Donnerstag, 29. Oktober 2009

Filmriss Teil 9

Ich, Prinz Porno

9


ob ich dir Glück wünsch oder nicht,
das weiß ich nicht.
allein nur der Gedanke daran
ist für mich einfach fürchterlich
No Exit – Ohne dich



Es nieselt ein wenig, als ich frisch geduscht und mit noch feuchten Haaren in mein Auto steige. Ich schaue in den Innenspiegel und fühle mich wieder ein bisschen wie ein Mensch. Ein paar Blessuren sind mir natürlich geblieben. Die Beule auf meiner Stirn kommt mir golfballgroß vor und meine Nase ist stark geschwollen. Außerdem plagen mich immer wieder stechende Kopfschmerzen. Meinen abgebrochenen Zahn vergesse ich so lang, bis ich mit der Zunge gegen ihn stoße.
Es ist 1:47 Uhr als ich den Motor starte und die Armaturen aufleuchten. Das Radio, welches das Tape ausspuckt, dass zu Ende gelaufen ist, springt zurück auf den voreingestellten Classic-Rock-Sender. Lou Reed singt „Walk on the Wildside“, bevor das Lied mit dem charakteristischen „doop, doo doo, doo doo, doop doo doo“ und dem Saxophonsolo ausklingt.
Während der Autofahrt kämpfe ich noch mit verschwommenen Erinnerungen an meinen Traum. Ich versuche mich zwanghaft an den großen Zusammenhang des ganzen, als auch an den Typen zu erinnern, dem der Fänger im Roggen abgenommen wurde. Keine Chance, wie gelöscht.
Meine Gedanken springen hin und her wie die Nadel in einer kaputten Schallplatte. Ich frage mich kurz was Tanja eigentlich jetzt genau will? Ich hab ihr gesagt wir könnten uns bei ihr treffen. Ich wollte nicht, dass sie sieht, dass ich es in vier Monaten nicht fertig gebracht habe richtig einzuziehen. Was könnte sie von mir wollen? Und warum klang sie so extrem ernst? Ich hab keinen blassen Schimmer und hätte eigentlich auch Anderes zu tun, ins Krankenhaus zu fahren, mich bei den Lepperts und Chris zu entschuldigen, fertig einzuziehen und Ähnliches, aber ich konnte ihr noch nie eine Bitte abschlagen. Ich bin halt doch nur ein abgerichtetes Schoßhündchen.
Der Radiomoderator, wie jeder seiner Gattung einzigartig unlustig, erzählt irgendeine Guns`n`Roses Anekdote und schon beginnt „Knocking on Heavens Door“. Viel zu abgedroschen jetzt. Ich höre lieber mein Tape weiter, drehe es um und drücke auf play.

Als ich vor Tanjas Wohnung ankomme, muss ich erst einmal ruhig im Auto sitzen bleiben. Ich schalte die Innenbeleuchtung an, klappe die Sonnenblende herunter, atme tief durch und betrachte mich im Spiegel. Ich binde mir meinen Zopf neu und bemerke dabei, dass meine Hände zittern. Als ich mir eine abhanden gekommene Haarsträhne wegwische, streiche ich über die kleine weiße Narbe, welche sich direkt zwischen meinen Augenbrauen befindet.


