Montag, 12. Oktober 2009

Filmriss Teil 7 b)

Fortsetzung des Kapitels 7 "Schorf"

Nachdem sich alle verabschiedet hatten und ich einige noch lächelnd als Pussys und Memmen bezeichnet hatte, bin ich mit Tanja allein. Die Situation ist mir unangenehm. Ich kenne sie kaum und spüre das nahende Desaster des peinlichen Schweigens. Lange kann das hier nicht gut gehen.
„Und was machen wir jetzt? Hier noch was trinken oder weiter ziehen?“ fragt sie mich lächelnd. Dieses Lächeln ist anders, es ist kein Grease grinsen, es ist ein ehrliches Lächeln. Ich weiß zwar nicht genau was geschehen ist, allerdings glaube ich tatsächlich das sie nun um einiges besser gelaunt ist als davor. Sie sieht unfassbar anziehend aus, mit diesem ehrlichen Lächeln aber den Gedanken schiebe ich besser mal ganz weit weg.
„Hm, von mir aus können wir hier noch eins trinken und die Tour als Duo fortsetzen“ Antworte ich vermeintlich locker.
Als wir das Bier ausgetrunken haben, machen wir uns auf den Weg. Wir unterhalten uns ein bisschen und ich gebe mich so ehrlich wie nötig und so sympathisch wie möglich.
Das impliziert nicht einmal zwingend das ich lüge. Es ist mehr ein Abschwächen oder Betonen bestimmter Punkte, Meinungen und Charakterzüge. Ich merke wie viel mir daran liegt, dass sie mich mag. Während sie mir erzählt wie unausstehlich sie Jasmin findet seitdem diese wieder aus Amerika zurück ist, frage ich mich wo diese extreme Sympathie herkommt, die ich für dieses Mädchen habe. Es hat definitiv etwas mit ihrer Art zu sprechen zu tun. Ich meine sie ist hübsch, keine Frage aber so richtig interessant fand ich sie erst ab dem Zeitpunkt an dem ich begonnen habe mich mit ihr zu unterhalten.
Immer wieder wandert mein Blick in ihr Gesicht, sie erzählt mir das sie Chris und die anderen kennt aber mich nicht, ob ich nicht aufs Gymnasium ginge, was ich stattdessen tun würde. Ich erzähle ihr von meiner Ausbildung in dem schäbigen Handwerksbetrieb und analysiere immer noch, was daran so toll ist wie sie spricht. Während man mit ihr redet, hat man das Gefühl das sie zu einhundert Prozent ehrlich ist, unfassbar natürlich und einfach sagt was sie denkt.
Sie wirkt wie das Gegenteil von mir, anstatt jeden Satz, bevor man ihn ausspricht zu drehen und zu wenden und sich über jedes einzelne Wort und deren verschiedenen Bedeutungsebenen klar zu werden, um schon von vorneherein auf jedes mögliche Missverständnis vorbereitet zu sein, scheint sie einfach drauflos zu sprechen, ohne jegliche Scham, ohne die Befürchtung irgendwas dummes oder einfältiges zu sagen und das tut sie auch nicht.
Es stellt sich heraus, dass sie gerade erst sechzehn geworden ist. Meine Begeisterung für diese Person wächst, genauso wie mein Respekt. Sie ist fast zwei Jahre jünger als ich und ich war in ihrem Alter nicht annähernd so abgeklärt, aufgeweckt und intelligent und bekomme das Gefühl ich bin es jetzt auch noch nicht. Ein wenig deprimiert von den Erkenntnissen, dass ich dem faszinierenden Mädel neben mir wahrscheinlich nichts zu bieten habe und es keinen Grund für sie gäbe in mir mehr als einen Saufkumpanen zu sehen, beteilige ich mich wieder aktiver am Gespräch, um nicht in meiner Schwärmerei zu ertrinken (obwohl es dafür schon zu spät ist). Um mich auf andere Gedanken zu bringen, höre ich mit einem Ohr wieder Walkman…

„And I swear it’s the last time and I swear it’s my last try, and we’ll walk in circles around this whole block. Walk on the cracks on the same old sidewalks and we’ll talk about leaving town. Yeah we’ll talk about leaving” ertönen Less Than Jake aus den serienmäßigen Frontboxen meines Fiats, während ich den Motor starte und ausparke. Autofahren mag nach gerade Konsumiertem nicht die beste Idee sein, aber eine andere Wahl hab ich nicht wenn ich Nachhaus kommen will. Ich fahre vorbei an der Wohnung meiner Mutter, überlege aber nicht eine Sekunde ob ich anhalten soll. Ich fahre auch an dem Hause Palweißer vorbei, dann auf die Autobahn in Richtung meiner neuen Wohnung, welche ein wenig außerhalb liegt. Meine Heimatstadt völlig zu verlassen, geschweige denn das Bundesland ist mir nie wirklich gelungen.

