Samstag, 26. Dezember 2009

Hail to the King Baby!

Eine Lobhudelei auf Stephen King

Hallo, es ist 3:53 Uhr als ich diesen Text beginne und ich muss einfach einiges loswerden. Die Menschen die mich persönlichen kennen, stöhnen jetzt wahrscheinlich auf und überfliegen das alles nur. Dennoch versuche ich auch denen etwas zu bieten.
Ich versuche im Folgenden eine Lobhudelei auf meinen Lieblingsautor zu schreiben. Auf jemanden, dessen man sich fast schämen muss Anhänger seiner Werke zu sein, weil er so stark verkannt wird wie kein zweiter (darauf komme ich noch zurück). Jemand der mich durch mein Leben begleitet, seit ich zwölf Jahre alt bin und dessen Werke mich stärker geprägt haben, als die der meisten Musiker, Filmemacher und im allgemeinen Künstler zusammen. Ich rede natürlich von Stephen King.

Nun bitte ich alle, die vorhaben das hier zu lesen und von King nicht viel mehr als seinen Namen und vielleicht zwei bis drei seiner Verfilmungen kennen, die bisherigen Assoziationen so gut es geht beiseite zu schieben.
Vergesst wie reißerisch der Heyneverlag Kings Buchtitel ins deutsche „interpretiert“ (Tommyknockers = Das Monstrum, Duma Key = Wahn, Blaze = Qual oder Everything’s Eventual = Im Kabinett des Todes, um nur mal ein paar Beispiele zu nennen), oder wie flach und 0815 seine Verfilmungen sind und den Eindruck vermitteln, Stephen King schreibe nur billige Slasher-Kost. Vergesst was amerikanische Kritiker sagen, wenn sie behaupten King wäre „Lese-Fastfood“ ohne Gehalt und nicht annähernd so „sättigend“ wie die Konkurrenz. Holt ihn weg aus der Ecke der Dan Browns, Wolfgang Hohlbeins und Dean Koontz (entschuldigt wenn ich jetzt jemanden diffamiert habe, den ihr mögt) und betrachtet ihn, allein mit Hilfe der Faktoren die nötig sind, um die Qualität eines Autors zu bemessen.
Auch wenn das so wirkt, als wäre ich ein verblendeter Fanboy, welcher jeden morgen mit feuchten Tröpfchen in der Shorts aufwacht, weil er von seinem Idol geträumt hat, kann ich viel der starken Kritik mit der sich King konfrontiert sieht verstehen und auch viele Lobeshymnen auf einige seiner Bücher nicht nachvollziehen.
King ist meiner Meinung nach ein ambivalenter und vor allem flexibeler Autor. Für dessen immens hohen Output (ich weiß, Anglizismen stinken), erstaunlich viel Qualität vorhanden ist, der aber auch schon viel Scheiße verzapft hat. Zeitverschwendungen wie „Der Buick“, „Desperation“ und „Tommyknockers“ lassen mich immer noch förmlich erzittern.
Nun, bevor ich zu den angekündigten Faktoren die nötig für die Qualität eines Autors sind komme, muss ich die persönliche Aktualität dieses Eintrags verdeutlichen.
Nach meinem einjährigen sehr amüsanten und mitreißendem Ausflug in die Ecke der Misanthropie, mit Hilfe der Autoren Faldbakken, Welsh und Palahniuk, von denen ich auch keinen mehr missen möchte, bekam ich am 6. Dezember „Die Arena“ (org: Under the Dome), den neuen Kingroman geschenkt. 1280 Seiten, welche ich just vor einer halben Stunde beendet habe.