„So, du weißt jetzt wo meine Narbe her ist, jetzt will ich auch wissen wo die da herkommt.“ Sagt sie und tippt mit ihrer Fingerspitze genau zwischen meine Augenbrauen. „Nun gut, weil dus bist.“ Antworte ich und muss mich dabei stark anstrengen nicht zu sehr zu lallen. „Das war Leppert. Nein, wirklich! Wir warn am See, also alle zusammn. Wir hatten uns jede Menge dieser kleinen fünf Liter Fässer gekauft. Und nach dem zweiten oder drittn, kam jemand auf die grandiose Idee Football damit zu spielen. Also haben wir uns da auf die Wiese gestellt und mit nem Fass Football gespielt. Das ging auch alles noch ganz tutti, aber wir waren halt auch schon ziemlich abgedichtet. Irgendwann also, läuft Leppert so ein Soloding, obwohl er Tagesvollster ist, schmeißt sich hin und macht nen Punkt. Touchdown. Wie auch immer du das nennen willst. Er liegt da, neben mir und krallt sich an diesem Fass fest. Steht einfach nicht auf, liegt da immer weiter rum. Dann beug ich mich runter und will ihm gerade meine Hand hinhaltn um ihm aufzuhelfen, als er irgendwas brüllend, dass Ding zu Chris schmeißen will, welcher hinter mir steht, weil Leppert so voll ist, dass er nicht bemerkt das der Spielzug schon lange vorbei ist. Hat nicht so funktioniert der Pass, hat mir das Ding voll ins Gesicht geworfen. Natürlich gleich schön Platzwunde. Alle haben übelst die Panik geschoben und mir erzählt, wie schlimm das aussieht und dass ich auf jeden Fall genäht werden müsste. War natürlich Quatsch. Als ich dann total storno im Krankenhaus ankam, haben die das nur geklebt. Nun gut, die Narbe hab ich behalten.“ Im Laufe der Erzählung begann sie zu lachen und sieht mich jetzt schmunzelnd an. „Ihr seid ja ganz schöne Idioten. Selber schuld. Also tschuldige, aber das ist echt dämlich.“

Der Rest des Abends zieht schnell und zunehmend verschwommen an mir vorbei. Ich bin mittlerweile total voll, wie so oft von einem Moment auf den anderen und verliere die Kontrolle über mein Sprachzentrum und beginne ihr vorzubrabbeln wie sympathisch und hübsch sie ist. Ich meine, dass stimmt aber es ist dennoch alles andere als charmant wenn jemand der beim Pissen kaum noch das Klo trifft ihr das vorblubbert. Im Geiste bin ich noch ein wenig klar, nur leider nicht fähig das auf den Rest von mir zu transportieren. Alles was ich sage, hört sich vorher in meinem Kopf gut und interessant an, sobald ich es aber ausgesprochen habe kommt so was wie „ Deine Augen sind total groß“ dabei heraus. Ein großes Problem ist auch, dass sie eindeutig nüchterner ist als ich. Sie ist daran interessiert ein Gespräch aufzubauen, vielleicht eine richtige Diskussion, was weiß ich, aber ich bin zu nichts mehr zu gebrauchen. Sie beginnt über die Uhrzeit zu reden, darüber das es schon fast sechs sei und sie sich ein Taxi rufen müsse. Ich schlage ihr vor das sie bei mir pennen könne und dann morgen in aller Ruhe nachhause fahren könnte. Ich schaffe es noch, ihren misstrauischen Blick zu interpretieren und versichere ihr, dass ich in meinem Sessel penne und sie mein Bett haben kann. Sie lächelt wieder und willigt ein, unter Bedingung, dass wir morgen zusammen frühstücken und ich sie zum Bus bringe.
Wir bezahlen und gehen zu mir, beim Spaziergang schaffe ich es kaum die Spur zu halten und stoße immer wieder gegen sie. Sie lächelt nur, hakt sich bei mir unter um mich so zu stützen.
Wir sind bei mir, sie sagt sie geht ins Bad, ich setzte mich inklusive meiner Jacke in meinen Sessel und schlafe sofort ein.

Ich steige aus meinem Auto und gehe auf die Tür zu. Als ich auf den Taster für das Licht drücke, stehe ich noch einen Moment unter der Lampe mit den Klebeziffern 1 und 9 und sammele meine Gedanken, bevor ich mich traue den Klingelknopf zu betätigen.