Mittlerweile sind Tanja und ich ziemlich voll. Wir hocken in einer meiner Stammkneipen, einem Irish Pub, haben jeder einen Tequila und einen Jägermeister sowie ein großes Bier vor uns stehen. In der Kneipe gibt es die so genannten „Fensterplätze“, eine Reihe von jeweils einem Tisch und zwei Bänken. Wir sitzen uns an einem dieser Tische gegenüber. Ich erzähle ihr lauter lustige Geschichten, Gerüchte und ähnliches.
Nicht zwingend um mich beliebt zu machen, mehr um sie Lachen zu sehen. Mittlerweile bin ich, auch aufgrund meines Alkoholkonsums, fest davon überzeugt schrecklich in sie verliebt zu sein. Ich bin schwer begeistert von ihrem Lächeln und ihrem Lachen (nur von dem ehrlichen, das Grease-Lächeln wirkt mir zu Puppenhaft und gespielt), vielleicht weil sie sparsamer damit umgeht, als viele Frauen die ich bisher kannte. Während sie nun aufsteht und ins Bad geht, packen mich das erstmal niedere Gelüste.
Ich sehe ihre Beine, ihren Hintern und wäre gerade nirgendwo lieber als mit ihr hier. Ich trinke schnell meinen Jägermeister und den Tequila hinterher, habe kurz mit dem Würgereiz zu kämpfen, schaffe es aber genau mir noch schnell zwei neue zu holen bevor sie von der Toilette zurück ist. Das perfekte Verbrechen.
Nun passiert etwas, womit ich gar nicht umzugehen weiß. Sie setzt sich neben mich.
Wir haben uns seit einer Stunde gegenüber gesessen und ich kam super mit der Situation klar. Nun stellt sie sich neben die Bank auf der ich sitze und wartet darauf, dass ich weiter reinrutsche und ihr Platz mache. Zwei Leute sitzen sich immer gegenüber, wenn die Möglichkeit besteht, außer sie sind ein Paar und das sind wir auf keinen Fall, also was soll das? Mit einem leichten Unbehagen rutsche ich so nah an die Scheibe wie möglich. Sie setzt sich neben mich und zieht ihre Getränke zu sich ran. Ich sehe im Augenwinkel, dass sie mich anschaut, starre aber weiter auf mein Glas, da diese neue Konstellation mich mehr als nur überfordert.
„Dreh dich mal um bitte.“ Sagt sie und ich versteh überhaupt nicht, was das jetzt soll. Ich beginne leicht zu zittern und drehe mich zu ihr, schaue ihr einen Moment in die Augen und dann durch ihr Gesicht hindurch, indem ich einen Imaginären Punkt hinter ihr fixiere. „Nein“, sagt sie lächelnd „ich mein zum Fenster hin.“ Immer noch verwirrt, wende ich mich zum Fenster und schaue auf die Fußgängerzone und dem gegenüberliegenden CD-Laden hinaus. Sie packt mich sanft, mit einem gespielt genervtem Aufstöhnen und dreht mich so hin das sie meinen Rücken sehen kann. „Ach, das ist Pennywise.“ Ruft sie aus und erst da verstehe ich.
Ich trage einen Kapuzenpullover, der in der Front nur einen vermummten Autonomen zeigt, welcher in einer Sprechblase „Fuck Authority“ brüllt, der Name des neuen Albums und erst
hinten steht der Bandname. „Ich mag Pennywise, vor allem Straight Ahead.“ Ich glaube, sie hat das Gespräch über Pennywise begonnen, weil sie gemerkt hat, wie unwohl ich mich gefühlt habe und ich nehme das Angebot dankend an.
Wir reden über die Vor und Nachteile des Albums und dann zeige ich ihr auf meinem Walkman, die Singleauskopplung von Fuck Authority. Erst als das Lied vorbei ist, merke ich wie Kitschig das ist, dass wir hier nebeneinander sitzen und uns die Ohrhörer teilen. Das ist das Neuzeit-Pendant zu dem Milchshake mit den zwei Strohalmen oder den Susi und Strolch Spagetti.
Dennoch gefällt es mir, trotz allem Unbehagen, aufgrund meiner eignen Hilflosigkeit, so nah bei ihr zu sitzen. Als ich sie anstarre, während sie dem Beginn des nächsten Liedes zuhört, entdecke ich eine kleine vernarbte Stelle an ihrem Kinn. „Woher kommt die kleine Narbe?“ frage ich vorsichtig, in der Hoffnung, dass es nicht unhöflich klingt und vor allem, weil es mich wirklich interessiert.

Ich finde mal wieder keinen gescheiten Parkplatz und stelle daher mein Auto knapp fünf Minuten Fußweg weit von meiner neuen Wohnung ab. Das kurze Zusammentreffen mit Tanja, hat die alten Wunden viel stärker aufgerissen als ich gedacht hätte. Sie geht mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Bevor ich aber wieder in Selbstmitleid versinken kann, wie ich das denn hinbekommen hätte diese Beziehung zu zerstören usw., erreiche ich die Wohnungstür. Noch bis vor vier Monaten habe ich mit ihr zusammengewohnt, wir waren sogar verheiratet. Nur zwei Jahre, aber immerhin. Ich schlürfe an Kartons voller Bücher vorbei, welche ich immer noch nicht ausgepackt habe und lasse mich in meinen Sessel fallen. Nach kurzem Überlegen stehe ich wieder auf und hole eine Glasflasche voll Milch aus dem Kühlschrank. Während ich die kalte Milch genieße, muss ich immer noch an sie denken. Daran, dass sie kein schlechter Mensch ist, sie war immer ehrlich zu mir, hat nicht vor mir das bisschen Geld was ich verdiene aus der Tasche zu ziehen und wir haben unsere zusammen gekauften Besitztümer fair getrennt. Diese ganze Trennung ging ohne Geschrei, Streit oder Schlammschlacht von statten. Im Nachhinein glaube ich, war genau dies das Problem. Ich höre mich in einem Selbstgespräch (die führe ich seit unserer Trennung immer öfter) sagen: „Die Vergangenheit ist vorbei. Das weiß ich. Die Zukunft, ist noch nicht hier, wie sie auch sein wird. Also, ist alles was es gibt, dass hier. Die Gegenwart. Das ist alles.“. ein Zitat aus Broken Flowers, einem meiner Lieblingsfilme, nur leider bin ich so weit weg von Bill Murray wie nur irgend möglich. Bill Murray flennt auch nicht, wenn er an seine Exfreundin denkt und lacht nicht auf der Beerdigung seines Freundes.

Fortsetzung folgt...

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

 
Besucherzähler