas tut ihr übriges. Als ich die Tüte an ihn weiterreiche schaut Bollo mich lächelnd an. „Alter, du siehst so fertig aus, hättest dich auch kurz bei mir waschen können“. „Ach, jetzt ist auch egal.“.
Wir sitzen wortkarg nebeneinander. Wir haben, wie für Männerfreundschaften üblich, nie über unsere Gefühle gesprochen oder ähnliches. Ich weiß, dass er sich um mich sorgt und das ist seit Tagen das beste was mit passiert ist, egal wie viel Scheiße ich baue, Bollo hat mich immer irgendwie verstanden.
Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen, meine Zunge ist nicht zuletzt durch das THC ein bisschen gelockert, außerdem erscheint mir die ganze Situation jetzt nicht mehr ganz so Katastrophal. „Hat Lepperts Familie noch irgendwas gesagt? Wegen meinem…“ ich suche das richtige Wort „… Malheur?“. Er beginnt zu grinsen, so wie jemand grinst, der zwar gleich auf den elektrischen Stuhl kommt aber noch einmal einen richtig guten Witz zu hören bekommt. So eine Art Galgenhumor.
„Malheur? Du bist gut, ich würde es ein Desaster nennen.“ Er gibt mir wieder den Joint. Ich atme tief ein und antworte mit gedrückter Stimme: „Was kann ich denn dafür, wenn der Pfarrer aussieht wie der letzte Idiot und dabei auch noch mit Filmzitaten um sich schmeißt“. Er schaut mich kurz verwirrt an und antwortet dann auf meine ursprüngliche Frage. „Begeistert waren sie verständlicher Weise nicht, am angepisstesten war aber mit Abstand Chris, die Familie und so, die waren mehr verwirrt und schockiert“. Das sitzt. Mein schlechtes Gewissen kommt wie eine Dampfwalze zurück und fährt durch meine Eingeweide. „Ja, das mit Chris hab ich mitbekommen“. Wieder schaut mich Bollo fragend an, aber diesmal auf eine Antwort wartend. „Was glaubst du denn warum ich so fertig aussehe?“. „Ich dachte du hast dich mit den Bullen in die Haare bekommen?!“. „Aber erst nachdem Chris und ich…-… aneinander geraten sind.“.
Ich erzähle Bollo, wie ich nach meinem Abgang von der Beerdigung zur Bank bin, 120 Euro abgehoben habe und dann anfing durch unsere alten Stammkneipen zu ziehen, wie mich Christian im Irish Pub fand und von der Prügelei.
Ich überlege kurz ob ich die Lambruscoflasche unter den Tisch fallen lasse, aber das erfährt er früher oder später sowieso. Seine Augen werden größer, als ich ihm erzähle wie ich vor hatte Chris die Flasche über den Kopf zu ziehen und er nimmt einen tiefen Zug, die Tüte ist nun fast aufgeraucht. Als ich mit dem Erwachen im Polizeirevier ende, schaut er mich leicht grinsend an, er hat leicht gerötete Augen von dem Joint und das erste Mal merke ich wie alt er geworden ist. „Was ist denn nur mit dir los?“ fragt er mich direkt. „Ich weiß es nicht, wirklich nicht. Die Ereignisse haben sich irgendwie überschlagen, die Sache mit Tanja, Lepperts Tod, die Beerdigung. Das ist mir alles außer Kontrolle geraten.“. Er sieht mich lange an, er weiß genauso wenig was er dazu sagen soll wie ich und sagt dann: „Ich glaub ich bau noch einen oder?“. Ich horche kurz in mich hinein, ich bin eigentlich schon viel zu dicht. „Ja, gute Idee.“