Als ich die Treppen zu Tanjas Wohnung hochsteige, steht sie schon im Türrahmen. Im ganzen Haus ist es unheimlich still, man hört nur mein leichtes Atmen. Sie nickt mir mit einem traurigen aufgesetzten Lächeln zu und betritt ihre Wohnung. Ich säubere meine Schuhe mit Hilfe von Tweetys Gesicht auf einer Fußmatte und folge ihr. Als ich die Tür schließe sagt sie nur „Hi, setz dich schon mal ins Wohnzimmer, bin gleich da“. Ich überlege kurz ob ich die Schuhe ausziehen sollte, entscheide mich dann aber dagegen. Ich begebe mich in das liebevoll eingerichtete Wohnzimmer mit lauter Fotos von Freunden und sonstigem Nippes. Mit den Händen auf den Rücken, wie der Stereotype Museumsbesucher, nähere ich mich einer großen Glasvitrine in der Unmengen weiterer Fotos zu finden sind. Sowohl in Bilderrahmen ordentlich aufgestellt, als auch an die Rückwand gepinnt, oder an die Glasscheibe geklebt. Ich entdecke nur ein Foto auf dem ich zu sehen bin. Kein Wunder, ich bin auch immer jeglichen Fotos aus dem Weg gegangen, ich hasse die gestellten Posen und das aufgesetzte Lächeln das man auf solchen einnimmt. Auf dem Foto stehe ich mit hochrotem Kopf und einer Hand vor dem Mund neben Leppert, welcher rauchend in kurzer Hose auf einer Tischkante sitzt während ein Mädel, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnern kann, mit einer Pinzette vor ihm kniet.


