Dienstag, 22. Dezember 2009

Filmriss Teil 10 a)

Leppert

10


Nachdem Leppert seine extrem intime Beziehung mit dem Kaktus beendet hat und ihm jegliche sichtbaren Stacheln entfernt wurden, werde ich von hinten sanft in die Seite gepiekst. Mein Kopf hat jegliche Arbeit aufgrund des starken Alkoholeinflusses aufgegeben, weswegen ich mir gar keine Gedanken mache wer das sein könnte und mich einfach umdrehe.
Tanja steht mit einem angedeuteten Lächeln vor mir, ich hingegen trage als ich sie sehe ein fettes Betrunkenen-Grinsen zur Schau, das selbst Andrea Bocelli richtig interpretieren könnte.
Ihr Blick verfinstert sich einen kurzen Moment lang, dann ist er wieder freundlich, diesmal aber gespielt freundlich „Bist du schon voll? Es ist ja nicht einmal elf.“ „Joa, man könnte sagen ich bin…beeinträchtigt, ja. Hatten vorhin ne kleine Wodka-Session im Garten.“ „ Das ist aber schon ziemlich asozial. Also ich will dich nicht beleidigen aber schon so voll zu sein, bevor die Party richtig losgeht…“
Eine Diskussion darüber wie besoffen ich nun wirklich bin und inwiefern das gerechtfertigt sei entbrennt. Das ich verliere ist klar, der Alkohol hat mich zu einem rhetorisch Minderbemitteltem gemacht. Ich bin der Meinung das es prinzipiell doch keinen Unterschied macht wann ich betrunken bin und das es hirnlos sei, die Angemessenheit des volltrunken sein an der Tageszeit zu messen. „… und wenn ich bis um neun Uhr morgens saufe und dann vollstorno zum Bäcker gehe, ist es auch wieder assi. Also ist saufen nur in diesem kleinen scheiß Zeitfenster zwischen Zwölf und Sechs möglich oder wie?“ „Genau… oder findest du es nicht asozial wenn beim Bäcker einer neben dir, der sich aufgrund seiner drei Promille kaum noch auf den Beinen halten kann? Diese Party ist quasi der Bäcker und du der schwankende Typ den alle unheimlich peinlich finden…“

Ich schau in das Gesicht von Fabian. Seine dunklen mittellangen Haare rahmen es ein. Sie sind perfekt harmonisch gewellt. Seine hellblauen Augen sehen aufgeweckt aber auch irgendwie nachdenklich aus, ich kann mir gut vorstellen, dass viele Frauen diesen Blick als sexy interpretieren. Er trägt ein Poloshirt das seinen Körper betont, welcher mit seinen breiten Schultern und der ausgeprägten Oberkörpermuskulatur ungefähr das Gegenteil von meinem ist. Das Becks-Gold in seiner Hand, ist nahezu perfekt mit dem Etikett in meine Richtung gedreht, es fehlt nur noch der eingeblendete Slogan. Vor mir sitzt ein lebendes Werbeplakat. „Du hast was gesagt?!“. „ Das ich hoffe, dass sie behinderte Kinder bekommt und dabei stirbt.“.
„Oh, da kann man verstehen das sie sauer ist, dass hättest du auch anders sagen können.“ Obwohl ich nicht glaube, dass das wirklich ein Witz war, Fabian mag zwar nachdenklich aussehen, aber ich bezweifele das in seinem Hirn mehr Betrieb herrscht, als in dem Laden in dem wir uns gerade befinden, muss ich lächeln.