Wieder King zu lesen, war wie nach dem Urlaub nach Hause zu kommen. Der Urlaub war total schön, aber irgendwie freut man sich auf Zuhause und kaum ist man da, genießt man jede ruhige Minute in seinem Lieblinssessel, obwohl der Strand wunderschön war. Vielleicht war es psychosomatisch, aber King hat mich sofort wieder gepackt. Ich hatte wenig Zeit, aber die die ich entbehren konnte, las ich und über die Feiertage hab ich bis eben einen 800 Seiten Marathon über drei Etappen gemacht. Ich war schon immer ein gieriger aber nicht zwingend ein schneller Leser.
Nun habe ich das neuste Werk Kings beendet, von dem ich wirklich Angst hatte, dass es schlecht wird, weil ich nicht wusste ob mich King noch über so eine Länge fesseln kann, nachdem ich bei Lisey´s Story schon beinah vor Langeweile einging. Er konnte es und wie.
Kommen wir zu der Bewertung Kings. Natürlich beziehe ich mich hier auf rein subjektive Faktoren, da man wie ich finde, selbst Literatur nicht auf die pure Technik reduzieren darf. Natürlich kann man anhand derer Urteile wie „gut“ oder „schlecht“ fällen. Ich habe davon aber nicht genügend Kenntnisse um das bei King zu beurteilen und ich lese ihn fast nur übersetzt, was mich sowieso disqualifiziert.
Es ist ähnlich wie bei allen anderen Kunstprodukten, man muss wissen worauf man sich bezieht. Will man alles von der technischen Seite betrachten und einen Autor nur anhand dessen bewerten wie gut er mit Sprache umgehen kann? Ich persönlich finde, dass man dabei nicht vergessen sollte was Zweck der Instrumente sind, welche die Sprachfähigkeiten eines Autors darstellen. Alles läuft darauf hinaus Geschichten zu erzählen. Und das ist meiner bescheidenen Meinung nach, der wichtigste Punkt an dem ein Autor zu bemessen ist. Natürlich gibt es Autoren die es schaffen beides in einer unfassbaren Synthese miteinander zu verknüpfen, überragende Technik und eine Geschichte die dir den Rucksack vom Rücken haut. Nicht umsonst sind die Orwells, Dickens und Goethes so unangreifbar, was die Qualität ihrer Werke angeht.
Also haben wir unseren Rahmen abgesteckt, in dem wir uns King ansehen wollen. Der rein Subjektive Rahmen meiner eigenen kleinen Weltsicht. Wie bei allem anderen ist es natürlich eine Frage des Geschmacks. Es gibt genügend Leute die wie ich, für ihren Autor eintreten und ihn auf Gedeih und Verderb verteidigen und diese Leute wollen eigentlich nicht mehr, als ich mit diesem Text erreichen will, dass dieser Autor eine echte Chance bekommt. Der Unterschied ist, dass King nicht zu unbekannt, sondern zu bekannt ist. King zu lesen ist wie Golf zu fahren, Die Ärzte zu hören oder Schokolade als Lieblingseissorte zu haben.
Jeder hat eine Meinung zu King, auch ohne sich selbst mit ihm befasst zu haben. Er ist der Horrortyp, dieser Blutrünstige, mit dem Monsterclown aus „Es“.
Das meine ich mit dem beinah schämen müssen. King ist für so gut wie alle die ihn nie gelesen haben Groschenroman Niveau. Einfach nur aufgrund der vielen Eindrücke, des wohl bekanntesten Autors der Welt, die so auf einen einprasseln. Viele davon stimmen auch, ich glaube King hat viele Leser, die nicht verstehen worauf er hinaus will und die blutigen Stellen in seinen Büchern am besten finden. Dennoch sollte jeder, der gerne Bücher liest Stephen King aus Maine zumindest eine Chance geben.
Ich versuche an einem Vergleich mit einem momentan extrem bekannten Autors, Kings vorteile deutlich zu machen. Vorhang auf für Danny-Boy.
Dan Brown und Stephen King weisen viele Ähnlichkeiten auf. Beide haben anscheinend das Talent, binnen kürzester Zeit immens viele Menschen für ihre Geschichten einzunehmen. Sie erzählen spektakuläre Geschichten, die dazu führen, dass man ihre Bücher verschlingt. Der große Knackpunkt sind die Charaktere und dort ist King meiner Meinung nach so gut wie einzigartig.
Was bleibt den Leuten von Robert Langdon (Protagonist in Browns „Illuminati, Sakrileg, Das verlorene Symbol) im Gedächtnis? Was denkt Robert Langdon? Warum handelt er so wie er handelt? Was zeichnet ihn aus, außer seiner Position innerhalb des Romans?