Wir sind alle auf einer Party von einer Bekannten. Jessica ist ein Lehrerkind und ein ziemliches liebes Mädel, wir kennen uns zwar nicht ziemlich gut, aber sie ist ganz nett. Das Haus ihrer Familie ist etwas Außerhalb und in meinen Augen ein Palast. Ein riesiger Wintergarten, voll mit allerhand Pflanzen und der Rest des Hauses sehr modern eingerichtet. Ihre Eltern sind heute auf einen Wochenendtrip nach Paris aufgebrochen und da Jessi mit Chris auf dieselbe Schule geht, haben wir es alle irgendwie auf die Party geschafft.
Tanja kommt auch noch, ich hab sie seit unserer Duo-Tournee nicht mehr gesehen. Wir waren am nächsten morgen was essen und ich hab sie wie versprochen zum Bus gebracht. Dennoch war der Morgen danach komisch, sie war eigenartig. Ich fand sie immer noch hinreißend aber sie hat nur kurz angebunden geantwortet und quasi nichts von allein erzählt. Wir haben uns umarmt und ich hab mich nicht getraut nach ihrer Telefonnummer zu fragen. Das ist jetzt drei Wochen her und heute sehe ich sie wieder.
Es ist Freitag und eigentlich vermeide ich Freitagssauferein, erschöpft von der Arbeit und ermüdet dank meines üblichen sechsstündigen Schlafs, bin ich dann sehr anfällig für peinliche Abstürze. Heute bin ich eigentlich nur hier, weil ich erfahren habe, dass sie auch hier sein wird, aber mein Motiv ist natürlich unbekannt. Ich habe auch keinem erzählt das sie bei mir geschlafen hat, dann wären nur lauter blöde Fragen gekommen, auf die ich alle hätte mit „Nein“ antworten müssen, das wäre nicht gut für mein Ego.
Die Party kommt ziemlich schnell in Gang, ich stehe draußen und leiste Leppert während dieser raucht Gesellschaft.
„Ich war gerade am Kühlschrank“ nach einer bedeutungsschwangeren Pause und einem weiteren Zug fährt er grinsend fort: „Bier ist genug da, aber Ben, da sind nur noch drei Flaschen Wodka, deswegen sollten wir as soon as possible uns davon mindestens eine Bunkern.“. „Bunkern ist aber immer ziemlich assi, hab nicht so den Drang mich hier jetzt großartig unbeliebt zu machen.“ Antworte ich vor allem in Hinblick auf Tanjas späteres erscheinen.
Nach einem darauf folgendem halbstündigem Diskurs (Tanja ist immer noch nicht erschienen und in mir keimt der Verdacht, dass sie das auch nicht mehr wird), in dem wir uns letztendlich darauf einigen konnten, dass der Vorwurf des Bunkerns uns nicht gemacht werden könnte wenn wir nur mit einer Flasche nach draußen verschwinden würden und sie relativ zügig leeren würden, anstatt sie unter unserem Tisch oder ähnlichen zum verstecken, stehen Bollo, Leppert und ich mit einer Flasche Sprite und einer Wodka im Garten von Jessica. Ich bekomme gerade die Flaschen, um wie die Beiden vor mir, zwei Mal aus der Sprite und dazwischen einmal aus der Wodkaflasche zu trinken. Als ich ansetzen will, fährt mich Leppert an: „Bist du total bescheuert?!“. Er reißt mir beide Flaschen aus der Hand, tauscht sie und gibt sie mir wieder. „Es heißt links-rechts-links, nicht rechts-links-rechts.“. „Wo ist der verfickte Unterschied? Es ist doch jetzt wohl Scheißegal wie rum ich das trinke.“, antworte ich. „Der Unterschied ist, das rechts-links-rechts keinen Sinn macht und es Tradition ist links-rechts-links zu trinken.“. „Tradition?“, „Ja, es ist ne Bundeswehrverarsche, links-rechts-links, klingelts da nichts?“. „Ja, ja, ja, schon verstanden“.
Wir stehen vor einem kleinen Gartenteich welcher im dunklen aussieht, als wäre er mit Teer gefüllt. Die Flaschen kreisen und kreisen, immer wieder rinnt Wodka ummantelt mit zwei Schlücken viel zu warmer Zitronenlimonade meine Kehle hinunter. Ich fühle mich, als würde der Schnaps direkt in meinem Kopf explodieren. Nach den Bieren die davor bereits getrunken wurden, entwickelt sich das alles zu einem hoch gefährlichen Gemisch. Ich spüre förmlich wie ich von Schluck zu Schluck betrunkener werde, sehe aber keine Chance aus diesem Kreis auszubrechen. Schließlich will ich ja betrunken werden und wenn es heute mal schneller geht, was solls?
Als die beiden Flaschen geleert sind, betreten wir drei wieder die Party. Ich bin mittlerweile ziemlich betrunken und Leppert und Bollo sehen nicht unbedingt besser aus. Als wir durch die große Glastür treten, welche zurück ins Haus führt sehen wir, dass die Feier sich stark gefüllt hat. Überall stehen und sitzen Grüppchen herum die sich angeregt unterhalten und trinken. In einer Ecke des Wohnzimmers spielen sogar ein paar Leute Meiern. Die ganze Szenerie ist akustisch überschattet von Eagle Eye Cherrys „Save Tonight“.
Wir kämpfen uns den Weg an trinkenden Jugendlichen und jeder Menge Pflanzen vorbei in Richtung Wintergarten. Wir entdecken Chris an einem Tisch mit ein paar anderen Leuten und gesellen uns dazu.
Der Abend schreitet weiter fort. Wir sitzen unbemerkt in der Ecke des Wintergartens, ohne das jemandem auffällt, dass wir dank unseres Wodka Happenings mittlerweile die Tagensvollsten sein dürften, bis Leppert aufsteht und Richtung Badezimmer wankt. Er torkelt vorbei an einem sich unterhaltendem Pärchen und schafft es dabei nur schwer sein Gleichgewicht zu halten. Kaum ist er um die Ecke verschwunden erscheint Jessica. „Gehts eurem Freund gut? Ich mein, ich hab ein bisschen Angst, dass er hier was kaputt macht, also versehentlich.“, fragt sie Chris eindringlich. „Leppert? Wieso der ist doch topfit.“, antwortet er grinsend. Jessica setzt sich neben zu uns und beginnt ein paar Smalltalk-Gespräche, wie uns die Party so gefällt, ob wir wissen wer noch so kommt usw.
Ich lasse meinen Blick ein wenig wandern, und erblicke Leppert, welcher gerade aus der Richtung des Bads zurückkehrt. Das Pärchen steht immer noch an derselben Stelle und versperrt ihm leicht den Weg, er grinst mich debil an und versucht sich vorsichtig an einer Seite vorbeizudrücken.
Mit dem Rücken zu der Dame, quetscht er sich zwischen ihr und einem eineinhalb Meter großen Kaktus durch, als er auf einmal das Gleichgewicht verliert. In einem Reflex klammert er sich an das Gewächs und reißt es mit sich fallend auf den Boden.
Der Blumentopf zerspringt in tausend Teile und Leppert liegt einige Sekunden den Kaktus umarmend auf dem Boden bevor der Schmerz einsetzt. Dann drückt er die Pflanze so heftig von sich weg, dass diese über den ganzen Boden schlittert. Aufmerksam geworden durch das Klirren des Blumentopfs und mein lautes Gelächter, sehen nun alle zu ihm, während er aufspringt und schreiend auf einem Bein zum nächsten Tisch humpelt. Nun beginnen auch andere zu lachen, sein rechtes Bein (er trug nur khaki Shorts), ist übersät mit kleinen Stacheln, auch auf seinem T-Shirt und seinen Armen zeichnen sich überall kleine grünliche Punkte ab, welche man nur im richtigen Licht als Kakteennadeln identifizieren kann. Jessica ist irgendwann aufgesprungen und kommt nun mit Handfeger und Kehrblech zurück. Um das Unfallopfer scharen sich Kerle, welche ihn auslachen (inklusive mir) und ein Mädel, welche ihn Mitleidig anschaut und ihn bittet sich auf den Tisch zu setzten. Leppert der zwar noch Tränen in den Augen hat aber nicht mehr schreit wie am Spieß, greift fluchend in seine Hosentasche, findet seine Zigaretten und zündet sich eine an.
Als sich das Mädel vor ihn kniet, während sie eine Pinzette aus ihrer Handtasche kramt, ertönt von irgendwo aus der Menge (ich glaube es ist Bollo): „Jetzt übertreibst du aber, Lepperts Schwanz ist bestimmt klein aber eine Pinzette?“. Ich halte mir die Hand vor den Mund, weil ich erneut so laut lachen muss, drehe mich zur Seite und sehe Chris grinsend mit einem Fotoapparat in der Hand.