Fabian und ich kennen uns entfernt von Früher, es gab einen gewissen Konsens im Freundeskreis, so ist man sich ab und zu über den Weg gelaufen. Ich hatte ihn schon Jahre nicht mehr gesehen, weiß aber um mehrere Ecken, ohne das es mich je interessiert hätte, dass er mittlerweile modelt und irgendwo am Theater spielt. Als ich dann in diese Kneipe (die einzige die an einem Wochentag um drei Uhr morgens noch auf hat) gekommen bin, hat er mir hallo gesagt und mir angeboten mich zu ihm zu setzen.
Jetzt ist erneut eine Stunde vergangen, ich habe beinah in Rekordzeit vier Weißbier und drei doppelte Whisky in mich reingeschüttet. Der Alkohol umhüllt mich erneut mit der wohligen Watte des Rausches. Das schlechte Gewissen, sowie mein Hass und meine Wut (sowohl auf mich selbst, als auch auf Tanja), werden abgeschwächt und in den Hintergrund gerückt. Ich kann mir nicht erklären, warum ich ausgerechnet so einem dämlichen Schönling wie ihm erzähle was vorgefallen ist, aber auch die Erklärungsnot bremst mein Mitteilungsbedürfnis nicht.
„Und dann bin ich einfach gegangen, da gabs dann ja eh nichts mehr zu sagen. Ich mein, ich weiß das das nicht wirklich Gentlemanlike war, aber jetzt ist auch zu spät“ Fabian sammelt sich kurz und überlegt, dann sagt er: „Also Ben, das is halt echt n hartes Brot. So was kannste ja nicht einfach sagen…“ und fügt mit einem beinah genialen Einfall noch hinzu: „…das ist ja auch verletzend und so!“. Eine gesegnete Eingebung jagt die nächste: „Ey, du hast es aber halt echt nicht so einfach grade. Erst trennt ihr euch ne?“ er wartet auf meinen bestätigendes Nicken bevor er fortsetzt: „Dann der Autounfall von Hagen,…“ mein Magen verkrampft sich kurz „hab ich in der Zeitung gelesen, scheiß Alkohol am Steuer, echt heftig! Und jetzt das. Verstehste was ich sagen will? Das ist wie, wie heißt der eine noch...?“
Ich schaue ihn verständnislos an, bin aber tatsächlich ein bisschen davon überrascht das Fabian es geschafft hat, dass alles in einen Zusammenhang zu bringen. „Na man, der eine aus der Bibel, der dem immer sone Scheiße passiert. So als Prüfung oder so…“ „Meinst du Hiob?“ „Ja genau! Vielleicht ist das bei dir auch so eine Prüfung oder so? Musste mal so sehen, prositiv denken, immer prositiv denken“
Ich muss dem beinah unbezwingbaren Drang, die Augen zu rollen und mir mit der flachen Hand an die Stirn zu klatschen widerstehen. Obwohl es ein leichtes wäre Fabian für seine Ambivalenz von Aussehen und Intelligenz zu verachten, sammelt er gerade einen Pluspunkt nach dem anderen bei mir. Außerdem erinnert er mich momentan ein bisschen an meine persönliche Vorstellung von Zaphod Beeblebrox aus „Per Anhalter durch die Galaxis“ und Zaphod kann man einfach nicht böse sein.
Trotz der herrlichen Sinnlosigkeit seiner Aussagen, versucht er anscheinend wirklich mir zu helfen. Mir, dem der ihn immer verachtet hat, weil er nur ein Schönling ist, der nicht lesen kann ohne unter jedem einzelnen Wort mit dem Finger entlang zu fahren. Meine Gedanken springen von diesem Klischee des geläuterten Misanthropen den ich gerade abgebe, zu dem was Tanja sagte.
„Das ist echt wie in irgendeiner scheiß Soap, sie hatte tatsächlich recht, dass kann man sich ja kaum ausmalen so kitschig wie das alles ist!“ Ich habe den Gedanken, Alkohol sei dank, sofort ausgesprochen, genau wie mein Gegenüber vorhin, welcher mich nur fragend ansieht. Der nächste meiner Gedanken wird auch sofort artikuliert „Sag mal, ich quatsch dich hier jetzt seit einer Stunde voll, was machst du eigentlich hier?“ „Ja man, das hätte ich dir schon noch erzählt, ich habe heute nen fetten Vertrag abgeschlossen. Für eine Fernsehwerbung von Nivea man. Das gibt richtig Kohle und ich muss nichts dafür tun, außer mir oberkörperfrei vor nem Spiegel die Fresse mit sonem Zeug einzureiben…“ Es folgen Details darüber, wann und wo und was genau zu sehen sein wird, aber auch wenn er es verdient hätte, dass ich ihm jetzt zuhöre, kann ich einfach nicht. Meine Kopfschmerzen sind schlagartig wieder da, begleitet von ihrem neuen besten Kumpel dem Schwindelgefühl, außerdem hat sich mein Magen seit der Erwähnung von Lepperts Unfall nicht wieder entspannen können. Ich versuche mir nichts anmerken zu lassen, aber auf einmal unterbricht Fabian seine Erzählung. „Alter das seh ich ja jetzt erst. Hast du irgendwas geschmissen?“. Ich höre ihn so dumpf und metallisch als hätte ich einen Ritterhelm auf. Obwohl, besser noch als hätte er einen auf. „Ob ich was habe?“ bringe ich in einem schmerzerfüllten Stöhnen hervor. „Was geschmissen. Ne E oder besseres“ „Nein ?! Warum…“ „Alter das sieht man doch, brauchst mir nichts erzählen. Deine Pupillen sind total komisch und…“ er neigt seinen Kopf ein wenig um mir direkt in die Augen zu schauen, ganz schwach sehe ich die Silhouette meines eigenen Spiegelbildes auf seiner Iris „… du schielst glaube ich sogar ein bisschen“ Ein breites Grinsen schleicht sich auf sein Gesicht. „Du bist auf irgendwas drauf man, mir musste nichts erzählen, man lebt nur einmal richtig?“ Ich stehe vom Tisch auf, der Alkohol scheint extrem angeschlagen zu haben, ich habe Probleme gerade zu stehen und muss mich kurz auf einer Stuhllehne abstützen bevor ich Richtung Gäste WC torkele. Ich halte mich am Rande des Waschbeckens fest und erbreche ein bräunlichen Schwall, welcher meinen Hals gefühlt in Flammen stehen lässt. Als ich hochsehe, in mein eigenes Spiegelbild, blicke ich in ausgezehrte, rot angelaufene und tatsächlich leicht schielende Augen. Ich versuch mich zu erinnern ob ich schon immer so geschielt habe, aber der Alkohol knipst die Lichter in meinem Kopf nacheinander langsam aus.



Fortsetzung folgt...


Anm. d. Autors : Um mir selbst ein bisschen Druck zu machen und zu verhindern das ich diesen Teil erneut von vorne beginne wie schon zwei mal, habe ich jetzt erstmal ein Teil von Kapitel 10 veröffentlicht. Ich hoffe ich komme jetzt wieder in Fahrt.
Falls man sich bis dahin nicht liest, wünsch ich allen die hier mal vorbeigucken ein frohes Fest und den ganzen anderen Kram
Mfg KaZper

1 Kommentar:

  1. Endlich mal was neues :)
    Ich hoffe diesmal geht es schneller vorran

    LG Hagi

    AntwortenLöschen

 
Besucherzähler