Langdon ist meiner Meinung nach austauschbar. Langdon ist einem auch im Grunde genommen Egal. Man will zwar wissen wie es weitergeht, aber würde es mich stören wenn ihm ein Fuß abgehackt wird? Wenn er gefoltert werden würde? Nein, kein Stück. Höchstens dadurch das die Geschichte nicht weiter geht. Dan Brown versucht Langdon Ecken und Kanten zu geben. Die Platzangst, die Micky Mouse Uhr. Aber er versagt.
Stephen King nimmt sich Zeit für seine Charaktere und schafft das meistens ohne den Leser zu langweilen. Die Protagonisten und Antagonisten haben eine Seele. Man lernt sie mit dem Buch kennen und viel wichtiger, verstehen. King ist unantastbar darin, fiktiven Personen Leben einzuhauchen und das ist wörtlich gemeint.
Die Menschen die King erschafft, kann sich der Leser in einer anderen Umgebung vorstellen und hat eine Idee davon, wie sie sich verhalten. Alles was sie tun, ergibt einen Sinn, es steht im direkten Bezug zu ihrer Persönlichkeit. King schafft es Wahnsinnige Gegenspieler zu schaffen (Randall Flagg, Norman Daniels, Die Rennies, George Stark) vor denen sich auch der Leser fürchtet, aber sie dennoch irgendwie versteht, was sie noch beängstigender macht und Sympathieträger zu skizzieren (Jonsey-Biber-Henry-Pete, Alan Pangborn, Dale Barbara) die mehr sind als Figuren in einem Roman. Es sind Charaktere die sich in der Vorstellung des Lesers materialisieren und dort existieren. Sie sind Menschen für die man etwas empfindet. Es ist schwer zu beschreiben bis man es erlebt, aber King schafft eine Mitleidigkeit mit seinen Figuren, die mir sonst nie unterkam.
Genau diese Figuren sind es, um die es bei King geht. Es geht selten wirklich um den alten Indianerfriedhof, das zum Leben erwachte Auto das beginnt zu morden oder den dämonischen Clown. Es handelt von Menschen die einen interessieren, und sie ein Stück durch ihr Leben zu begleiten. Zu erleben was sie erleben und noch mehr, zu fühlen was sie fühlen. Diese Nähe zu den Charakteren, schafft King meistens erst durch die Extremsituationen herzustellen in die diese geraten. Leider sind es die Extreme für die er bekannt ist, dafür das er nicht zimperlich mit Gewalt umgeht, dafür das er die abstrusesten und manchmal auch dämlichsten Einfälle hat. Aber das wofür King bekannt ist, ist nicht seine größte Stärke.
Ich gehe hier absichtlich nicht auf die „Dark Tower“ Reihe ein, welche quasi Kings stärken potenziert und somit ein unfassbar intensives literarisches Werk ist, sondern spreche hier nur von dem „Groschenroman King“ dessen Filme man kennt. Auch wenn die Filme teilweise Klassiker sein mögen, Brian de Palmas „Carrie“ zum Beispiel, ist es für sie unmöglich die unfassbare Nähe zu den Figuren zu transportieren, welche man beim Lesen hat.
Diese Nähe ist es auch, was bewirkt, dass ich restlos alles von King lese. Auch Bücher wie „Der Buick“, welches ich schon nach den ersten 100 Seiten als schrecklich lustlos und eintönig empfand, konnte ich nicht einfach aufhören zu lesen, weil mir das Schicksal der Protagonisten trotz aller Antipathie der Geschichte gegenüber, irgendwie am Herzen lag. Eine Geschichte ist immer nur so gut oder schlecht wie ihre Charaktere. Deshalb ist Stephen King in meinen Augen ein genialer Geschichtenerzähler, Autor und Künstler. Die Empathie, welche King erschafft, ist einzigartig und kann nur Kunst sein. Kein Fastfood, kein niveauloses Blutbad, kein schlichter Gruselroman, sondern wahrhaftige Kunst. Wenn Kings Bücher Lehm wären, wäre er niemand geringeres als Gott, weil er Menschen erschafft und nicht bloß Figuren.

So, am Ende wurde ich etwas schwammig, aber die Müdigkeit hat mich eingeholt. Auch wenn die Schleimspur die ich hinterlasse ziemlich dick ist, wird hoffentlich klar das sie ehrlich und einigermaßen differenziert (soweit möglich für einen Fanboy) ist.
Mfg KaZper

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