Der ganze Raum ist für ein Augenzwinkern lang in ein gleißend helles Licht getaucht. Ich drehe mich von der Glasvitrine weg, mir ist schlecht. Ich setzte mich leicht zitternd auf das Sofa und zucke zusammen als Laut der Donner ertönt. Das Prasseln des Regens wird lauter und lauter, die Soundkulisse ist die eines Weltuntergangs, der Apokalypse.
Mir wird schwindlig, ich sitze dort mit den Ellbogen auf meinen Knien gestützt, dem Gesicht in meinen Händen und spüre wie ich stark zu schwitzen beginne. Ich höre die Toilettenspülung und reiße mich zusammen. Wische mir übers Gesicht und konzentriere mich. Langsam aber sicher klingt das Schwindelgefühl ab. Ich schüttele meinen Kopf, was noch einmal stechende Schmerzen hervorruft und blicke zur Tür. Okay, von mir aus kann es losgehen.
Tanja kommt rein. Ihren Gesichtsausdruck kann ich nicht so recht deuten. Sie setzt sich neben mich und schaut mich an wie Magarethe Schreinemakers. Zum absurden abrunden des Bildes, fehlt nur noch ihre Hand auf meinem Knie, verbunden mit einer eindringlichen Frage.
„Ich weiß nicht wie ich das sagen soll Benny. “ sie war immer die einzige die mich Benny genannt hat, alle anderen nennen mich nur Ben und was soll diese Einleitung, will sie etwa? „Ich muss mit irgendwem reden und ich weiß das es unfair ist, gerade zu dir zu kommen, du hast gerade genug eigene Scheiße am Hals.“ Ich grinse nur bitter. Nein will sie nicht. “Aber du bist halt der einzige den ich hab verstehst du? Ich hab genug Freundinnen aber wirklich reden kann ich nur mit dir, also über ernste Sachen, über wichtige Sachen.“ Ein ganz ungutes Gefühl macht sich in meiner Magengegend breit. Das Schwindelgefühl kehrt zurück und ich versuche es mir nicht anmerken zu lassen. „Ich hab schon seit Tagen damit gekämpft dich anzurufen aber wirklich getraut hab ich mich erst vorhin, vielleicht auch weil wir uns ja gesehen haben. Mir ist da wieder eingefallen, dass du immer gesagt hast du wärst für mich da, auch wenn wir kein Paar mehr sind.“ Ihre Augen werden gläsern und feucht, ich blicke zwischen meinen Knien auf den Boden. So eine Schlampe. Dreckige kleine Fotze. Ich weiß nicht was sie will, aber ich ahne in welche Richtung es geht. „Und mit irgendwem muss ich einfach drüber reden, weißt du? Verstehst du das? Ich will dir nicht wehtun oder so, aber zu wem soll ich denn gehen, ich hab Angst“ Bei „muss“ bricht ihre Stimme und der Rest ist nur noch weinerliches Gejammer. Ich balle meine Hand zur Faust und drücke sie so fest zusammen das es weh tut. „Wie sagt man so was? Das ist ja hier keine Fernsehserie.“ „Am besten einfach so wie es ist.“ Flüstere ich kaum hörbar. Sie atmet tief durch und ich auch. Ich spann alles in mir an, wie so ein Shaolin seine Bauchmuskeln, bevor darauf ein Bambusstock zertrümmert wird. „Ich, ach kann man das nicht anders sagen? Das klingt dann doch wie in einer Fernsehserie.“ - „Ich bin schwanger.“