Der Abend rast an mir vorbei. Wir sind bereits im vierten Laden, es ist gerade eins geworden und die ersten Opfer sind zu beklagen. Der Amerikaner Henry, welcher übrigens auf alle außer Bollo einen netten Eindruck gemacht hat und dieser mag ihn nur nicht, weil er kaum ein
Wort Englisch spricht, geht zusammen mit einigen anderen der unbekannteren Gesichter nach Hause.
Wir haben ihn abgefüllt wie es sich gehört. Inklusive einiger Späße auf seine Kosten. Es ist einfach sau lustig wenn jemand mit amerikanischem Akzent eine Kellnerin fragt: „Haben sie einen dicken Schwanz?“. Vorpubertär? Ja, aber zum wegschmeißen komisch.
Zurückgeblieben ist nun meine geliebte Dreiergruppe inklusive der beiden Mädels, die ich mittlerweile auch namentlich zuordnen kann. Außerdem hab ich herausgefunden, dass Jasmin, die Dame die anfangs so sympathisch wirkte, ein ziemlich von sich selbst überzeugte Tante ist, mit der man nicht länger als vier Minuten sprechen kann, ohne danach den Drang unterdrücken zu müssen sie zu erwürgen.
Sie war ebenfalls Austauschschülerin, aber in Amerika und schmückt ihre Sätze mit englischen Wörtern um ihre Multilingualität zu unterstreichen. „Vor allem die ganzen Boys in Los Angeles sind mehr als nur cute, wirklich sexy Kerle da drüben, kein Vergleich zu deutschen Männern.“ . Oh Gott, ja so machst du dich bestimmt beliebt an einem Tisch mit vier Typen.
Ich schlage vor mal einen Kurzen dazwischen zu schieben, worauf mit einem dummer Kalauer und geeintem Kopfschütteln geantwortet wird. Nur Tanja, welche mir auf einmal gegenüber sitzt und bei der nur noch Schindlers Liste gezeigt wird, fragt mich was ich denn trinken wolle. „Jägermeister? Tequila? Mir egal.“. Sie entscheidet sich für Jägermeister und bestellt zwei. Ich bemerke, dass Chris ziemlich fertig aussieht, er nippt immer noch an seinem ersten Bier in diesem Laden und wirkt mehr als nur müde. David ist schon ziemlich voll, für seine Verhältnisse nichts besonderes, nur neigt er auch dazu gerne mal früher zu gehen. Selbst Bollo macht einen sehr angeschlagenen Eindruck und langsam erfasst mich die Angst, dass die vielleicht bald alle nach Hause wollen.
Ich haue Chris leicht meinen Ellbogen in die Seite und fordere ihn auf Schnaps zu trinken, damit der Motor auf Touren kommt. Er lehnt grunzend ab.
Pünktlich zum eintreffen des Jägermeisters, sagt Chris, dass das nun sein letztes Bier (immer noch sein erstes) sei, heute würde da nicht viel gehen. Und die Lawine geht los. David stimmt zu das er sich auch gleich auf den Weg machen würde und Bollo bekommt so noch seinen letzten Bus, welcher auch in Jasmins Richtung fährt (und hoffentlich bis durch in die Hölle). Ich versuche es mit einem letzten Appell: „Das ist doch jetzt nicht euer scheiß Ernst oder? Ich freu mich den ganzen Tag aufs Saufen und ihr macht um eins schlapp, während ich gerade mal angeschlagen bin. Komm bisschen geht doch noch. Bollo kannst auch bei mir pennen…“ er schüttelt sofort mit dem Kopf „… ich hab keine Lust alleine weiter zu trinken und aufhören will ich auch nicht.“.
„Zähle ich nicht? Ich will auch noch nicht nach Hause.“. Ich schaue blinzelnd Tanja an. „Dann lass doch die anderen People nach Hause gehen, wenn sie meinen, dass sie nicht mehr können.“ Hat sie gerade Jasmin verarscht? Ich traue meinen Ohren nicht. Ich lächele sie an und halte ihr meinen Jägermeister entgegen. „Ich bin dabei“. Wir stoßen an und während ich den pisswarmen Kräuterschnaps trinke, sehe ich den verwirrten Blick Jasmins, die zwar kapiert hat das sie gerade nachgeäfft wurde, aber keine Ahnung hat wie sie darauf reagieren soll.


Wir haben die zweite Tüte beinah ohne zu sprechen geraucht. Nachdem sie abgebrannt ist fragt mich Bollo was ich jetzt vorhätte. „Duschen steht ganz oben auf meiner Liste“. „Ich meine wegen den Lepperts und Chris“, sagt Bollo ernst. „Ich hab keine Ahnung man, nicht die geringste. Kann man sich für so etwas bei den Angehörigen entschuldigen?“. „Kann ich dir nicht sagen, ich wüsste nicht wie“ nimmt er mir die letzte Hoffnung. „Hast du Urlaub?“ frage ich. „Ja schon, wieso?“. „Wir könnten bei mir zwei drei Bier trinken heute Abend oder noch was rauchen. Vielleicht einen Film gucken?“. „Nee, ich muss das ganze erstmal verdauen, werde nichts machen, ich fahr dich gleich zu deiner Karre und dann geh ich wieder pennen.“
Ich will heute nicht alleine sein, kann ihm das aber auch nicht sagen, wie wirkt denn das? Außerdem sagte er schon, dass er alleine sein will, also würde ich mich nur aufdrängen wie ein weinerlicher Idiot. Dennoch wird mir mehr als unwohl bei dem Gedanken alleine in meiner neuen Wohnung zu sitzen.
„Stimmt schon, bisschen pennen würde mir auch gut tun.“ Sage ich mit einem gespielt lockeren Ton.



Fortsetzung (das Kapitel geht noch weiter) folgt...
 
Besucherzähler