Mein Kopf ist leer, da ist gar nichts, kein Gedanke, keine Assoziation. Nur der eben gehörte Satz hallt noch nach. Alles was ich eben noch gedanklich angespannt habe, wurde zerstäubt in Millionen von Teilchen.
Sie interpretiert meinen Gesichtsausdruck so falsch wie es nur geht.
„Keine Angst, du hast damit nichts zu tun. Dann hätte ich ja schon ein richtiges Bäuchlein. Dürftest den Verantwortlichen nicht einmal kennen.“ Sagt sie mit einem nervösen Lächeln.
Tausend Beleidigungen für dieses egoistische Miststück vor mir rasen durch meinen Kopf, Bilder von erhitzten Kleiderbügeln, hohen Treppen, sonst nichts. Meine Migräne, dass Schwindelgefühl und die Übelkeit sind wieder da.. In meinem Kopf höre ich Prinz Porno, einen deutschen Rapper, den ich nach meiner Punk-Ära ein wenig gehört habe, welcher sich mit meinen Gedanken vermischt.
„Jetzt hast du was du willst Bitch…“
Wie kann sie es wagen? Unendlich viel Wut erfüllt mich.
„…willst du hören wie ich schreie?...“
Was gibt ihr das Recht ausgerechnet jetzt mit so einer Scheiße zu kommen.
„…oder zusehen wie ich mir Nägel in die Augen treibe?...“
Ich spüre wie meine Fingernägel sich leicht in die Haut meiner Handfläche graben.
„..dafür das ich so blind war…“-
„Hey, irgendwas musst du sagen. Am besten einfach was du gerade denkst, ganz ehrlich!?“.
„Ich bete du kriegst Kinder, stirbst bei der Geburt und die Bälger sind behindert.“
Ich höre mich das sagen. Völlig ton- und emotionslos, nicht wie einen Rapsong, nicht wie ein Gedicht, so als wäre ich ferngesteuert. Einfach Wort, für Wort in einem angemessenen, gleich bleibendem Tempo ohne dabei meinen Blick von meine Füssen zu nehmen. Klare Gedanken habe ich immer noch keine. Ich stehe auf und verlasse die Wohnung ohne sie noch einmal anzusehen, zu hören ist nur das starke Prasseln des Regens, sie sagt kein Wort.
Erst draußen denke ich, dass ich eigentlich genau das getan habe worum sie mich gebeten hat.


Fortsetzung folgt...

1 Kommentar:

  1. Wow, langsam wir einem der Ben irgendwie unsympatisch. Weiter so:)

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